Aktuelles

Über die Arbeit mit hörgeschädigten Familien

18. Dezember 2023

Die Ambulanten Hilfen des SOS-Kinderdorf Bremen umfassen ein facettenreiches Leistungsspektrum. Wichtigstes Ziel ist die Aktivierung vorhandener Ressourcen innerhalb der Familie und des Umfelds.

Bitte beschreibt Euren Aufgabenbereich und seit wann Ihr für diesen zuständig seid:
Janine:
Ich bin seit Juni 2023 für die Ambulanten Hilfen des SOS Kinderdorf Bremen als Sozialarbeiterin tätig. Hier übernehme ich den Aufgabenbereich Sozialpädagogische Familienhilfe, Begleitete Umgänge und Erziehungsbeistand für Kinder und Familien mit Hörbeeinträchtigungen (z.B. Schwerhörigkeit, Gehörlosigkeit, CODAs). Zu der Gehörlosenarbeit gehört außerdem viel Netzwerkarbeit: Es geht insbesondere um die Kulturvermittlung zwischen Hörenden- und Gehörlosenwelt.
Kerstin:
Ich bin seit 25 Jahren als Diplom Pädagogin in der Arbeit mit Hörgeschädigten, vor allem aber mit Gehörlosen tätig und arbeite in allen Bereichen der ambulanten Hilfen. Auch das BJW (Betreutes Jugendwohnen) gehört zu meinem Aufgabenbereich. Neben der Umsetzung der Arbeitsinhalte in der Arbeit mit den Familien und Betreuten in Gebärdensprache, stehen vor allem die Anpassung und Umsetzung der Hilfen auf die Lebenswelt der Klient*innen, die sich sehr von der Welt der Hörenden unterscheidet, im Vordergrund. Die Hilfe zur Selbsthilfe, aber auch die Unterstützung zur Überwindung kultureller und sprachlicher Hürden im Kontakt mit der hörenden Welt steht an erster Stelle. Ebenso die Netzwerkarbeit und die Öffentlichkeitsarbeit in beteiligten Institutionen sind ständiger Teil unserer Arbeit.
Was macht Euch besonders viel Spaß an Eurem Beruf?
Janine:
Ganz klar: Die Arbeit mit den Kindern und Jugendlichen! Ihre Potentiale zu erkennen, herauszukitzeln und andersherum auch von Ihnen zu lernen. Die kleinen Erfolgserlebnisse, seien es Lernfortschritte, genehmigte Anträge oder Weiterentwicklung der Fertigkeiten und Fähigkeiten der Klient*innen.
Kerstin:
Der direkte Kontakt zur Lebenswelt der hörgeschädigten und gehörlosen Menschen und die offene, lebendige Arbeit mit unseren Klient*innen – Das sind die Dinge, die mir besonders viel Freude bereiten.
Kein Tag gleicht dem anderen und die Arbeit ist sehr facettenreich. Die Sprache ist wunderschön und macht immer wieder Spaß, auch nach 25 Jahren!
Wie können wir uns einen typischen Arbeitstag bei Euch in der Familienhilfe vorstellen?
Janine:
Den typischen Arbeitstag gibt es bei uns nicht. Jeder Tag ist anders und stellt uns vor neue Herausforderungen. Unsere Arbeit besteht vorrangig aus Hausbesuchen bei den Familien: Hier beraten wir bei Erziehungsfragen, persönlichen Problemen oder unterstützen bei behördlichen Angelegenheiten. Gemeinsam erarbeiten wir individuelle Lösungsstrategien. Auch bei Terminen mit Behörden, Schule oder dem Jugendamt, Beratungsstellen und anderen öffentlichen Einrichtungen stehen wir den Familien aktiv zur Seite, um zwischen Hörenden und Gebärdensprachler*innen zu vermitteln.
Kerstin:
Mir ist an dieser Stelle wichtig zu ergänzen, dass viele Einrichtungen, seien es Beratungsstellen, therapeutische Hilfen, Informationscenter etc., für Hörgeschädigte schwer oder gar nicht erreichbar sind. Hier vermitteln wir und fangen auf, soweit es möglich ist.
Öffentlichkeitsarbeit und Aufklärung gehören deshalb auch zu unserer Arbeit.
Was sollten wir noch über Eure Arbeit wissen?
Janine:
Die Arbeit als Familienhilfe mit Gebärdensprachler*innen unterscheidet sich grundlegend von der Arbeit mit hörenden Familien. Nicht nur die Sprache ist eine andere, sondern auch die Wahrnehmung, die Kultur, das Verständnis, die Lebenswelt sowie die Akzeptanz und Sichtbarkeit in der Gesellschaft. Dies zu achten und wertzuschätzen sollte meiner Meinung nach oberstes Prinzip unserer Arbeit sein. Gehörlose Menschen sind nicht beeinträchtigt, sondern eine die Weltgemeinschaft bereichernde Kulturgruppe.
Kerstin:
Gehörlose sind leider immer noch mit vielen Barrieren konfrontiert. Für Hörende sind diese Barrieren im Alltag oft unsichtbar: Es gibt keinen Gebärdenunterricht in Regelschulen, Untertitel sind nicht regulär in den Medien vorzufinden, Dolmetscher werden selten eingeblendet, bei öffentlichen Veranstaltungen fehlt es meist an Dolmetschern dabei und vieles mehr. Unsere Arbeit bedeutet auch die tägliche Konfrontation mit Mängeln und Missständen, die wir leider nicht immer auffangen können.
Kooperationen unter den Mitarbeitenden in der Gehörlosenarbeit und den Klient*innen sind deshalb besonders wichtig.
Wenn Ihr es in einem Satz sagen solltet: Was macht diese Arbeit für Euch aus? 
Janine:
Durch die unterschiedlichen Kulturen unserer Klient*innen können wir jeden Tag viel lernen. Das bereichert unser Leben ungemein!
Kerstin:
Es ist eine spannende, herzliche, fordernde und dankbare Arbeit zwischen zwei Welten.
Vielen Dank für das Interview und Eure bedeutende Arbeit bei uns im SOS-Kinderdorf Bremen!