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Mit „MuT“ die Zukunftschancen junger Menschen verbessern

28. Januar 2020

„Wenn du mit dir am Ende bist
Und du einfach nicht weiter willst
Weil du dich nur noch fragst
Warum und wozu und was dein Leben noch bringen soll“

(„Steh auf, wenn du am Boden bist“ - Die Toten Hosen)

Ein Zitat der Toten Hosen beim SOS-Kinderdorf Lippe ist sicherlich ungewöhnlich. Genauso wie unser Projekt, das wir vorstellen möchten. Aber die Zeilen aus dem Lied „Steh auf, wenn du am Boden bist“ sind absolut zutreffend auf die von uns begleiteten jungen Menschen. Wir sind Astrid und Miriam, beide Sozialpädagoginnen, und arbeiten bei den Jugendberufshilfen in Detmold. Wir möchten Ihnen heute vom „Aufstehen“ erzählen.

Am 1. Oktober 2018 sind wir mit dem neuen Pilotprojekt „Motivation und Training“ – kurz „MuT“ – im Auftrag des Jobcenters Lippe gestartet. Möglich wurde dies durch eine Gesetzesänderung und den Mut vieler Beteiligter, diese auch umzusetzen.

Unsere Zielgruppe sind junge Menschen zwischen 15 und 25 Jahren in schwierigen Lebenssituationen, die bisher durch alle Raster und Hilfsangebote gefallen sind oder diese aus persönlichen Gründen nicht annehmen konnten und/oder wollten. Die Situation dieser jungen Menschen ist häufig gekennzeichnet und verursacht durch Schulabbrüche oder -verweigerung, Abhängigkeiten und/oder psychische Probleme. Oftmals sind sie auch wohnungslos und übernachten dauerhaft bei Freunden auf der Couch oder auch auf der Straße.

Ziel unseres MuT-Projekts ist es, diesen jungen Menschen bessere Perspektiven für ihre Zukunft zu geben und sie zu befähigen, ihren eigenen Lebensweg zu gestalten. Doch wo findet man diese Jugendlichen? Und wieso sollten sie sich von uns helfen lassen? Noch ein Erwachsener, der alles besser weiß und ihnen sagt, was sie zu tun haben? – Nein, danke!

Manchmal bekommen wir Kontaktdaten vom Jobcenter, manchmal von Schulen oder anderen Einrichtungen und manchmal suchen wir selbst. An Bahnhöfen, an stadtbekannten Treffpunkten, in Jugendzentren etc. Wir suchen die Jugendlichen auf, stellen unser Projekt vor und bieten uns als Ansprechpartnerinnen an. Im Sommer sind wir beispielsweise mit dem Bollerwagen losgezogen und haben Getränke angeboten, manchmal verabreden wir uns in Cafés. Unabdingbar ist es den jungen Menschen zu signalisieren: Du bist wichtig und wertvoll, ich nehme mir Zeit für dich.

SOS-Kinderdorf

Vielleicht fasst jemand nach einigen Treffen Vertrauen und erzählt, wo er oder sie Hilfe benötigt. Dann bieten wir Lösungsmöglichkeiten an und überlassen dem jungen Menschen die Entscheidung, ob er das Angebot annimmt oder nicht. Möchte er begleitet werden oder geht er einzelne Schritte selbst? Wir geben den jungen Menschen so die Kontrolle über ihr Leben zurück und ermöglichen ihnen, sich selbst als wirksam zu erleben. Eine Voraussetzung für ein selbstbestimmtes Leben.

Wir können natürlich nicht alles allein schaffen, daher nutzen wir auch die Angebote unserer Kooperationspartner wie Ärzte, Institutionen, Beratungsstellen etc. Und natürlich die Kompetenzen und Möglichkeiten, die unsere eigenen Einrichtungen in Lippe bieten, im Kinderdorf, bei Beratung und Treffpunkt in Blomberg und bei den Kinder- und Jugendhilfen in Detmold. Besonderer Dank gilt allen Spenderinnen und Spendern, die diese Arbeit durch ihre Unterstützung möglich machen.

Das „Aufstehen“ haben seit Projektbeginn 36 junge Menschen geschafft. Für uns eine Bestätigung unserer bisherigen Arbeit und eine Motivation weiter zu machen.

Geschichten vom Aufstehen

Bärbel, 22 Jahre, übernachtete dauerhaft bei Freunden. Sie hat mit ihrer Oma zusammengelebt, bis diese verstarb. Zu ihrer eigenen Familie hat sie keinen Kontakt mehr. Sie war mit allem über-fordert, so häuften sich Mietschulden an, sie brach ihre Ausbildung ab, hatte kein Einkommen, traute sich nicht zum Amt und hatte gesundheitliche Probleme. Bärbel war froh über unser Angebot und konnte sich gut darauf einlassen. Mittler-weile hat sie eine eigene Wohnung, bekommt Leistungen von der Agentur für Arbeit, wurde zu diversen Arztterminen begleitet und nimmt weiterhin unsere Unterstützung an. Wir begleiten Bärbel seit ca. 6 Monaten.

Pierre, 23 Jahre, aus Ghana, lebt seit 2 Jahren in Deutschland und spricht französisch. Pierre war wegen einer Auseinandersetzung der Notunterkunft verwiesen worden und damit obdachlos. Als Sofortmaßnahme haben wir ihm einen Schlafsack, ein Handtuch und Hygieneartikel besorgt. Im weiteren Verlauf haben wir eine Schlafmöglichkeit im Obdachlosenasyl der Stadt organisiert und Hilfe zum Lebensunterhalt beim Jobcenter beantragt. In einem nächsten Schritt nahmen wir Kontakt zum Café Welcome in Detmold auf und organisierten ihm einen dauer-haften Ansprechpartner.

Robert, 24 Jahre, hat schon viele Abbrüche in seinem Leben erlebt. Die familiäre Situation war schwer und er hat schon viele Jahre gar keinen Kontakt mehr zu seiner Familie. Schulbesuche waren unregelmäßig, einen Schulabschluss hat er nicht. Er konsumierte einige Jahre lang Drogen, ist aber jetzt an dem Punkt, wo er sein Leben verändern möchte. Auf der Suche nach Therapeuten und Ärzten konnten wir ihn unterstützen und zu Terminen begleiten. Mittlerweile wurde ein Therapieplatz für ihn gefunden.

Von Astrid Prick und Miriam Sacha

Ihre Ansprechpartnerinnen für das Projekt „MuT“