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Mehr als eine Hebamme

11. Juli 2019

Familienhebamme Angelika Killi unterstützt Yohana und ihren Sohn Mikas weit über die normale Hebammentätigkeit hinaus.

Familienhebamme Angelika Killi unterstützt Yohana und ihren Sohn Mikas weit über die normale Hebammentätigkeit hinaus.


Familienhebamme Angelika Killi von SOS-Kinderdorf hat einen ganz besonderen Job im Landkreis: Sie betreut hauptsächlich junge Flüchtlingsfamilien.

Angelika Killi steigt aus ihrem Auto. Neben ihr sitzt eine junge dunkelhäutige Frau, die nun ebenfalls aussteigt und einen kleinen Jungen aus dem Kindersitz auf der Rückbank befreit. Er quietscht vor Vergnügen und kaum, dass seine Füße den Boden berühren, läuft er etwas tapsig los, durch das Gartentor, nimmt bedacht eine Stufe nach der anderen, bis er auf der kleinen Terrasse vor der Haustür steht. Die junge Frau ist Yohana aus Eritrea, ihr Sohn Mikas ist fast zwei Jahre alt und in Deutschland geboren. Schon während der Schwangerschaft wurden Yohana und ihr Mann Fithawi von Angelika Killi unterstützt. Denn sie ist als Familienhebamme angestellt beim SOS-Kinderdorf Ammersee-Lech: Schwangere, junge Mütter und Familien, die sich in belastenden Lebenssituationen befinden und eine intensivere Betreuung benötigen, werden, zusätzlich zur regulären Hebammenbetreuung, von ihr unterstützt.

Angelika Killi ist 2012 persönlich vom ehemaligen SOS-Kinderdorfleiter Erich Schöpflin gefragt worden, ob sie sich diese Aufgabe vorstellen könnte. Killi hat damals sofort erkannt: „Das liegt mir!“ So machte sie eine Zusatzausbildung und nahm die Stelle, angegliedert an die SOS-Frühförderstelle in Landsberg und damals noch zum Teil refinanziert durch das Jugendamt, an. Vorbild waren erfolgreiche Familienhebammen-Projekte aus Norddeutschland, die es dort schon seit 20-30 Jahren gibt.

„Ich bin als Hebamme selbständiges Arbeiten gewöhnt und arbeite auch als Familienhebamme ganz individuell. Wenn ich sehe, einer Familie geht es schlecht, dann bin ich auch mal mehrere Stunden am Tag da und versorge die anderen Kinder der Familie mit. Wenn ich sehe, der Familie geht es gerade gut, da ist vielleicht die Oma da, dann ziehe ich mich zurück.“

Vor sieben Jahren wusste noch niemand so recht, in welche Richtung sich das Konzept „Familienhebamme“ bei SOS-Kinderdorf entwickeln würde. Doch dann kamen die Flüchtlinge und mit ihnen auch der Familiennachzug. „Vor rund zweieinhalb Jahren war ich das erste Mal in Bischofsried bei einer schwangeren Flüchtlingsfrau. Heute sind rund 90 Prozent meiner Familien Flüchtlingsfamilien.“

Viel mehr als die normale Hebammentätigkeit

Mikas hebt vorsichtig einen kleinen Stein auf, nimmt ihn fest in seine Faust und legt ihn Angelika Killi in den Schoß. Diese sitzt mit seiner Mutter noch kurz auf der Terrasse zusammen. Die Familie wohnt zur Untermiete in einem alten Bauernhaus in Dettenschwang. Mikas kommt gerade von einem Untersuchungstermin. Schon während der Schwangerschaft wurde eine Herzarrhythmie festgestellt, nach der Geburt hatte er Haut- und Lungenprobleme und musste viele verschiedene Medikamente einnehmen. Für das junge Paar, das vor vier Jahren unter widrigen Umständen aus Eritrea über das Mittelmeer geflüchtet war, war dies aufgrund der Sprach- und kultureller Barrieren eine Situation, die sie stark verunsicherte und zusätzlich belastete. Angelika Killi unterstützte daher schon in der Schwangerschaft und nach der Geburt. Sie fuhr die Familie zu den Ärzten, erklärte die Medikamentendosierung, tröstete und nahm Ängste. Außerdem leitete sie in die Wege, dass Mikas einen Krippenplatz bekam.

Andere Länder andere Sitten

Ihre Arbeit geht weit über die normale Hebammentätigkeit hinaus. „Als Familienhebamme schaue ich mir das gesamte Familienkonstrukt an. Wenn ältere Kinder in den Familien sind, schaue ich, ob sie schon mal beim Zahnarzt waren, ob sie geimpft sind oder ihre U-Untersuchungen regelmäßig gemacht wurden.“ Angelika Killi ist damit für die Flüchtlingsfrauen mit Kindern eine wichtige Ansprechpartnerin und eine große Hilfe. Sprachbarrieren und kulturelle Unterschiede, unbekannte bürokratische Abläufe sowie die isolierte Lebenssituation in einem fremden Land ohne eigene Familie führen bei den Flüchtlingsfrauen zu großen Unsicherheiten. Mit Killis Hilfe haben nicht nur die Eltern, sondern auch die Kinder eine gute Chance, vernünftig in der Gesellschaft, die nun ihre Heimat ist, anzukommen und sich zurechtzufinden. „Diese Prozesse schubse ich mit an. Das macht mir viel Spaß“, so Angelika Killi. Schon seit 20 Jahren arbeitet sie im Umkreis von Dießen als Hebamme und ist sehr gut vernetzt. Außerdem hat sie schon in Brasilien, weitab von jeglicher Stadt als Hebamme gearbeitet. „Ich habe dort draußen in Hängematten ohne Strom Hausgeburten betreut.“ Sie weiß aus Erfahrung, dass sie Überzeugungsarbeit für die Abläufe in Deutschland leisten muss. „Dass das Leitungswasser für die Babys gut genug ist, muss ich den Frauen erst erklären.“ Inzwischen, nach sechs Jahren als Familienhebamme hat sie insgesamt 52 junge Familien betreut.

Der größte Wunsch: Eine Wohnung in Dießen

Yohana, ihr Mann Fithawi und ihr kleiner Sohn Mikas liegen Angelika Killi sehr am Herzen. Trotz seines etwas holprigen Starts ins Leben ist Mikas ein fröhlicher kleiner Junge, der sich prima entwickelt. So lange er keinen Infekt hat, geht es ihm gesundheitlich gut. Fithawi arbeitet derzeit als Lagerarbeiter. Für ihn und auch für Yohana ist es schwierig, ohne Auto in Dettenschwang zurechtzukommen. Fithawi übernachtet oft bei Freunden in Dießen, um überhaupt zu seiner Arbeitsstelle zu kommen. Yohana würde gerne eine Friseur- oder Konditorausbildung machen. Doch der öffentliche Nahverkehr in Dettenschwang passt nicht zu den Krippenzeiten. So ist der größte Wunsch des jungen Paares, eine kleine Wohnung in Dießen zu finden. Angelika Killi unterstützt sie im Rahmen ihrer Möglichkeiten, wo sie nur kann. Sie hat den beiden Erwachsenen und insbesondere dem kleinen Mikas einen guten Start in Deutschland mit ermöglicht. Wunder kann sie allerdings auch nicht vollbringen.

*Text und Bilder: Mareike Spielhofen



Ihre Ansprechpartnerin

Dr. Susanne Dillitzer
Einrichtungsleitung

SOS-Kinderdorf Ammersee-Lech
Wiesenring 15
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