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Der Blick über den Tellerrand

9. Oktober 2019

Erstes Treffen mit Geschäftsführung, Vorstand und Mitarbeiter/innen in der Geschäftsstelle

Erstes Treffen mit Geschäftsführung, Vorstand und Mitarbeiter/innen in der Geschäftsstelle von SOS-Kinderdorf Uruguay.

SOS-Kinderdorf Hamburg zum Austausch bei Aldeas Infantiles SOS Uruguay

Ein Reisebericht von Einrichtungsleiter Torsten Rebbe

SOS-Kinderdorf Montevideo

Wir übernachten im SOS-Kinderdorf Montevideo. Ein paar Kinder und Jugendliche wagen sich schnell neugierig zu uns.

Wussten Sie, dass SOS-Kinderdorf Hamburg und SOS-Kinderdorf in Uruguay eine Partnerschaft verbindet? Diese besteht nicht nur auf dem Papier: Mitarbeiter/innen von SOS-Kinderdorf Hamburg besuchten Anfang des Jahres zwei Wochen lang Einrichtungen und Mitarbeiter/innen von SOS-Kinderdorf Uruguay. Dabei wurde Wissen ausgetauscht und neue Ideen für die eigene Arbeit entwickelt.

Die Geschäftsstelle von SOS-Kinderdorf Uruguay liegt im Herzen der Hauptstadt Montevideo. Die Begrüßung ist herzlich – in Uruguay wird geküsst. Ein Kuss auf die Wange von jedem und für jeden. Oder Jede. Egal. Ungewohnt für uns Deutsche, aber es produziert eine Nähe, die in der Fremde gut tut. Dann geht es an die Arbeit und die Agenda, diese beinhaltet verschiedene Themen für Präsentationen, Workshops und Fortbildungs-Einheiten.

In der Präsentation über die Arbeit von Aldeas Infantiles SOS in Uruguay wird deutlich, wie vielfältig das Angebot ist. Aber auch, wie groß das Land und der Träger ist. Über 500 Mitarbeiter/innen kümmern sich in den verschiedenen Regionen des Landes um das Wohl von Familien und deren Kindern. Der größte Teil der über drei Millionen Uruguayer leben in Montevideo. Hier gibt es ein SOS-Kinderdorf und ambulante Angebote. Offene familienstärkende Angebote gehören hier und im ganzen Land dazu.

Nach dem typischen Frühstück mit Toast, Marmelade, Schinken, Käse und Kaffee stellen wir unsere Arbeit der Ambulanten Hilfen vor. Gekommen sind Mitarbeiter/innen aus dem ganzen Land, zum Teil im Übernachtbus mit über sechs Stunden Fahrt, um diesen Teil unserer Arbeit kennen zu lernen. Besonders die rechtlichen Grundlagen und die Zusammenarbeit mit dem Jugendamt laden zu lebendigen Diskussionen ein. Denn vieles ist ähnlich und doch manches erstaunlich. Die Bedeutung der Verankerung der Kinderrechte in das Grundgesetz von Uruguay zeigt dort in der Arbeit deutliche Spuren. Wo in Deutschland die Eltern deutlich mehr Gewicht haben, stehen in Uruguay eher die Rechte der Kinder im Vordergrund. Daher wird die familiäre Unterbringung stark unterstützt. Es werden Alternativen innerhalb eines Familiensystems gesucht oder geschaffen.

ETAF und ETAF-CAFF Uruguay

ETAF (Equipo Territorial de Atención Familiar) – das ist die Arbeit mit schwer erreichbaren Familien und deren Kindern. Oft leben die Familien, mit denen die Mitarbeiter/innen arbeiten, in sehr prekären Verhältnissen. Und diese Familien noch einmal besonders. Sie leben abgeschieden, außerhalb des Systems. Wenn dann Nachbarn, Polizei, Schule etc. melden, dass hier etwas nicht stimmt, rücken die Mitarbeiter/innen aus. Diese versuchen mit Leidenschaft und Engagement die Familien zu beraten und zu unterstützen. Manchmal auch mit gespendeter Kleidung, Möbeln, Essen etc.

ETAF-CAFF (Equipo Territorial de Apoyo a los Cuidados Familiares) - Rückführung aus stationären Unterbringungen. Die Verankerung der Kinderrechte im Gesetz wird hier besonders deutlich. Kinder haben das Recht, in einer Familie groß zu werden. Deinstitutionalisierung ist hier das Mittel, um das Recht umzusetzen. Die Kollegen und Kolleginnen von ETAF-CAFF suchen nach Möglichkeit innerhalb des Familiensystems eines fremduntergebrachten Kindes, es wieder zurück zu führen. Großeltern können hier die Rolle der Eltern übernehmen. Aber auch Onkel, Tanten, Geschwister, Nachbarn etc. werden geprüft. Bei der Gestaltung der Rückführung bekommen die Eltern oder „Ersatzeltern” bis zu drei Jahre Unterstützung vom Team. So sind die Zahlen der Fremdunterbringung in den letzten Jahren deutlich gesunken.

CAIF Uruguay

Frühförderzentren wie das CAIF (Centro de Atención a la Infancia y la Familia) im Kinderdorf Montevideo gibt es flächendeckend über das ganze Land verteilt. Eltern sind verpflichtet mit ihren Kindern von bis zu zwei Jahren das CAIF regelmäßig zu besuchen. Das multiprofessionelle Team bestehend aus Lehrer/innen, Erzieher/innen, Sozialpädagogen und -pädagoginnen, Psychomotorik-Therapeuten und –Therapeutinnen und berät die Eltern und leitet sie an. Themen sind u.a. Förderung, Entwicklung der Kinder, gesundes Essen. Die zwei- und dreijährigen Kinder werden auch alleine in Gruppen betreut. Bis zu 120 Kinder besuchen mit ihren Eltern das CAIF.

So werden die Eltern und deren Kinder in der sehr wichtigen Phase ihrer Entwicklung erreicht. Folgeprobleme können zu diesem frühen Zeitpunkt der Entwicklung des Kindes schon vermieden oder zumindest vermindert werden. Die Früchte dieser noch recht neuen Entwicklung in Uruguay wird man deutlich in den kommenden Jahren spüren.

Eine Strategie der Prävention, die wir auch mit unserem Familienzentrum in Hamburg verfolgen. Hier erreichen wir aber nur einen Teil der Kinder. Die Dimension, dass alle Kinder in Uruguay präventiv erreicht werden, ist eine deutlich andere.

„Marte Meo“ Hamburg

Marte Meo

Die videogestützte Beratung wird in Hamburg als eigenständiges Angebot im Rahmen der Sozialpädagogischen Familienhilfe gearbeitet. Hier liegt der Fokus auf der Ressourcen-Orientierung. Grundlagen der guten Interaktion mit  ihren Kindern werden vermittelt. Kern der Arbeit ist die Arbeit mit der Kamera. Eltern bekommen Video-Sequenzen von Situationen ihres Alltags mit den Kindern vorgespielt, wo die Interaktion besonders gut gelungen ist. So wird das Verhalten der Eltern zum Positiven hin beeinflusst.

Dieses konnten die Teilnehmer des Workshops selbst erfahren. Nach der Vermittlung der Grundlagen haben sie sich selbst gefilmt und die positiven Szenen herausgesucht sowie besprochen.

Hier geht’s zu Marte Meo Hamburg.

Zweitägige Fortbildungs-Einheit Systemischs Coaching für Eltern

Auch das Systemische Coaching für Eltern ist ein eigenständiges Angebot im Rahmen der Sozialpädagogischen Familienhilfe in Hamburg. Schon bei den vorherigen Austauschbesuchen zwischen SOS-Kinderdorf Deutschland und Aldeas infantiles SOS Uruguay war ein großes Interesse der Uruguayer an diesem Thema deutlich und es wurde der Wunsch formuliert, vertiefender und breiter in die Methode einzutauchen.

So entstand ein zweitägiger Workshop, an dem die Teilnehmer/innen einen vertiefenderen Einblick in die Haltung der Neuen Autorität erhalten und konkrete Methoden und Schwerpunkte des Systemischen Coaching für Eltern praktisch ausprobieren sollten.

30 Teilnehmer/innen aus den verschiedenen Programmen von Aldeas infantiles SOS Uruguay waren angereist. Dank der sehr engagierten und interessierten Kollegen und Kolleginnen und auch dank des Dolmetschers, der ab und an für eine „reibungsfreiere und einfachere“ Kommunikation sorgen konnte, fand neben dem fachlichen Input auch ein sehr anregender und fruchtbarer Austausch statt. Der Ansatz der Neuen Autorität wird auch in Zukunft die Partnerschaft thematisch begleiten. Für die Umsetzung der Haltung und der Ideen in die Praxis wünschen sich die uruguayischen Kollegen weiterhin Zusammenarbeit mit uns. Das werden wir per Skype und E-Mail tun und beim Gegenbesuch in Hamburg auch wieder persönlich.

Hier geht’s zum Systemischen Coaching Hamburg.

Gruppenbild Reisebericht Uruguay

Atención en contexto familiar – Florida

Ein Teil der Gruppe besuchte das Team „Atención en contexto familiar“ in Florida. Die Kolleginnen haben uns an einer Beispielakte ihre inhaltliche Arbeit vorgestellt. Besonders beeindruckt hat uns, dass die Helferinnen oftmals die sozialen Fördergelder des Staates verwalten und welche kreativen Lösungen, wie zum Beispiel Unterstützung beim Häuserbau, die Kolleginnen dort anbieten. Insgesamt wirkt es auf uns, als sei die Arbeit mit viel Bürokratie verbunden. Die genutzten Methoden sind den unseren sehr ähnlich. So waren wir besonders beeindruckt von einer Kombination aus Netzwerk- und Ressourcenkarte, sowie vom Standarddokumentationszettel, der bei jedem Treffen ausgefüllt und unterschrieben wird.

Am Nachmittag besuchten wir zwei Familien zuhause, die schon längere Zeit von den Kolleginnen unterstützt werden und uns von ihren Erfahrungen berichten. Dabei erleben wir zwei sehr dankbare Mütter.

Konferenz in der Universität von Montevideo

SOS-Kinderdorf Hamburg in der Universität Montevideo

Aldeas Infantiles SOS Uruguay arbeitet mit der pädagogischen Fakultät der Universität in Montevideo zusammen. Wir sind als Gastredner eingeladen von unserer Arbeit in Deutschland zu berichten. Trotz Semesterferien und dass es ein besonders heißer Tag ist, sind etwa 40 Interessierte gekommen.

Neben den Bezügen von SOS-Kinderdorf Hamburg mit Deutschland, der Welt und Uruguay sind die Ambulanten Hilfen und die gesetzlichen Rahmenbedingungen Themen unseres Vortrages. Zum Beispiel das Hilfedreieck in der Kinder- und Jugendhilfe ist ein besonderes Konstrukt, worüber man vortrefflich diskutieren kann.

So war der Austausch mit SOS in Uruguay

Einig sind wir uns, dass wir gegenseitig sehr viel gelernt haben. Es war ein ambitioniertes, gut durchdachtes und durchgeführtes Programm. Mit sehr viel Wärme und Gastfreundschaft. Das Engagement aller Mitarbeiter/innen war enorm.

Der fachliche Austausch stand im Vordergrund. Englisch war die Basissprache dieses Austausches und für beide Seiten fremd. Das hatte an der einen oder anderen Stelle einen Mehraufwand in der Übersetzung und führte zu Ungenauigkeiten in der (Fach-) Sprache. Immer lief der Gedanke mit, was wir hier noch fachlich geben und mitnehmen können. Die Vorbereitungen unserer fachlichen Inputs waren gelungen und haben einstimmig ein gutes Feedback erhalten, sowohl von den Teilnehmer/innen als auch von den Direktor/innen der Programme. Dieses Kompliment konnten wir gut zurückgeben. Wir fühlten uns auch umfassend informiert und haben einiges mitgenommen:

Wir sind uns gemeinsam sicher, dass wir die Partnerschaft weiter fortführen wollen. In einem Jahr sollen Mitarbeiter/innen aus Uruguay Hamburg besuchen. Themen, die hinzukommen sollen, werden sein,

  • Unser Projekt „Stadtteilmütter“
  • Verknüpfung von „Positiver Pädagogik“ (crianza positiva nach Pepa Horno) und „Neuer Autorität“
  • Kinderschutz

Ein gemeinsames Projekt haben wir beschlossen. Und zwar sollen auch Jugendliche und Jungerwachsene aus beiden Ländern sich besuchen. Beteiligung fördern, Horizont erweitern und vor allem die Sicht derjenigen noch mehr zu integrieren. Dies wird die Partnerschaft weiter vertiefen.

Allgemein hat uns das Engagement der Mitarbeiter/innen tief beeindruckt. Sie arbeiten mit ganz viel Herz, Leidenschaft und Fachlichkeit. Auch haben wir im Land einen großen Respekt untereinander erlebt. Und eine Gelassenheit und Herzlichkeit, die wir gerne mit über den großen Teich zurück nach Hamburg nehmen.

Hasta la Vista – auf Wiedersehen.

Ihre Ansprechpartnerin für Presse und Öffentlichkeitsarbeit

Annika Bach SOS-Kinderdorf Hamburg