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Die Pferdeflüsterer vom Dahmker Hof

Auf ganz besondere Weise

Sie sind in sich gekehrt, aggressiv oder traurig. Kinder, die so viel Leid erfahren haben, dass kaum  noch ein Erwachsener an sie rankommt. Ein Projekt von SOS-Kinderdorf auf dem Hof Zingelmann in Granderheide heilt diese verletzten Seelen Stück für Stück auf ungewöhnliche Weise. Bei der Arbeit mit Pferden, auf einem Bauernhof im Grünen.

Wie einer, der eine immense Wut auf die Welt hat und mit Fäusten Konflikte löst, wirkt Dennis* nicht, wenn man ihn in der Reithalle erlebt. Zärtlich krault der zierliche Elfjährige im dunklen Kapuzenpulli die Stute am Hals, streicht ihr widerspenstige Mähnenfransen aus den Augen. Feine weiße Pferdehaare wirbeln durch die Luft, flimmern im Licht, das durch die Dachfenster strömt. Auf den Balken zwitschern ein paar Spatzen. Dennis lächelt, das Pferd spitzt voller Genuss die Lippen. „Hier ist er der reinste Sonnenschein. Wenn ich ihn im SOS-Kinderdorf Harksheide treffe, frage ich mich, ob er das gleiche Kind ist“, sagt Mona Pelz. Seit fünf Jahren betreut die 41-jährige Erzieherin ein einzigartiges pädagogisches Projekt, unterstützt von Sozialpädagogin Josefine Finck-Barboza. Auf dem Zingelmann-Hof in Granderheide, einem Dorf im Norden Hamburgs mit vielen historischen Anwesen aus rotem Backstein, arbeiten die beiden Frauen heilpädagogisch mit schwer traumatisierten Kindern.

Die Pferdetherapie öffnet Türen

Es sind Kinder, an die niemand mehr so richtig rankommt, zu viele Katastrophen haben sie schon erlebt. „Pferde machen eine Tür auf, die wir als Pädagogen oft nicht aufbekommen“, sagt Pelz. Die zupackende Frau mit dem roten Kurzhaar-Bob hat selbst eine ganz besondere Beziehung zu Vierbeinern. Sie ist nicht nur Pferdetrainerin, sondern auch Pferdeflüsterin. 'Natural horsemanship' nennt sich die Trainingsmethode, die vor allem durch Robert Redfords Hollywoodstreifen 'Der Pferdeflüsterer' bekannt wurde. Klar ist: Um klassische Reitstunden hoch zu Ross mit Hochglanzstiefeln und Gamaschen geht es in Granderheide nicht. Die meisten Übungen finden auf dem Boden statt. „Lass uns Pferdeherde spielen! Wen laden wir in unser Königreich ein?“, fragt Pelz. Sie steht mit sechs Kindern zwischen sechs und elf Jahren in einem mit Warnhütchen markierten Kreis und deutet auf sechs Pferde, die verstreut in der Reithalle stehen. Wollen sie lieber Caspar, den weiß-schwarz gescheckten Wallach oder das Pippi-Langstrumpf-Pferd, das sich schon neugierig mit einem Huf ins 'Königreich' drängt? Oder doch lieber Maja, das gutmütige Highland-Pony am Hallenrand? „Rapunzel, Rapunzel!“, rufen die Kinder im Chor, denn die schwarze Rappstute ist beliebt. 

Beziehung zu Pferden aufbauen

Die Übung ist eine Herausforderung für die Kinder. „Ein 300 Kilogramm schweres Pony als so kleiner Mensch zu bewegen, ist eine irre Aufgabe“, sagt Pelz. „Da bleibt wenig Verhandlungsmasse – du kannst nicht einfach befehlen, jetzt geh nach rechts.“ Dennis und der ebenfalls elfjährige Marco bewegen sich ruhig auf Rapunzel zu, der eine schiebt sie sanft von hinten, der andere umfasst von unten ihren Hals und schiebt sie nach vorne – die Einladung funktioniert. Die schwarze Stute folgt den Kindern ins Königreich. Pferdeflüsterin Pelz musste nicht lenkend eingreifen, auch wenn sie das aus zehn Metern Entfernung mit ein paar Gesten könnte. Die Pferde schauen und hören auf sie – sie ist in der Herde der Boss. „Wir wollen den Kindern die Situation nicht abnehmen“, sagt Pelz. „Sie sollen eigene Erfahrungen machen und diese auch selbst fühlen und spüren.“

Als Nächstes sind Geschicklichkeitsübungen dran – die Pferde sollen um selbst konstruierte Hürden gelenkt werden, über Rohre steigen oder im Slalom um Hütchen herumgehen. Die siebenjährige Laura interessiert das gerade wenig – sie kniet selbstbewusst auf Majas Rücken, streckt die Arme von sich wie eine Primaballerina und kichert vor sich hin. Harsche Zurechtweisungen hört sie hier dafür nicht – Lachen und Quatschmachen gehört zum Konzept dazu. Je weniger es sich nach Arbeit oder Anstrengung anfühlt, umso höher sei die Bereitschaft der Kinder, etwas zu entwickeln. „Wenn ein Sechsjähriger das erste Mal zu uns kommt und sagt ,Ich soll hier Konfliktmanagement lernen. Ich habe Grenzüberschreitungen begangen.‘ dann schaue ich ihn fragend an, wir lachen zweimal darüber und machen was anderes“, sagt Pelz. Ideen für kreative Übungen und Geschicklichkeitsspiele mit Pferden, die den Kindern Spaß machen, hat sie viele: ob ein selbst inszeniertes Theaterstück oder Fußballspielen. Dass auch ein Pferd ein perfekter Stürmer sein kann, beweist das weiße Pony Maja. Wenn man es geschickt im braven Schritt oder sogar im Galopp auf einen Ball lenkt, landet es mit einem der Vorderhufen einen Treffer ins aufgestellte Tor.

Ängste und Aggressionen spielerisch abbauen

Dass hier große wehrhafte Tiere und nicht etwa Kaninchen die Hauptrolle spielen, hat seinen Grund. Mit aggressiven Forderungen oder erhobenen Fäusten erreicht man bei Pferden wenig. „Wenn sie die Schnauze voll haben, gehen sie einfach weg“, sagt Pelz. Um den Tieren diese Freiheit zu gewährleisten, sind sie nie angepflockt. Pferde seien sehr soziale Wesen, die eine Herde mit klaren Hierarchien brauchen. Da immer noch jeden Moment der Löwe um die Ecke kommen könnte, wollen sie auch Menschen einordnen: Kannst du mich beschützen? Kann ich dir vertrauen oder bist du gefährlich? „Pferden ist es egal, ob man eine Markenjeans trägt – sie spiegeln den Menschen, so wie er ist, wertfrei, nicht berechnend und gänzlich unverstellt“, sagt Pelz. Dennis und die anderen Kinder müssen sich diesen stillen Fragen der Pferde jedes Mal erneut stellen. Mit Helm und leichten Satteldecken sitzen sie jetzt hoch zu Ross. Zum Abschluss der Übung in der Halle dürfen sie noch geführt bis nach draußen auf ein freies Feld reiten. Manchmal unternimmt Pelz mit ihnen auch zur Entspannung einen kleinen Ausritt über nahe gelegene Felder und Wiesen.

„Die Kinder sind emotional massiv vernachlässigt“, sagt Manfred Thurau, Sozialpädagoge im SOS-Kinderdorf Harksheide. „Du kannst nichts, du wirst nichts. Das ist das Credo, das den meisten von ihrem Elternhaus mit auf den Weg gegeben wurde. Sie sehen sich als Verlierer.“ Auch mithilfe der Pferde kann es lange dauern, bis ein Kind sich wieder öffnet: „Die Kinder reparieren und wieder raus – so einfach funktioniert das hier nicht“, sagt Pelz. „Wenn jemand so stark belastet ist, können vier Wochen bei einem Pony das Leben nicht plötzlich verändern.“

Mithilfe der Pferde öffnen sich die Kinder

Kein Wunder, dass auch der Charakter der Pferde und ihre sozialen Kompetenzen bei der therapeutischen Arbeit eine große Rolle spielen: Die vier Pferde, mit denen die Kinder hauptsächlich arbeiten, wurden sorgfältig ausgewählt. Wichtig ist, dass die Pferde belastbar sind und das Tohuwabohu der Kinder aushalten. „Wir brauchen Pferde, die als Fohlen ganz gesund auf der Koppel großgeworden sind. Keine, die in engen Boxen aufgewachsen sind oder mit der Flasche aufgezogen wurden“, sagt Pelz. Kommen die Kinder das erste Mal auf den Hof, dürfen sie sich ihr Trainingspferd aussuchen. „95 Prozent verlieben sich auf Anhieb in ein Pferd“, sagt Pelz. „Sie suchen sich immer das heraus, das am dichtesten an ihrem Problem dran ist. Traurige Kinder zum Beispiel wählen oft Rapunzel. Sie ist eine ganz Ängstliche, die sich aber immer rotzfrech benimmt.“ Auch Dennis wählte Rapunzel, als er vor ein paar Jahren das erste Mal nach Granderheide kam. Es war ein langer Weg, bis er so souverän und zärtlich wie heute mit dem großen Vierbeiner umgeht, begleitet von vielen Auseinandersetzungen. „Er musste lernen zu akzeptieren, dass die Pferde autonome Wesen sind und nicht automatisch tun, was er will, auch wenn er ausflippt, am Boden liegt und brüllt“, sagt Pelz. „Als er das verinnerlicht hatte, waren die Pferde für ihn ein großer Halt. Mittlerweile fühlt er sich mit ihnen in jeder Situation wohl.“

*Alle Namen der Kinder wurden von der Redaktion geändert.

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