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Aktuelles

Zukunftschancen für Jugendliche ohne Perspektive

13. Januar 2022

sos.phoenix in Moabit löst sich bewusst vom schulischen Rahmen

Es gibt viele Wege zu lernen. sos.phoenix im SOS-Kinderdorf Berlin

Es gibt viele Wege zu lernen.

Das SOS-Kinderdorf Berlin konzentriert sich mit seinen Hilfen für Kinder, Familien, Jugendliche und junge Erwachsene auf den Sozialraum Moabit im Berliner Bezirk Mitte. Neben den klassischen Kinderdorffamilien gibt es hier eine Vielzahl von Angeboten wie Kita-Betreuung, interkulturelle Beratung und den offenen Familientreff. SOS-Kinderdorf Berlin unterstützt darüber hinaus Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene in der Schule sowie beim Übergang von Schule zu Beruf und hilft mit beruflicher Orientierung, Vorbereitung und Erstausbildung.

Für junge Menschen, die sich von Schule abgewandt haben, sei es wegen wiederholter Frustrationserfahrungen, Versagensängsten oder Mobbings, hat die Einrichtung ein spezielles Angebot entwickelt: sos.phoenix richtet sich an Schüler*innen der 8. bis 10. Klasse im Bezirk Berlin Mitte, die zum Zeitpunkt der Aufnahme keinerlei Aussicht auf einen Schulabschluss haben. Ein aktuelles Umsetzungsprojekt also im Handlungsfeld „Bildung und Befähigung ermöglichen“ der Strategie 2024. 

Konsequent von Schule lösen


Interview Susanne Lange

Auf einem Gesamtteamtag erläutert Susanne Lange Mitarbeiter*innen die Zusammenhänge zwischen der SOS-Strategie und dem ‚Bildung im Blick‘-Konzept des SOS-Kinderdorfs Berlin.

Susanne Lange, Bereichsleiterin Bildung, hat das Projekt initiiert und mitentwickelt, gefördert wird es vom Jugendamt Berlin Mitte. „Jeder möchte natürlich einen Abschluss machen“, betont Lange, „aber es gibt Situationen, in denen es einfach nicht mehr förderlich ist, einen jungen Menschen um jeden Preis zum Schulbesuch zu zwingen.“

Passive und aktive Schuldistanz war schon vor Corona ein großes Problem und hat sich durch die Pandemie nochmal verstärkt, psychische Notfälle haben deutlich zugenommen. In vielen Fällen sind die Schulen damit überfordert, die Kinder und Jugendlichen pädagogisch aufzufangen und gegenzusteuern. 

Erfolgserlebnisse ermöglichen

Aus diesen Erfahrungen heraus entstand mit sos.phoenix ein sehr niedrigschwelliges Projekt, das explizit keine konkrete Vorbereitung auf einen Schulabschluss anbietet. Stattdessen bietet es einen geschützten Raum ohne Druck und Leistungsstress. „Wir möchten den Jugendlichen ermöglichen, dass sie gemeinsam mit festen Bezugspersonen feste Tagesstrukturen entwickeln und machbare Aufgaben bearbeiten. Sie sollen erleben, dass sie etwas können“, erläutert Lange. 

Den Lehrplan dafür zu entwickeln war eine gewisse Herausforderung: Die Jugendlichen bilden eine sehr heterogene Gruppe, sie haben unterschiedliche Herkünfte, Sprach- und Bildungsstände. Um sie dennoch im Rahmen der Lernförderung individuell und bedarfsgerecht zu fördern, hat Lange mit den Lehrkräften des SOS-KD Berlin ein spezielles Curriculum erarbeitet Themen werden gemeinsam mit den Jugendlichen entwickelt, um Beteiligung zu fördern. Damit bringt das Projekt gleichzeitig auch das strategische Handlungsfeld „Jungen Menschen eine Stimme geben“ voran.

Praxisorientiertes Lernen in Kleingruppen

Das Konzept ist ganzheitlich angelegt. Ein multiprofessionelles Team, bestehend aus Sozialpädagog*innen, Praxisanleiter*innen und Lehrkräften, fördert die Jugendlichen in den Bereichen Fach- und Allgemeinwissen sowie in Bezug auf die Persönlichkeitsentwicklung. Parallel wird gemeinsam in Praxisbereichen gearbeitet, die in die Felder „Geschick“ (Werkstatt/Garten) und „Geschmack“(Hauswirtschaft/Ernährung/Gesundheit) aufgeteilt sind. Die Räumlichkeiten verteilen sich auf zwei Etagen mit einem Garten. Die Teilnehmenden sind projektbezogen von der Schulpflicht befreit.

Lernstoff erlebbar machen im SOS-Kinderdorf Berlin

Lernstoff erlebbar machen: Exkursionen sind beliebter Bestandteil des Unterrichts.

Im Durchschnitt sind etwa zwölf Jugendliche und vier Mitarbeiter*innen anwesend. „Das ist natürlich schon aufwändig, für zwölf junge Menschen so ein Angebot auf die Beine zu stellen, aber es ist die Sache absolut wert“, betont Lange. „Ich würde mich freuen, wenn ein Projekt wie dieses überflüssig wäre, wenn alle Kinder die Schule als einen sicheren Ort erleben würden, anerkannt wären und ihre kleinen Schritte machen könnten. Aber das ist nicht der Fall. Und deshalb braucht es so etwas wie uns noch, zumindest im Moment.“

Herzensmenschen und Höflichkeit

„Ich möchte unbedingt hierbleiben!“, „Kann ich bitte wiederkommen?“ Sätze wie diese hören Lange und ihre Kolleg*innen von den Jugendlichen oft schon in der ersten Schnupperwoche. „Das ist für uns sehr berührend“, so Lange. Bemerkenswert sei auch, wie alle Teilnehmenden die Kommunikationsregeln respektieren, höfliches Feedback geben, einander ausreden lassen.  

„Ich finde es toll hier, weil Sie mich mit Respekt behandeln“, so eine Stimme aus der Gruppe. „Man weiß erst wie gut das Projekt ist, wenn man in einem anderen war“, konstatiert eine weitere Rückmeldung.

Kürzlich durfte Lange an einem vom Team sos.phoenix initiierten sogenannten ‚Treffen der Herzensmenschen‘ teilnehmen: „Wir haben informell zusammengesessen und einfach geredet. Ein Junge hat seine Oma mitgebracht, die erzählte, dass ihr Enkel in der Schule sehr gemobbt wurde und seit er zu uns kommt richtig aufgeblüht ist. Das sind sehr schöne Momente.“

sos.phoenix im SOS-Kinderdorf Berlin

Homeschooling-Aufgabe zum Thema Minutenportrait im Lernfeld ‚Kunst und Kultur‘

In Langes Augen zeigen sich Erfolge bei sos.phoenix im Kleinen, auf der persönlichen, individuellen Ebene: „Wir sehen Erfolge an sich stark verändernden Anwesenheitszeiten oder auch am Einhalten der Tagesstruktur“, erläutert Lange. „Unser Auftrag ist es, Perspektiven zu ermöglichen, vorhandenes Bildungsinteresse zu pflegen und auszubauen. Und wenn es ganz gut läuft, dann suchen wir mit den Jugendlichen einen Weg, vielleicht doch noch einen Abschluss oder eine Ausbildung zu machen.“