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Aktuelles

„Niemand muss sich schämen ein Heimkind zu sein!“

29. September 2020

Careleaverin begrüßt neue Anlauf- und Beratungsstelle des SOS-Kinderdorfes Bremen

Die heute 29-jährige Julia war zwölf, als das Jugendamt sie zum eigenen Schutz in Obhut nimmt und dann bei einer Pflegefamilie unterbringt. Ihre alleinerziehende Mutter ist schwer krank, das Verhältnis zu ihr trotzdem sehr gut. „Das hat es mir besonders schwer gemacht“, erzählt die junge Frau. 

Careleaverin Julia hätte sich für sich eine ähnliche Beratung gewünscht

Careleaverin Julia hätte sich für sich eine ähnliche Beratung gewünscht

Bei der Pflegemutter fühlt sich das junge Mädchen von Anfang an nicht geborgen. Das leibliche Kind sowie ein Pflegekind, das seit seiner Geburt bei der Pflegemutter lebte, waren „die Heiligen“, ein weiteres Pflegekind und Julia die schwarzen Schafe der Familie. Die ungleiche Behandlung und die pessimistische Haltung der Pflegemutter, dass aus Julia und ihrem Pflegebruder „eh nichts wird“, führt letzten Endes dazu, dass Julia wegläuft. Die Polizei bringt sie zurück, aber die 13-jährige kämpft für sich und wird schließlich in eine Notunterkunft nach Bremen Nord gebracht.

Von dort geht es nach einigen Wochen in eine Jugendwohngruppe, in der Julia lebt, bis sie in ihre erste eigene Wohnung zieht. Julia ist jetzt 16 und wird weiterhin ambulant von pädagogischen Fachkräften betreut. Die Unterstützung endet, als Julia mit 18 Jahren heiratet. „Viel zu früh“, weiß sie heute. Sie fühlte sich aufgefangen, hatte einen verlässlichen Partner an ihrer Seite und doch war sie erst 18. 

„Ich war komplett alleine und hatte niemanden“

Das Jugendamt beendete die Hilfe sofort. „Du brauchst uns nicht mehr“, war die Botschaft, die man ihr mit auf den Weg gab und Julia glaubte ihnen. Die Realität sah leider anders aus. Kurz nach der Hochzeit wird Julias Ehemann in sein Heimatland abgeschoben. Das junge Paar ist völlig überfordert, muss sich gegen den Verdacht einer Scheinehe behaupten und schließlich mit einer mehrmonatigen Trennung leben. Julias Mann kommt zurück nach Bremen, die junge Ehe hält trotzdem nicht lange.
Besonders in dieser Zeit hätte sich Julia jemanden gewünscht, der für sie da ist. „Ich war komplett alleine und hatte niemanden“, erinnert sich die junge Frau. „Selbst wenn die Person die Abschiebung nicht hätte verhindern können, so wäre zumindest jemand da gewesen, der mir zuhört. Vielleicht hätte ich mich dann nicht so alleine gefühlt“.

Aber auch auch bei vielen anderen Herausforderungen hätte Julia sich Hilfe gewünscht. Durch abgeschlossene Handyverträge verschuldet sie sich und wie man eine gute Bewerbung schreibt, zeigt ihr auch niemand. Trotz ihres schlechten Schulabschlusses und ausbleibender Unterstützung ihrer Lehrer lässt sich Julia nicht von ihrem Berufswunsch, Erzieherin zu werden, abbringen. Sie holt ihren Realschulabschluss nach und geht anschließend als Au Pair nach Spanien. Zurück in Deutschland beginnt sie auf Anraten Dritter eine Ausbildung zur Hotelkauffrau und bricht diese nach eineinhalb Jahren ab. 2015 engagiert sie sich schließlich für unbegleitete, minderjährige Geflüchtete in Bremen. Zunächst ehrenamtlich, dann als pädagogische Hilfskraft und als der Bedarf der Hilfsorganisationen an ungelernten Mitarbeitenden zurückgeht, als 450-Euro-Kraft. Als persönliche Assistenz arbeitet sie bei der Lebenshilfe, bevor sie mit dem Bildungsgutschein der Arbeitsagentur endlich ihren Traumberuf erlernen kann, allerdings nicht ohne einen Härtefallantrag schreiben zu müssen. „Es war für mich ganz schlimm, einer Person, die ich nicht kenne, soviel persönliches aus meinem Leben schreiben zu müssen“, berichtet Julia und es ist ihr noch heute anzumerken, wie schwer dieser Schritt für sie war. Doch sie ist ihn gegangen, um ihren Berufswunsch ausüben zu können.

Careleaverin Julia begrüßt die neue Anlauf- und Beratungsstelle von SOS-Kinderdorf

Careleaverin Julia begrüßt die neue Anlauf- und Beratungsstelle von SOS-Kinderdorf

„So eine Anlauf- und Beratungsstelle hat schon lange gefehlt“

Die neue Anlauf- und Beratungsstelle des SOS-Kinderdorfes Bremen begrüßt Julia ausdrücklich: „Es gibt so viele Careleaver, die alleine zurechtkommen müssen und für die eine solche Stelle bisher gefehlt hat“. Betroffene haben häufig das Gefühl, Schuld an ihrer Familiensituation zu sein, dass dies nicht zutrifft wird ihnen oft erst im Erwachsenenalter bewusst. Julia hofft, dass sich viele Betroffene überwinden, auch wenn die Scham, Hilfe anzunehmen, häufig groß ist. „Niemand muss sich schämen, Heimkind zu sein, trotzdem tun es die meisten“, weiß die Careleaverin aus eigener Erfahrung.
Aktuell macht Julia ihr Anerkennungsjahr in einer Wohngruppe für unbegleitete, minderjährige Geflüchtete. Auch wenn der Weg bis hierhin schwierig war, so ist Julia doch stolz, dass sie nicht aufgegeben hat. Sie hat den Kontakt zu ihrer Mutter nie verloren und arbeitet nun in dem Beruf, den sie schon mit 16 erlernen wollte. Auch privat hat sie ihr Glück gefunden.

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