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Streit und Spiel

Alles meins? Kleinkinder unter sich

In Spielgruppen ist es immer wieder Thema: Die Kinder nehmen sich gegenseitig die Spielsachen weg, streiten sich und hauen sie sich sogar darum. Wir Erwachsene haben oft unangenehme Gefühle wie Scham (mein Kind ist unsozial und egoistisch) und Neid (mein Kind kann sich nicht durchsetzen) und manchmal die Sorge, dass ein Kind sich zum Aggressor entwickelt oder zum Mobbingopfer. Lassen Sie uns mal versuchen zu verstehen, was da passiert.

Die wichtigsten Menschen für ein kleines Kind sind zunächst die Eltern oder die erwachsenen Bezugspersonen, die sie versorgen, danach kommen gleich die Geschwister, mit denen sie zusammen leben. Auf diese Menschen sind sie bezogen, diese sind ihnen an Welterfahrung voraus, vermitteln Sicherheit und Vertrauen.

Kleinkinder interessieren sich auch schon für Gleichaltrige, doch diese Beziehungen sind anders, sie sind „gleicher“. Je nach Temperament verhalten sich Kinder vorsichtig oder draufgängerisch und lernen voneinander. Wir Erwachsenen würden noch nicht sagen, sie spielen zusammen. Sie beobachten sich, ahmen sich nach, gehen hintereinander her, lächeln sich an. Sie fangen gemeinsam an zu kreischen, rennen oder klatschen und freuen sich über ihren „Quatsch“. Sie bieten sich schon mal Spielsachen an, teilen ihr Essen an alle aus, fassen einander ins Gesicht. Das sind alles Formen der Kontaktaufnahme, des Austausches und der Anerkennung. Und das ist ihnen wichtig! Im Alter von etwa zweieinhalb bis drei Jahren entstehen dann auch Freundschaften und wir sehen sie Hand in Hand gehen und gemeinsame Vorhaben ansteuern (etwas bauen oder sich zu verstecken).

Kinder lernen spielerisch teilen

Vor dem ersten Geburtstag spielen die Kleinen noch gerne Geben-und Nehmen. Die Erwachsenen freuen sich und bestätigen das Kind, was es Tolles tut! Dann kommt eine Zeit, da will das Kind behalten und kokettiert eher mit dem Nicht-Geben, wir Erwachsenen spielen auch schon mal die Enttäuschten. Wollen sie etwas von Erwachsenen, bekommen sie es häufig sofort, wenn es nichts Gefährliches oder Wertvolles ist. Zwei Gleichaltrige, die behalten wollen, bekommen nun Konfikte....

Für das Kleinkind wird ein Ding interessant, weil ein anderes damit etwas tut. Die Kinder mit regelmäßigem Kontakt zu Gleichaltrigen oder wenig Älteren haben oft schon gelernt, dass etwas zu jemandem gehört, der oder die das Ding gerade „in Betrieb“ hat. Bei den Kindern, die wenig Erfahrung mit Gleichaltrigen haben, gibt es mehr Kampf um den Besitz. Dennoch wollen diese Kinder auch die Anerkennung der anderen.

In gewissem Sinne muss dieser Kampf sein und findet, unterschiedlich stark, bei allen statt. Denn Nehmen, Behalten, Abgeben, Schenken, Loslassen, Tauschen sind wichtige Themen in der Ich-Entwicklung der Eineinhalb- bis Zweijährigen.

Könnten sie schon mehr sprechen, würden sie vielleicht sagen: „Ich möchte den Ball haben, gib her. „Oder: „Den Ball möchte ich noch behalten.“ Oder: „Ich gebe Dir den Ball, wenn du ihn mir wiedergibst.“ Und das werden sie noch lernen und zwar von uns Erwachsenen, wenn wir den Kindern für ihre Art des Kontaktes Worte geben: „Der hat auch Augen, sei ganz lieb zu ihm, wenn du in sein Gesicht fasst.“ Oder: „Die hat den Teddy ganz doll lieb, den will sie im Arm halten und dir noch nicht geben.“

Genauso im Konfikt: Wir begleiten unser Kind mit Sprache, dann lassen wir es nicht allein, geben aber die Möglichkeit eine eigene Lösung zu finden. Etwa so: „Du wolltest den Lastwagen gerne weiterfahren, jetzt hat die andere ihn dir weggenommen, das gefällt dir nicht.“ Oder: „Du wolltest nicht mehr warten auf den Lastwagen, Du hast ihn der anderen weggenommen, jetzt weint sie.“

Kinder können schon jung sehr mitfühlend sein. Als Babys weinen sie mit dem anderen Kind mit und mit ca. zwei Jahren können sie schon auf eigene Weise trösten, z.B. indem sie ein Spielzeug anbieten oder einem Kind den Schnuller bringen. Dann haben sie bereits eine gewisse Selbsterkenntnis (das berühmte Sich-im-Spiegel-Erkennen mit etwa 18 Monaten) und können sich abgrenzen, sie fühlen mit, aber leiden nicht genauso wie das andere Kind. Wir Erwachsenen sollten es auch so halten und diese Kinderkonfikte nicht zu unseren machen.

Geduldig mit Konflikten umgehen

In einer Gruppe, die sich öfter trift, können die Erwachsenen darüber reden, wie sie sich bei Konfikten verhalten wollen. Meist hat das wegnehmende Kind sowieso keine Ruhe mit der Eroberung zu spielen, lauert auf die Reaktionen oder lässt von dem uninteressant gewordenen Ding ab. Wenn es nur noch um die „Beutezüge“ geht, können Sie mal was anderes ausprobieren: Der Gegenstand wird aus dem Blickfeld aller gebracht; oder Sie zeigen dem Kind, wie es um etwas bittet und sich bedankt; oder Sie geben eine Regel der Abwechslung aus.

Und zuhause, wenn Kinder auf Besuch kommen, überlegen Sie mit dem Kind, welche ganz „wertvollen“ Dinge für die Dauer des Besuches weggelegt werden.

Bleiben Sie gelassen!

Tipps und Tricks von unserer Expertin

Ulrike Glingener ist Dipl.-Sozialpädagogin in der Frühberatungsstelle Süd. Seit über 20 Jahren ist sie beim SOS-Kinderdorf Bremen beschäftigt. 

Sie hat Erfahrungen in der Erziehungsberatung und Familienhilfe, im Familienkrisendienst, als PEKIP®-Gruppenleiterin für Eltern-Baby/Kind-Gruppen. Ulrike Glingener ist zudem SPIN® Video-Home-Trainerin, gibt Fortbildungen zu Regulationsstörungen der Frühen Kindheit und ist in der entwicklungspsychologischen Beratung sowie im Kinderschutz tätig.

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