Einrichtungsleiterin Karin Mummenthey
Unsere Einrichtungsleiterin im Interview

20 Jahre SOS-Kinderdorf Bremen: „Familie hat sich verändert“


Einrichtungsleiterin Karin Mummenthey im Interview

20 Jahre ist es her, dass aus mehreren Wohngemeinschaften und individuelle Betreuungsformen das heutige SOS-Kinderdorf Bremen entstand. Als Einrichtungsleiterin von Anfang an dabei ist Karin Mummenthey. Im Interview erzählt sie, wie sich SOS-Bremen entwickelt hat und was die Arbeit heute noch ausmacht.

Frau Mummenthey, seit 20 Jahren gibt es das SOS-Kinderdorf Bremen. Was haben Sie und ihr Team aus dieser Zeit gelernt?

Zum einen, dass Prävention wichtig ist. Je früher man anfängt, die richtige Hilfe anzubieten, desto besser ist es für alle Beteiligten. Wir haben auch gelernt, dass wir nur erfolgreich sein können, wenn wir uns untereinander und mit anderen Hilfsangeboten vernetzen und voneinander lernen. In unserer Arbeit hat aber auch an Bedeutung gewonnen, dass jeder Mensch ein soziales Netz braucht, um die Herausforderungen des Alltags zu bewältigen.

Haben die Menschen heute kein soziales Netz mehr?

Nein, zumindest nicht so selbstverständlich, wie früher. Denn, Familie hat sich verändert. Viele Eltern haben heute keine eigenen Eltern oder andere Verwandte mehr in der räumlichen Nähe, bei der sie sich Hilfe holen können. Dadurch können junge Eltern zum Beispiel ihre Fragen nicht mehr in der Familie stellen, sondern sind auf ein außerfamiliäres Netzwerk angewiesen, welches sie oft erst aufbauen müssen. Dabei können wir helfen.

Wie sieht diese Netzwerkhilfe konkret aus?

In unserem Stadtteil- und Familienzentrum in der Bremer Neustadt begegnen sich Menschen unterschiedlichen Alters und aus verschiedenen Lebenssituationen. Wir haben hier einen Ort erschaffen, der es den Menschen leicht macht, sich kennen zu lernen. Auch tragen unsere verschiedenen Angebote dazu bei miteinander in Kontakt zu kommen. Ganz wichtig ist uns auch, dass unsere Angebote allen Interessierten offen stehen und niedrigschwellig sind. Konkret bedeutet dies, dass die Teilnahme an den meisten Veranstaltungen kostenlos ist und ohne Anmeldung besucht werden können. Auch nehmen wir uns Zeit für die individuelle Ansprache und Beratung. Das kommt gut an.

Sie sprechen vom SOS-Kinderdorf-Zentrum, das vor acht Jahren in der Neustadt eröffnet wurde. Was passiert hier denn genau?

Mit dem SOS-Kinderdorf-Zentrum haben wir ganz gezielt ein Angebot für junge Familien geschaffen um diese von Anfang an zu begleiten und zu unterstützen. Als Stadtteil- und Familienzentrum bieten wir hier neben unserem sozialen Mittagstisch, ein umfangreichen Beratungs- und Veranstaltungsangebot, welches sich an junge Familien richtet. Kinderarmut zeigt sich ja auch darin, dass Kinder keinen oder nur seltener Zugang zu Kultur- und Bildungsangeboten haben. Mit unseren kostenlosen Veranstaltungen nehmen wir dies auf und fördern Kinder präventiv. Familien die Rat suchen können sich im SOS-Kinderdorf-Zentrum von Fachkräften beraten lassen. Gleichzeitig sprechen wir Familien gezielt an, wenn uns bei unseren Angeboten auffällt, dass eine Familie mehr Unterstützung brauchen kann. Da das Haus allen Menschen offen steht, begegnen sich hier täglich junge und ältere Menschen aus unterschiedlichen Kulturkreisen und bereichern sich gegenseitig. Auch unsere Kooperationspartner spielen hier eine wichtige Rolle, denn nur gemeinsam können wir Familien bestmöglich unterstützen.

Das ist die Vernetzung mit anderen Hilfsangeboten, die sie anfangs erwähnten.

Genau. Ich sage immer: Bremen ist zu arm, als dass jeder nur für sich arbeiten sollte. Gerade weil wir wenig Geld haben, geht es nur mit Vernetzung. Werder Bremen und die Bremer Philharmoniker sind zum Beispiel zwei unserer wichtigen Partner wenn es darum geht tolle Aktionen für Kinder und Familien zu schaffen.

Hat sich das SOS-Kinderdorf-Zentrum gut in Bremen etabliert?

Ja, sehr. Unsere Besucherzahlen steigen jedes Jahr. Im vergangenen Jahr hatten wir hier über 69.000 Gäste. Es freut uns sehr, dass wir die Interessen der Familien treffen, die schon lange nicht mehr nur aus der Neustadt zu kommen. Aber auch in unseren anderen Angeboten merken wir den Bedarf: Für unsere Kindertageseinrichtung etwa hatten wir sieben freie Plätze, aber 50 Familien wollten einen Platz.

Wie haben sich denn allgemein die Angebote von SOS-Bremen seit der Gründung entwickelt?

Sie sind gewachsen und gleichzeitig vielfältiger geworden. Wir waren von Beginn an in sehr engem Kontakt mit dem Jugendamt und haben immer auf den konkreten Bedarf vor Ort reagiert. Angefangen haben wir mit stationären und teilstationären Hilfen, also mit Wohngruppen, Wohngemeinschaften und Tagesgruppen. Heute haben wir 18 unterschiedliche Einrichtungen und Angeboten für Kinder, Jugendliche und Familien in Bremen und umzu. Zurzeit leben 68 Kinder und Jugendliche bei uns.

Ist die finanzielle Lage Bremens eine große Herausforderung für Ihre Arbeit?

Ja, definitiv. Bremen ist ein Haushaltsnotlageland und muss sich deshalb in Berlin für alle Ausgaben, die über die Pflichtleistungen hinausgehen, rechtfertigen. Gleichzeitig ist aber in Bremen die Kinderarmut höher als in den meisten anderen deutschen Städten. Jedes dritte Kind ist hier von Armut bedroht. Als sozialer Träger würden wir gerne noch viel mehr tun, leider scheitert es oft daran, dass die Mittel einfach nicht vorhanden sind.

Trotzdem hat SOS-Bremen in den vergangenen 20 Jahren viel erreicht. Worauf sind Sie nach all dieser Zeit besonders stolz?

Ich bin in jedem unserer Bereiche auf etwas stolz. Mich freut, wie gut das SOS-Kinderdorf-Zentrum angenommen wird und wie bekannt es inzwischen ist. Im Bereich der Hilfen zur Erziehung gelingt uns immer wieder gut Kinder und Jugendliche entweder in ein eigenständiges Leben zu begleiten oder Bedingungen zu schaffen, damit sie wieder nach Hause können. In den Schulen, in denen wir tätig sind, unterstützen wir die Schüler in ihrer Entwicklung. Und im Kitabereich können wir stolz drauf sein, dass sich die Eltern gut begleitet und aufgenommen fühlen.

Ihre Ansprechpartnerin

Sollten Sie uns als Unternehmen unterstützen möchten, stellen wir Ihnen gerne umfangreiches Material (Bilder, Texte und unser Partner-Signet) zur Verfügung.

Sylvia Schikker

Sylvia Schikker

SOS-Kinderdorf Bremen
Kinder-, Jugend- und Familienhilfe
Friedrich-Ebert-Straße 101
28199 Bremen

Telefon 0421 59712-52
sylvia.schikker@sos-kinderdorf.de