Häusliche Gewalt: Kinder leiden am meisten
SOS-Kinderdorfmitarbeiter Michael Breiner im Interview

„Jede Form von Gewalt ist inakzeptabel“

Michael Breiner ist Bereichsleiter des Familienhilfezentrums im SOS-Kinderdorf Kaiserslautern. Hier finden von Gewalt betroffene Kinder und Jugendliche und deren Familien eine Anlaufstelle mit Beratungs- und Therapiemöglichkeiten.

Herr Breiner, mit welchen Formen von Gewalt werden Sie bei Ihrer Arbeit konfrontiert?

Mit allen. Zu uns kommen Kinder und Jugendliche, die Zuhause körperlich misshandelt werden, geschlagen oder eingesperrt zum Beispiel. Genauso kommen zu uns Kinder, die emotional misshandelt werden, die ständig erniedrigt werden oder deren Eltern sie für ihre Scheidungsstreitigkeiten instrumentalisieren. Wir haben es auch mit Familien zu tun, in denen Kinder vernachlässigt werden. Dazu kommen Kinder und Jugendliche, die sexuell missbraucht werden. 

Wie definieren Sie bei dieser großen Bandbreite Gewalt?

SOS-Kinderdorf-Experte Michael Breiner

SOS-Kinderdorf-Experte Michael Breiner

Natürlich gibt es gesetzliche Definitionen, aber die sind für uns nicht ausschlaggebend.  Stattdessen fragen wir: Wie erleben Kinder und Jugendlich die Situationen? Das ist gerade bei emotionaler Misshandlung ein guter Indikator. Bei körperlicher Gewalt ist für uns klar: Jede körperliche Attacke ist eine Misshandlung, auch wenn es eine einmalige Sache ist. Wenn ein Kind den oft zitierten Klaps auf den Po bekommt, der ja angeblich nicht schaden soll, kann das für uns eine körperliche Misshandlung sein. Immer dann, wenn Kinder etwas für sich als belastend erleben, liegt eine Misshandlung vor.

Eine ziemlich strenge Definition.

Ja, aber wir brauchen eine klare Haltung. Das ist auch erstmal nicht wertend. Natürlich verstehen wir, dass Erziehungssituationen manchmal schwierig sind, es auch mal laut zugeht und Eltern die Hand ausrutschen kann. Trotzdem müssen wir konsequent nach anderen Lösungen suchen.  Für uns ist dabei auch entscheidend, dass seit dem Jahr 2000 gesetzlich festgelegt ist, dass Kinder ein Recht auf eine gewaltfreie Erziehung haben. Jede Form von Gewalt ist deshalb inakzeptabel.

Trotzdem kommen Menschen vermutlich nicht schon nach dem ersten Klaps zu Ihnen?

Richtig. Der Großteil der Fälle wird vom Jugendamt an uns verwiesen. Daran wird deutlich, dass es nicht nur um eine einmalige Aktion geht. Hier hat es über einen langen Zeitraum heftige Situationen gegeben.

Wie arbeiten Sie mit diesen Familien?

Das erste Gespräch findet in der Regel mit einem oder beiden Elternteilen statt, später holen wir auch das Kind dazu. Wir schauen, ob in der Familie Veränderungen möglich sind und das Kind weiter zu Hause leben kann. Mit Eltern funktioniert es zum Beispiel gut, sie die Position des Kindes einnehmen zu lassen. Wir fragen, wie es bei ihnen zu Hause war, als sie im Alter ihres Kindes waren. Viele erzählen dann, dass sie selber Gewalt erlebt und darunter gelitten haben. Bis zu einem bestimmten Punkt ist es auch wichtig, Verständnis für die Situation der Eltern zu haben. Die wenigsten Eltern schädigen ihr Kind mit Absicht. Und wenn bei den Eltern Einsicht gelingt, ist es ein guter Weg, das Verhalten zu ändern.

Was wenn Kinder nicht mehr zuhause bleiben können oder wollen?

Wir bieten Inobhutnahmeplätze an, wo Kinder, wenn es nicht anders geht, außerhalb ihres Elternhauses zur Ruhe kommen können. Dann überlegen wir gemeinsam, wie es weitergeht. Bei solchen oft schwerwiegenden Fällen helfen wir Kindern auch, das Erlittene mit verschiedenen Therapien zu verarbeiten.

Woran kann man erkennen, dass ein Kind Gewalt erlebt?

Solche Kinder verhalten sich häufig auffällig. Sie werden aggressiv oder ziehen sich sehr zurück, entwickeln Ängste oder schlafen schlecht. Viele sind unruhig, können sich nicht mehr konzentrieren und Schulleistungen fallen ab. Jugendliche versuchen häufig, sich zu betäuben und greifen zu Alkohol, Drogen oder verletzen sich selbst.

Welche langfristigen Folgen hat Gewalt für die Betroffenen?

Unabhängig von der Form der Misshandlung wissen wir, dass Betroffene oft das Gefühl der Selbstwirksamkeit verlieren, also das Gefühl Dinge beeinflussen zu können und Kontrolle über das eigene Leben zu haben. Auch in der Beziehungsgestaltung kommt es zu Schwierigkeiten. Enge Bindungen werden nur schwer eingegangen, und das Risiko für  Kinder und Jugendliche mit Gewalterfahrungen später auch Gewaltbeziehungen zu suchen, ist erhöht. Das heißt, sie werden in Partnerschaften erneut misshandelt oder üben selbst Gewalt aus. Grundsätzlich sind die Folgen aber nicht immer dieselben und hängen von vielen Faktoren ab, zum Beispiel dem Alter des Kindes oder Dauer und Häufigkeit der Gewalterfahrung.

Welche Rolle spielt Armut in den Familien mit denen Sie arbeiten?

Wir haben im Vergleich zu anderen Beratungsstellen relativ viele Familien, die an der Armutsgrenze leben. Das ist ein Faktor, der gerade bei Vernachlässigung und körperlicher Misshandlung immer wieder auftaucht. Armut bedingt einfach vieles weitere, zum Beispiel beengte Wohnverhältnisse, die Nachbarschaft und soziale Isolation.

Wie ändern Sie Gewalt-Dynamiken in Familien ohne solche Umstände ändern zu können?

Wir verstehen uns nicht nur als Beratungs- und Therapiestelle, sondern schauen auch, wie Bedingungen verändert werden können und wo es weitere Unterstützung gibt. Naheliegend ist oft das Jugendamt. Erziehungshilfe und Tagesgruppen zum Beispiel können helfen, Familien zu entlasten. Wir ermutigen die Eltern auch, sich aus ihrer Isolation zu befreien und Hilfe zu holen. Wir haben zum Beispiel in einem Brennpunkt in Kaiserslautern eine Außenstelle mit offenem Treff aufgemacht. Dort können Eltern sich vernetzen und so das Gefühl von Einsamkeit und Isolation aufbrechen.

Was kann ich machen, wenn ich mitbekomme, dass ein Kind von den Eltern misshandelt wird?

Unsere Haltung ist: Mischen Sie sich ein! Auch in scheinbar ganz banalen Situationen kann es helfen, die Eltern anzusprechen. Das holt sie zum einen erstmal aus der unmittelbaren Situation raus, und zum anderen besteht die Hoffnung, dass ihnen bewusst wird, dass es bemerkt wird. Wenn allerdings ein Risiko besteht, dass Sie sich selbst in Gefahr  bringen, sollten Sie sich an eine dritte Stelle, wie zum Beispiel das Jugendamt auch an die Polizei, wenden.

Und was raten Sie von Gewalt betroffenen Kindern und Jugendlichen?

Der erste Schritt ist immer sich jemandem anzuvertrauen. Es hört sich einfach an, aber ich weiß, dass es trotzdem für viele schwierig ist. Es muss auch nicht gleich eine Beratungsstelle sein, das kann auch ein Schulsozialarbeiter oder ein Vertrauenslehrer sein, ein Freund oder ein Verwandter. Wichtig ist, darüber zu reden.