Aktuelles

Systemisches Coaching

1. März 2019

SOS-Kinderdorf hilft, die Beziehung zwischen Eltern und Kind zu stärken

SOS-Kinderdorf hilft, die Beziehung zwischen Eltern und Kind zu stärken

Autorität durch Beziehung

Wenn sie sich in Streitigkeiten mit ihrem Sohn Alex nicht mehr zu helfen wusste, ohrfeigte Ines Kehler* ihr Kind. Die alleinerziehende Mutter des damals sechsjährigen Jungen war überfordert und wusste sich keinen Rat mehr. Während des Aufenthalts in einer Mutter-Kind-Klinik wurde Ines Kehler klar, dass sie die Beziehung zu ihrem Kind verbessern und Alex vor allem gewaltfrei erziehen wollte. Nach Gesprächen mit dem Jugendamt entschied sich die Mutter für die Erziehungshilfe von SOS-Kinderdorf Hamburg.

Eine Sozialpädagogin und ein Sozialpädagoge mit der Ausbildung zum Systemischen Elterncoach trafen sich mit Ines Kehler – in den Beratungsräumen von SOS-Kinderdorf Hamburg oder bei Sohn und Mutter zu Hause. Beim ersten Treffen zeigte sich, dass das Systemische Coaching für Eltern für Ines Kehler hilfreich sein könnte. Ziel des Systemischen Coachings für Eltern ist, dass Eltern ihren „Job als Eltern“ gut machen können. Es basiert auf den Konzepten der elterlichen Präsenz und des gewaltfreien Widerstandes nach Haim Omer. Eltern sollen befähigt werden, sich kraftvoll für eine Veränderung zu engagieren, ein positives Beziehungsangebot an das Kind zu etablieren und auf jegliche Form der Gewalt zu verzichten. Dabei geht es nicht darum, dass ein Kind sein Verhalten in die gewünschte Richtung ändert oder konditioniert wird. Der Fokus liegt auf der Entwicklung einer klaren und wohlwollenden Haltung der Eltern gegenüber dem Kind sowie auf der Aktivierung sozialer Unterstützung.

In den ersten Terminen mit den Coaches ging es um die Priorisierung der vorhandenen Probleme in der Familie. Ines Kehler sagt: „Besonders das Thema Schlafen war ein ständiger Reibungspunkt – sei es das rechtzeitige Aufstehen oder ins Bett gehen.“ Auf Rat der Sozialpädagogen kündigte die Mutter Alex nun jedes Mal eine gewisse Zeit vorher an, wann es Zeit sei, ins Bett zu gehen. Außerdem baute sich Ines Kehler ein Netzwerk mit der Schule auf und intensivierte den Kontakt zu den Lehrern. So gab es nun eine direkte Rückmeldung, wenn Alex nicht rechtzeitig zum Unterricht gekommen war. „Mich entlastete das Wissen, dass ich nicht alleine bin und auch seine Lehrer das Thema Pünktlichkeit bei Alex ansprachen“, erzählt Ines Kehler. Sie lernte auch, sich mehr zurückzuhalten beziehungsweise ihr Kind weniger zu kontrollieren. Dadurch gab es keinen ständigen Druck mehr für Alex.

Ein weiteres Thema, bei dem es zwischen Mutter und Kind oft eskalierte, war die Mediennutzung. „Hauptsache etwas hat einen Bildschirm“, fasst Alex´ Mutter sein Medienverhalten zusammen. Wenn es nach Alex ginge, wären sechs Stunden täglich am Computer sein Wunsch. Als Ines Kehler tatsächlich den Medienkonsum des Jungen einmal nicht kontrollierte, spielte dieser quasi ununterbrochen. Alex ging nicht mehr nach draußen oder traf sich nicht mit Freunden. Die Mutter probierte daraufhin gemeinsam mit den Sozialpädagogen viel aus. Beispielsweise machten Ines Kehler und Alex zusammen Verträge über die Mediennutzung. Es ging dabei um Lösungen, die für beide gut sind. Die Mediennutzung ist heute immer noch ein Thema bei Familie Kehler, jedoch ohne den Zwang seitens der Mutter, eine sofortige Lösung herbeiführen zu müssen.

Besonders hilfreich empfand Ines Kehler den Rat der Sozialpädagogen, insgesamt den Druck herauszunehmen. Für sie war es eine Geduldsprobe, nicht auszurasten, wenn Alex und sie pünktlich zu einem Termin wollten. Egal ob Arztbesuch oder Kino – Alex bekam nun die Aufgabe, selbst dafür zu sorgen, dass auch er pünktlich ist. Bei einer Unpünktlichkeit war Ines Kehler damit nicht nur alleine diejenige, die dafür die Verantwortung übernahm, auch Alex war beteiligt und für sein Verhalten verantwortlich.

Was hat sich mit Hilfe des Systemischen Coachings für Eltern in der Mutter-Sohn-Beziehung verändert? „Ich bin klarer geworden und versuche gleichzeitig, mich in Alex hineinzuversetzen. Und ich beteilige ihn mehr an Entscheidungen“, berichtet Ines Kehler. Sie hat einen gewaltfreien Umgang entwickelt und probiert neue Wege aus. Bei Provokationen durch Alex, spricht Ines Kehler bei ihm ihre Grenzen an. Sie erzählt: „Ich bin immer noch oft genervt und gestresst. Allerdings weiß ich jetzt, wie ich mich selbst beruhigen und mit Alex umgehen kann.“

* Namen und biografische Details aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes geändert.