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Zum Nichtstun verdammt

10. Mai 2019

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Angelika Hammer-von Au von SOS-Kinderdorf versucht den jungen Afrikaner Abbubakar immer wieder aufzumuntern und ihm Mut zu machen.

Der aus Burkina-Faso stammende Abbubakar sitzt, trotz möglichem Arbeitsvertrag, seit einem Jahr in einer Flüchtlingsunterkunft herum. SOS-Kinderdorf begleitet ihn so gut es geht.

Abbubakar, der 21-Jährige junge Mann aus Burkina-Faso, sitzt im Sportlerheim des SV Prittriching. Er trägt den rot-schwarzen Fußball-Trainingsanzug des Vereins. „Ich bin Stürmer“, erklärt er stolz. Seine Vereinskameraden wollen nicht mehr auf ihn verzichten. Er ist wichtig für die zweite Mannschaft und außerdem mögen sie ihn. Doch dauernd kreist ein Damoklesschwert über dem jungen Mann, der inzwischen fünf Jahre in Deutschland lebt.

Vom Analphabeten zum erfolgreichen Schulabschluss

Abbubakar ist gut integriert in Prittriching. Er spielt in der zweiten Mannschaft und seine Vereinskollegen mögen ihn.

Abbubakar ist gut integriert in Prittriching. Er spielt in der zweiten Mannschaft und seine Vereinskollegen mögen ihn.

Er kam 2014 als noch 16-jähriger Flüchtling nach Landsberg und wohnte bis 2018 in einer Wohngruppe von SOS-Kinderdorf. In der Zeit lernte der damalige Analphabet Deutsch und machte seinen Mittelschulabschluss. „Bei ihm lief alles problemlos“, erzählt Renate Sauberzweig vom Jugendamt Landsberg. „Er ist ein freundlicher, arbeitswilliger, zuverlässiger junger Mann.“ Nachdem er in der Baufirma Ditsch in Prittriching ein Praktikum absolvierte, war man hier von Abbubakar so begeistert, dass er als Hilfsarbeiter übernommen werden sollte und ihm eine Ausbildungsstelle in Aussicht gestellt wurde. Seine Betreuer freuten sich darüber, wie gut der junge Mann sich integrierte und mit seiner verbindlichen Art einen Arbeitgeber von sich überzeugte. So verschaffte man Abbubakar in der dezentralen Flüchtlingsunterkunft in Prittriching ein Zimmer, damit er in der Nähe seines Arbeitgebers untergebracht ist. „So weit war alles gut und dann war plötzlich nichts mehr gut“, berichtet Sauberzweig.

Abbubakar schaut traurig und hilflos aus, wenn er davon erzählt, wie schwierig es war, den offiziellen Stellen zu erklären, was ihm widerfahren ist, als er als 15-Jähriger eine Flucht über verschiedene Länder und das Meer auf sich genommen hat. Er sei misshandelt worden, erzählt er und zeigt eine Narbe an seiner Schulter. Sein Vater sei von Rebellen getötet, sein Dorf niedergebrannt worden und seine Mutter habe ihn aus Angst fortgeschickt.

In Deutschland durfte Abbubakar zunächst als minderjähriger Flüchtling bleiben, doch dann wird sein Asylantrag abgelehnt. „Es bleibt ihm nur noch der Weg über Artikel 25a des Aufenthaltsgesetzes“, so Hildegard Kamp-Hell, die ehrenamtlich die Flüchtlinge in Prittriching betreut. Dieser besagt, dass gut integrierte Jugendliche und junge Erwachsene eine Aufenthaltserlaubnis erhalten. Dies würde bedeuten, dass er arbeiten dürfte. Im Moment ist er nur geduldet, von Monat zu Monat – und das schon seit mehr als einem Jahr. Er sitzt in seiner Unterkunft und dreht Däumchen, spielt Fußball, versucht sich zu beschäftigen, nimmt an Deutschkursen teil, die weit unter seinem Niveau liegen, weil nichts anderes angeboten wird – und ist zum Nichtstun verdammt. „Egal was kam, Abbubakar war immer nett und freundlich, obwohl er einen Rückschlag nach dem anderen hinnehmen musste“, kommentierte SOS-Kinderdorf Mitarbeiterin Angelika Hammer-von Au die Situation des jungen Flüchtlings. Inzwischen schwankt der junge Mann zwischen Hoffnung und Hoffnungslosigkeit, Mut und Mutlosigkeit. Einmal im Monat fährt er zur Ausländerbehörde nach Landsberg, um die Duldung um einen weiteren Monat zu verlängern. 8,50 Euro kostet die Busfahrt dorthin, die er von den 150 Euro bezahlen muss, die er monatlich vom deutschen Staat zur Deckung seiner Lebenshaltungskosten - für Essen, Trinken, Kleidung und Mobilität - erhält. Dabei würde er so gerne arbeiten, dem Staat nicht auf der Tasche liegen – und dabei auch gerne selbst ein wenig mehr Geld in der Tasche haben. „Er wäre ein wertvolles Mitglied unserer Gesellschaft. Er ist fleißig, er würde gerne arbeiten, er würde dann Steuern zahlen. Er tut alles, was er kann, das muss doch wertgeschätzt werden“, Angelika Hammer-von Au, genauso wie Renate Sauberzweig vom Jugendamt Landsberg, können nicht verstehen, warum ausgerechnet Abbubakar so viele Steine in den Weg gelegt werden. „Es ist keine Humanität mehr, finde ich“, so Hammer von Au. „Was passiert, wenn er in seine Heimat zurückkehren muss, die er als Kind fluchtartig verlassen hat. Wo soll er denn dann hin?“

Abbubakar steht inzwischen auf dem Sportplatz, ein Ball am Fuß, dann ein Schuss aufs Tor. Bei aller Verzweiflung und Perspektivlosigkeit ist er dankbar: „Ich habe in Deutschland viel mehr gelernt, als ich in 100 Jahren in Burkina-Faso hätte lernen können.“ Es liegt ein steiniger Weg hinter ihm. „Und leider auch noch vor ihm“, prognostiziert Hildegard Kamp-Hell. Doch eine kleine Hoffnung tut sich auf: „In Bayern dürfen besonders gut integrierte Asylbewerber künftig öfter arbeiten“, so lautet eine Pressemeldung aus dem Bayerischen Innenministerium im März dieses Jahres. Damit möchte man Einzelfällen und Besonderheiten gerecht werden – und auch den händeringend nach zuverlässigen Mitarbeitern suchenden Arbeitgebern entgegenkommen.