Zum Warenkorb 0

Zum Warenkorb hinzugefügt:

Schutzgebühr:

Zum Warenkorb
Aktuelles

Familien stärken

20. Dezember 2019

Fallbeispiel: Ambulante Hilfen zur Erziehung

Familien stärken, damit sie wieder ohne unsere Unterstützung zurechtkommen

Mein Name ist Giuseppe Barbiere und ich bin Diplom-Sozialarbeiter bei den Kinder- und Jugendhilfen in Detmold. Ich arbeite seit vielen Jahren im ambulanten Bereich. Wir bieten Hilfen, um familiäre Konflikte zu klären und gemeinsam Lösungsmöglichkeiten zu erarbeiten. Wir beraten Eltern in Erziehungsfragen, machen Familientherapie, betreuen junge Menschen in der eigenen Wohnung, unterstützen Eltern in kritischen Situationen und vieles mehr.

Unser Ziel ist es, die Familie soweit zu stärken, dass sie zukünftig wieder ohne unsere Unterstützung zurechtkommt und ein Miteinander erreicht. Der Unterschied zu einer Heimunterbringung ist der, dass wir die Kinder und Jugendlichen sowie deren Eltern zu Hause aufsuchen. An einem fiktiven Beispiel möchte ich Ihnen unsere Arbeit vorstellen.

Fallbeispiel ambulante Hilfen

Ein Mitarbeiter eines Jugendamtes im Kreis Lippe fragt bei uns an, ob wir im folgenden Fall unterstützen können: Die getrennt lebenden Eltern eines 13-jährigen Jungen haben mit ihrem Sohn das Jugendamt aufgesucht und bitten um Hilfe. Sie berichten, der Sohn sei seit Monaten kaum noch zur Schule gegangen, er würde immer wieder schwänzen, habe schlechte Zensuren und sie wüssten oft nicht, wo er sich aufhalte. Sie hätten schon alles probiert und wüssten nicht weiter. Die Eltern machen sich große Sorgen und sind bereit, Hilfe anzunehmen. Wir verabreden uns zu einem ersten Gespräch mit der Familie beim Jugendamt, zu dem ich meine Kollegin Ute Brocksieper hinzuziehe.

Bei diesem Termin werden mit allen Beteiligten die Aufträge geklärt, so dass alle Familienmitglieder wissen, wie gearbeitet wird und worauf sie sich einlassen. Wir vereinbaren, dass ich einen wöchentlichen Termin mit dem Sohn wahrnehme und mit den Eltern zusammen den Kontakt zur Schule halte, während Frau Brocksieper regelmäßige Gespräche mit den Eltern führt.

Kein festes Zuhause – kein fester Ankerpunkt

Familien stärken

Beispiel einer Beratungssituation der Ambulanten Hilfen.

Nach einer Phase des Vertrauensaufbaus wird in meinen Gesprächen mit dem Jungen deutlich, dass er seit Jahren abwechselnd drei bis vier Tage bei der Mutter und dann wieder drei bis vier Tage beim Vater lebt. Er kann beschreiben, dass er das Gefühl hat, kein richtiges Zuhause zu haben: „Wenn ich bei Mama bin, brauche ich gar nicht richtig auszupacken, weil ich dann schon wieder bei Papa bin und umgekehrt.“  Er fühlt sich hin- und hergerissen und hat in seinem Leben keinen festen Ankerpunkt.

Meine Kollegin erfährt derweil von den Eltern, dass sie beide diese Aufteilung der Tage untereinander - für sich selbst - für die beste Möglichkeit hielten. Dabei haben sie aber ihren Sohn mit seinen Wünschen und Bedürfnissen aus dem Blick verloren.

In gemeinsamen Terminen mit der ganzen Familie kann der Sohn mit meiner Unterstützung seine Situation und seine Wünsche benennen. Es gelingt in der folgenden Zeit, mit allen gemeinsam eine andere Lösung zu erarbeiten, mit der alle einverstanden sind. Zunächst wohnt der Junge nun 14 Tage beim Vater und 14 Tage bei der Mutter. Sowohl die Eltern als auch der Junge werden aber weiterhin von uns begleitet, damit wir die Lösung gemeinsam immer wieder betrachten und auswerten können. Dabei wird deutlich, dass der Sohn sich nun in seiner Pubertät stärker am Vater orientiert und auch am liebsten bei ihm wohnen möchte. Die Mutter kann sich schweren Herzens dazu durchringen, da sie inzwischen die Wünsche und Bedürfnisse ihres Sohnes im Vordergrund sieht.

Ein fester Ankerpunkt als Hilfestellung im Alltag

Der Sohn zieht zum Vater und besucht seine Mutter nun regelmäßig an den Wochenenden. Er hat nun ein festes Zuhause, in dem er sich wohlfühlt. Seine Freunde wohnen in naher Umgebung und er ist fest integriert. Seine Mutter besucht er regelmäßig. Seit einigen Wochen geht er wieder regelmäßig zur Schule. Der feste Ankerpunkt in seinem Leben hat ihm geholfen, seinen Alltag wieder erfüllen zu können. Wir begleiten die Familie noch einige Zeit in größeren Abständen, um die Situationen auszuwerten und zu schauen, ob alle damit leben können. Dann ziehen wir uns aus der Familie zurück.

Die Arbeit im ambulanten Bereich ist für mich immer noch eine spannende Arbeit. Jeder Fall ist anders. Jede Familie, jedes Kind und jeder Jugendliche hat eigene Wünsche und Bedürfnisse. Nur ist in manchen Familien im Laufe der Zeit eine Sprachlosigkeit eingetreten. Wie in diesem Fall das Schulschwänzen, steht manchmal ein Problem im Vordergrund, das gar nicht das eigentliche Problem ist. Hier genau hinzuschauen und mit der gesamten Familie Lösungsstrategien zu entwickeln, macht für mich den Reiz dieser Arbeit aus. So kann die Lösung, die es in diesem Falle gab, in einer anderen Familie auch ganz anders aussehen.

Ihre Ansprechpartner