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Miteinander die nächsten Schritte in die Zukunft

19. November 2019

Andreas Brommont ist seit einem halben Jahr Einrichtungsleiter des SOS-Kinderdorfs Ammersee-Lech Im Interview mit Mareike Spielhoffen zieht er ein erstes Resümee

Herr Brommont, wie fühlen Sie sich nach einem halben Jahr im SOS-Kinderdorf?

Im Interview: Andreas Brommont, Leiter des SOS-Kinderdorfs Ammersee

Im Interview: Andreas Brommont, Leiter des SOS-Kinderdorfs Ammersee

Ich bin gut angekommen und habe einen Überblick über das, was wir anpacken müssen! Nach einer Woche Urlaub habe ich gemerkt, wie gerne ich wieder an meinen Arbeitsplatz zurückkomme und wie gerne ich im Kontakt mit den Mitarbeitern und Kollegen bin. Jedoch muss ich zugeben, dass ich auch sehr unter Strom stehe: Die Arbeit ist vielschichtig, es gibt viele Themen, die wir anpacken müssen und die Herausforderungen sind groß. Es ist ein umfassender Einrichtungsverbund mit vielen Klienten, vielen Mitarbeitern und sehr unterschiedlichen Arbeitsbereichen. Aber ich bin bereit, die Dinge anzupacken und bekomme auch von der Mitarbeiterschaft positive Signale, dass wir das gemeinsam stemmen.

Was waren Ihre bisherigen Highlights?

Eindeutige Highlights sind die Feste hier im Kinderdorf, wie das Maibaumklettern, das Sommerfest, auch Besuche, wie der von Frau Baumüller-Söder und der Delegation der Fregatte Bayern bei der Einweihung unseres neuen Spielschiffs. Ich bin ja immer noch dabei Eindrücke zu sammeln. Es ist daher interessant für mich zu sehen, wie die einzelnen Familien agieren und funktionieren. Bei den Festen spürt man die SOS-Kinderdorf-Familie: Alle helfen mit, sind fröhlich und es ist eine schöne Stimmung. Das fühlt sich für mich nach einer gewachsenen Gemeinschaft mit Tradition an und das ist etwas, das ich mir hier erhofft habe. Es gefällt mir gut, dass ich das auch so vorfinde.

Weitere Highlights sind für mich die Begegnungen mit den Mitarbeitern. Ich habe sie jetzt fast alle persönlich kennengelernt, fast alle Einrichtungsteile besucht und kenne inzwischen viele der rund 200 Mitarbeiter beim Namen. Das hat für mich eine sehr hohe Wertigkeit. Ich sehe aber auch, dass die Mitarbeiter wertschätzen, wenn ich als Leitung ein offenes Ohr für sie habe. Das fühlt sich gut für mich an!

Was sind Ihre Aufgaben in der Einrichtung?

Wie gesagt sind meine Aufgaben vielfältig, was ich schätze! Ich führe derzeit viele Mitarbeitergespräche. Und es sind täglich Entscheidungen zu treffen. In der Dichte und Frequenz ist das neu für mich, obwohl ich ja schon lange Jahre in verantwortungsvollen Positionen gearbeitet habe. Dabei geht es um finanzielle, bauliche, strategische und vor allem pädagogische Inhalte und Konzepte. Mitarbeiter zu führen, den gesamten Einrichtungsverbund im Blick zu behalten, mit den Kooperationspartnern eine tragfähige Zusammenarbeit zu pflegen und zu entwickeln, das alles gehört zu meinen Aufgaben. Die pädagogische Arbeit mit den Betreuten hat dabei für mich persönlich einen hohen Stellenwert, die möchte ich sehr im Blick haben!

Was sind Ihre persönlich größten Herausforderungen?

Ganz allgemein sind die anstehenden Herausforderungen groß: Da geht es um Rückbau der in Landsberg aufgebauten Flüchtlingseinrichtungen, strategische und zukunftsorientierte Umplanung der Wohngruppen, Nachwuchsgewinnung, eine gute Aufstellung der Teams und vieles mehr.

Persönlich liegen mir die Mitarbeiter sehr am Herzen, sie sind unser Kapital! Ich habe aber auch sehr hohe Ansprüche an die Qualität unserer Arbeit und an die Pädagogik, die wir den Betreuten zukommen lassen. Da können wir uns noch steigern. Beides gut hinzubekommen, ist eine große Herausforderung für mich.

Es bedeutet mir viel, das Ganze auf Augenhöhe mit den Mitarbeitern zu entwickeln und den Weg gemeinsam zu gehen. Wichtig dabei ist, dass die Mitarbeiter das Tempo mitgehen können. Nur so können wir die großen Herausforderungen anpacken und miteinander die nächsten Schritte in die Zukunft zu gehen. Dies ist für mich der einzig gangbare Weg. Ich bin jedoch überzeugt davon: Mit Geduld werden wir das gut hinbekommen.

Was sagen Sie zu der Arbeit der Mitarbeiter im SOS-Kinderdorf?

Die Arbeit in den Kinderdorffamilien aber auch generell in der Kinder- und Jugendhilfe ist fordernd und anspruchsvoll. Es steckt viel Herzblut darin. Es geht ja schließlich um oft langfristige Beziehungen. Da unsere Betreuten oft Beziehungsabbrüche in der Vergangenheit erlebt haben, haben wir eine große Verantwortung, ihnen Verhältnisse zu bieten, in denen sie nicht das gleiche wiedererleben. Da brauchen wir eine gute Kultur und auch ein Selbstverständnis, dass Mitarbeitende sich langfristig einlassen. Und das erlebe ich hier so: Die Mitarbeiter sind engagiert und sie sind überzeugt von dem was sie tun. Und das ist eine gute Basis!

Außerdem gefällt mir die Offenheit der Mitarbeiter für anstehende Veränderungen. Ich spüre eine große Bereitschaft, aufeinander zuzugehen, Ziele zu definieren und diese gemeinsam umzusetzen. Das ist eine gute Energie!

Was sehen Sie als größte Herausforderung der Einrichtung für die kommenden Jahre?

Unser Alleinstellungsmerkmal des SOS-Kinderdorfs im Vergleich zu anderen Heimeinrichtungen ist das familiäre Setting der Kinderdorffamilien. Das Modell finde ich sehr schön und auch zukunftsfähig. Leider fehlt uns der Nachwuchs an Kinderdorf-Müttern und -Vätern. Daher müssen wir uns mit der Realität auseinanderzusetzen und gesellschaftliche sowie globale Entwicklungen berücksichtigen. Wir brauchen meines Erachtens verschiedene Modelle, die nebeneinanderstehen können. Außerdem müssen wir nach Lösungen suchen, wie wir das bestehende Modell zeitgemäß gestalten können, damit es wieder attraktiv wird. Stichworte sind dabei Partnerschaften von Kinderdorfmüttern und -Vätern sowie gerechte Entlohnung von Mitarbeitern im sozialen Bereich. Zudem beschäftigt uns das Thema Nachhaltigkeit.

Nachhaltigkeit? Wie gehen Sie dieses Zukunftsthema im SOS-Kinderdorf an?

Auch hier möchten wir unsere Hausaufgaben machen und den Betreuten gegenüber ein Vorbild sein. Im Dorfrat war das schon ein Thema. Für mich kommt nicht in Frage, hier etwas vorzugeben und „überzustülpen“. Das Thema ist sehr vielschichtig, jeder kann im Kleinen etwas tun, dann gibt es Synergien und dann können wir uns gemeinsam entwickeln. Da hatten wir schöne Beispiele, wie den Landwirt gegenüber nach seiner Produktpalette zu befragen und hier einzukaufen. Im Kinder- und Jugendrat wird das Thema ebenfalls intensiv bearbeitet. In der Verwaltung haben wir im Sommer auf Recyclingpapier umgestellt. Kleine Schritte passieren überall, viele völlig unbemerkt. Aber genau das ist für mich die Chance, dass jeder aus seinem privaten Fokus etwas mitbringt. Ideen könnten wir zum Beispiel in einer Datenbank sammeln. Auch im Bereich Nachhaltigkeit können wir gut miteinander wachsen.

Was gefällt Ihnen bei SOS-Kinderdorf ganz besonders gut? Was ist das Besondere an der Einrichtung für Sie?

Besonders gefällt mir, für einen Träger zu arbeiten, der nicht nur mir, sondern vielen Menschen seit Kindesbeinen präsent ist. Diese Öffentlichkeitswirkung ist schon etwas Besonderes. Auch unsere vielen privaten Spender sind überzeugt von uns, interessieren sich vielfach für unsere Arbeit und möchten erfahren, was mit ihrem Geld passiert. Unsere Organisation ist sehr transparent und die Leute können bestimmen, was genau mit ihrer Spende geschieht: kommt es einem speziellen Kinderdorf zugute? Einem Bauprojekt? Ferienfreizeiten oder Therapieangeboten? Ich bin stolz, dass ich hier arbeiten darf!