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„Bei uns wohnt Mohamed Ali“

4. Dezember 2018

Die Ärztin Johanna Lochner nimmt zwei junge Flüchtlinge von SOS-Kinderdorf in ihre Familien-WG in Landsberg auf.

Zusammenleben in der Familien-WG

„Es ist ein schönes Zusammenleben – sehr bereichernd!“ Die Ärztin Johanna Lochner hat sich auf ein für Außenstehende zunächst ungewöhnlich und mutig erscheinendes Modell des Wohnens eingelassen. Sie vermietet Zimmer im Haus in einem Wohngebiet nahe der Landsberger Innenstadt an zwei junge Eritreer unter. „Ich finde die jungen Leute viel mutiger, die kommen hierher, ohne jeden Rückhalt, völlig ins Unbekannte“, reagiert sie auf erstauntes Fragen.

Sie alle nennen es „Familien-WG“ und vergleichen es liebevoll mit einer Patchwork-Familie. Es wirkt auch wie Familie: In entspannter, vertrauensvoller Atmosphäre sitzen Johanna Lochner, ihre 21-jährige Tochter Malina sowie Mohamed und Ali gemeinsam um den Küchentisch in der gemütlichen Küche, trinken Espresso und sind in Gespräche vertieft. „Meine Kinder haben mich eigentlich zu diesem Schritt ermutigt“, erzählt Johanna Lochner. Natürlich spielte dabei auch die finanzielle Erleichterung durch die Beteiligung an der Miete eine Rolle. Und ihre Tochter fügt hinzu: „Sie sind auch nicht anders als deutsche Jugendliche, außerdem haben sie viel Unterstützung.“ Während sie studiert und nur an manchen Wochenenden daheim ist, lebt der 17-jährige Sohn Yanek noch zu Hause.

SOS-Unterstützung auch nach der Volljährigkeit

Die Idee zu dieser WG entstand aufgrund einer Anzeige von SOS-Kinderdorf. Hier ging es zwar um die Suche nach ganzen Häusern für junge Flüchtlinge, dennoch wendete sich SOS-Mitarbeiterin Miriam Winsweiler dankbar an die Familie. Denn Mohamed und Ali kamen als minderjährige unbegleitete Flüchtlinge vor ein paar Jahren in eine der betreuten Wohngruppen des SOS-Kinderdorfs nach Landsberg. Nachdem sie 18 Jahre wurden, zogen sie in das so genannte teilbetreute Wohnen um, das ebenfalls von SOS-Kinderdorf angeboten wird.

Mit 21 Jahren – und das werden die beiden bald -  müssten sie jedoch dort ausziehen. Daher kam das WG-Angebot sehr gelegen. „Miriam von SOS-Kinderdorf war dabei eine Schlüsselfigur für uns“, betont Johanna Lochner. „Sie genießt unser Vertrauen, aber auch das von Mohamed und Ali.“ Die Mitarbeiterin von SOS-Kinderdorf, die einen der beiden jungen Männer schon längere Zeit kennt, hat sie bewusst zusammen mit ihren Kollegen für diese Familie ausgesucht. Sie hatte von vorne herein das Gefühl, das könnte gut klappen.

SOS-Kinderdorf greift den beiden Flüchtlingen auch bei Anträgen und Schriftverkehr immer wieder unter die Arme. „Ich kann mich nicht in ihre Verwaltungsangelegenheiten einarbeiten“, so Johanna Lochner. „Es ist uns sehr bewusst, dass wir durch die Unterstützung durch SOS-Kinderdorf in einer sehr guten Situation sind.“ Auch Malina bestätigt den Vorteil, den die jungen Männer haben, wenn sie sich mit Hilfe der SOS-Mitarbeiter auf ein Mietangebot melden. 

Johanna Lochner (von links) vermietet Zimmer an die beiden Eritreer Ali und Mohamed unter. Ihre Tochter hat sie dazu ermutigt

Johanna Lochner (von links) vermietet Zimmer an die beiden Eritreer Ali und Mohamed unter. Ihre Tochter hat sie dazu ermutigt


Konzept Großfamilie in der Familien-WG

Die zwei jungen Eritreer haben in den letzten Jahren viel erlebt und durchgemacht. So ist Ali mit 15 Jahren aus seiner Heimat geflüchtet. Mit 17 Jahren kam er schließlich nach Deutschland. Die Geschichten sind, wie bei allen Flüchtlingen, haarsträubend. Wer verlässt schon als Jugendlicher freiwillig seine Familie? Die hat Ali nun schon viele Jahre nicht gesehen. „Ich telefoniere mit ihnen zirka einmal im Monat“, erzählt er in gutem Deutsch. An das Leben in Deutschland musste er sich erst gewöhnen. „Bei uns ist es ganz anders.“ Vor allem die Pünktlichkeit, die Regeln und die vielen Formulare, die er nicht versteht. Doch WG-tauglich ist er. Denn er kommt aus einer Großfamilie und ist es gewohnt, in gutem Miteinander zu leben.

Auch Johanna Lochner stammt aus einer großen Familie und ist es gewöhnt Menschen um sich zu haben. „Ich freue mich, wenn ich abends heimkomme und es sitzt jemand in meiner Küche“, erzählt die Ärztin, die eine Assistenzarztstelle in einer kleinen Klinik hat und zusätzlich eine „kleine Selbständigkeit“ in einer Gemeinschaftspraxis. Fast jeden Abend wird zusammen oder nebeneinander gekocht. Dabei unterhalten sie sich zum Beispiel über Musik und über kulturelle Gemeinsamkeiten und Unterschiede in den Ländern. „Ich glaube, dass die Flüchtlinge eine riesengroße Chance für unsere Kultur sind, wo Einsamkeit, Mauern und Zäune viele Menschen unglücklich machen“, philosophiert Johanna Lochner. „Es sind sehr schöne Dinge, die die jungen Menschen uns mitbringen, nicht nur ihre Arbeitskraft.“

Schule, Ausbildung, Mietführerschein - Vorbereitungen für ein eigenständiges Leben

Aber auch die Arbeitskraft ist ein wichtiges „Mitbringsel“ für die Gesellschaft: Während Mohamed noch zur Schule geht, macht Ali nach seinem bestandenen Mittelschulabschluss eine Schreinerausbildung. Das erste Jahr ist ein Berufsschuljahr und für den kommenden Sommer sucht er noch eine Lehrstelle. Für den fleißigen jungen Mann sollte das kein Problem sein.

Er und auch Mohamed haben sich auch in die gemeinsamen Aufgaben eines Familienlebens eingefügt. „Ich musste die meisten Dinge gar nicht aussprechen, es funktioniert vieles von allein“, so Johanna Lochner. Wie ein ordentlicher Haushalt geführt wird, haben die beiden jungen Männer in der WG des SOS-Kinderdorfs und im teilbetreuten Wohnen, aber explizit auch beim Mietführerschein gelernt. Bei dem Kursangebot des Landratsamtes lernen junge Flüchtlinge beispielsweise zu putzen, die Waschmaschine zu bedienen, Müll zu trennen, richtig zu heizen und zu kochen. „Das könnte so mancher Deutsche auch gebrauchen!“, lacht Johanna Lochner.

Auch die Nachbarn und Freunde freuen sich über die neuen Mitbewohner, die die Hecke schneiden, Holz machen, Äpfel klauben und Laub zusammenrechen. Einige, die vorher etwas skeptisch waren, überzeugte dies positiv von der neuen Nachbarschaft. „Die meisten Leute hier sind offen und sehr wohlgesonnen. Wir haben gute Bedingungen hier.“

Familien-WGs gesucht

Die beiden Flüchtlinge haben mit dieser Familie großes Glück gehabt. Das wissen sie auch. Viele ihrer Kameraden suchen noch nach Wohnmöglichkeiten. Viele der in der großen Flüchtlingswelle nach Deutschland gekommenen, damals Minderjährigen werden jetzt erwachsen. Damit fallen sie nicht mehr unter den Jugendschutz und haben keinen Anspruch mehr darauf, in teilbetreuten Wohneinheiten zu leben. Wenn sie keine bezahlbare Wohnung finden, müssen sie in die großen Flüchtlingsunterkünfte, mit Mehrbettzimmern oder sogar in große Turnhallen, ohne Privatsphäre. „Dass dann die meisten ihren Schulabschluss nicht schaffen oder ihre Lehre abbrechen, weil sie keinen ruhigen Platz zum Lernen haben, Ängste haben, Konflikte entstehen und sie sich verunsichert und unwohl fühlen, ist nachvollziehbar“, so Martina Moritz-Mayr von SOS-Kinderdorf.

Daher suchen derzeit noch einige der jungen Erwachsenen Zimmer bei Familien oder Privatleuten. SOS-Kinderdorf hilft bei der Vermittlung, schaut darauf, wer gut passt und unterstützt bei auftauchenden Fragestellungen oder Problemen. „Mit Miriam vom SOS-Kinderdorf war die Zusammenarbeit vom ersten Augenblick so gut, dass wir uns sicher waren: wenn sie uns zwei junge Männer aussucht, dann hat die ganze Sache Hand und Fuß.“ Aus ihrem WG-Erfahrungsschatz empfiehlt Johanna Lochner, die Dinge immer sofort anzusprechen. „Es reicht meistens aus, dass wir uns als Familie im Klaren sind, was wir wollen.“

Ali, der am Tisch der Familie Lochner sitzt, der nun auch sein Platz ist, richtet seinen Blick für einen kurzen Moment in die Ferne: „Das beste Leben ist mit der Familie zusammen zu sein, aber nun habe ich hier auch eine Familie gefunden.“


Infos für Vermieter von Wohnraum: 

SOS-Kinderdorf
Martina Moritz
Tel. 08191 6572412
martina.moritz@sos-kinderdorf.de