Zum Warenkorb 0

Zum Warenkorb hinzugefügt:

Schutzgebühr:

Zum Warenkorb
Aktuelles

Kinderschutz im Lockdown. Nimmt sexuelle Gewalt zu?

22. Februar 2021

SOS-Kinderdorf-Fachstelle in Landsberg bietet Hilfe für Betroffene und bei Verdachtsfällen an.

Von Mareike Spielhofen

Landsberg, „Fachleute vermuten, dass im Lockdown viel mehr sexualisierte Gewalt, vor allem in den Familien passiert.“ Bianca Karlstetter von der SOS-Kinderdorf-Fachstelle gegen sexualisierte Gewalt macht sich große Sorgen um diese schutzbedürftigen Kinder und Jugendlichen, die jedoch schwer erreichbar sind. Die Diplomsozialpädagogin und Traumapädagogin bietet Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen sowie deren Bezugspersonen im Landkreis Hilfe an, wenn diese von sexuellem Missbrauch oder sexualisierter Gewalt bedroht werden. Sie weiß, dass die meisten dieser Übergriffe an Kindern und Jugendlichen im ganz nahen Umfeld, oft in den Familien selbst, stattfinden. Häufig kämen diese Fälle nur ans Tageslicht, wenn Außenstehenden, wie Lehrern, Sozialarbeitern, Nachbarn oder Freunden etwas ungewöhnliches auffällt. Denn den Betroffenen falle es oft schwer, sich zu offenbaren. Jetzt, im harten Lockdown, wo die Betroffenen quasi mit den Tätern eingesperrt seien, entfalle die soziale Kontrolle des äußeren Umfeldes. Kontakte nach außen, wie Schulen, Sportvereine, Musikschulen, sind ihnen verwehrt. Zudem sei es schwierig oder geradezu unmöglich, eine Notlage mitzuteilen und sich Hilfe zu holen, wenn der Täter im selben Zimmer sitze. Daher ruft Karlstetter zur Wachsamkeit auf: „Alle die jetzt noch Kontakt zu Kindern und Jugendlichen haben, sollten jetzt noch sensibler und genauer hinschauen, wenn ihnen etwas Ungewöhnliches bei einem Kind oder Jugendlichen auffällt.“ So sollten insbesondere Lehrer, Verwandte oder Freunde, die über Online-Medien Kontakt zu Kindern und Jugendlichen haben, besonders aufmerksam sein. Bei Fragen und Verdachtsfällen können sie sich Beratung und Hilfe bei der Landsberger Fachstelle von SOS-Kinderdorf holen.

Ein bis zwei Kinder pro Klasse betroffen

Die Zahlen von Kindern und Jugendlichen, die sexuelle Übergriffe schon erlebt haben oder erleben, waren schon vor Corona erschreckend. Es sind statistisch gesehen ein bis zwei Kinder in jeder Klasse. Diese Zahlen, die auch immer wieder durch Studien bestätigt werden, nennt Johannes-Wilhelm Rörig, der Unabhängige Beauftragte für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs der Bundesregierung. Rechne man das laut Karlstetter allein für den Kreis Landsberg hoch, so kämen nur ganz wenige Fälle ans Tageslicht und die Dunkelziffer sei sehr hoch. Häufig kommen solche Fälle erst ans Tageslicht, wenn die Betroffenen schon erwachsen sind. Erst dann geht ein Aufschrei durch Presse und Gesellschaft, doch dann sind die Schäden längst entstanden. Doch Karlstetter beleuchtet das Thema auch noch mit einem weiteren Aspekt: Würde man diese Fälle sofort erkennen, wären gar nicht genügend Fachkräfte da, um den Betroffenen Hilfestellung zu geben.

Karlstetter stellt sich manchmal die Frage, ob überhaupt der Wille da sei, diesem Thema und dieser Zielgruppe die nötige Aufmerksamkeit zukommen zu lassen. Sie selber hat regelmäßig mit betroffenen Kindern und Jugendlichen zu tun und kennt die seelischen Schäden, die entstehen. Oft prägen sie das ganze Leben der Betroffenen, wenn nicht frühzeitig Hilfe geleistet wurde. Wenn Kinder und Jugendliche zu ihr in die Fachstelle kommen und sich ihr anvertrauen, dann sondiert Karlstetter situationsspezifisch, wie sie helfen kann. Sie berät, stabilisiert, unterstützt, geht aber auch mit zur Polizei und bis zur Gerichtsverhandlung, wenn es dazu kommt. Dabei arbeitet sie in engem Kontakt mit vielen verschiedenen Einrichtungen und dem Jugendamt.

„Was mache ich, wenn sich mir eine Schülerin oder ein Schüler anvertraut?“

Auch bei Fachkräften, wie Lehrern oder Erziehern, wird der Bedarf, mehr über das Thema zu erfahren, deutlicher. Sie sind oft sehr erschrocken, wenn sie von aktuellen Fällen und der hohen Dunkelziffer erfahren und wünschen sich Unterstützung. Karlstetter berät daher auch Fachkräfte in Kitas, Schulen oder Jugendsozialarbeiter, die mit Verdachtsfällen zu ihr kommen. Aber auch in der präventiven Arbeit und in der Öffentlichkeitsarbeit sieht Karlstetter großen Bedarf. Viele Lehrer wollen wissen, was sie tun können, wenn sich ihnen eine Schülerin oder ein Schüler anvertraut, oder worauf sie in Verdachtsfällen achten sollen.

„Was nun nach Corona auf uns Fachkräfte zukommt, wird sich vermutlich erst in den nächsten Jahren zeigen“, so Karlstetter. Bestätigt sich der schlimme Verdacht, dass sexuelle Übergriffe während des Lockdowns zugenommen haben, wird es einen deutlich höheren Fachkräftebedarf geben, um die Fälle aufzuarbeiten, aber auch, um die Gesellschaft zu sensibilisieren und aufzuklären. Bianca Karlstetter von der SOS-Kinderdorf-Fachstelle unterstützt jetzt schon, wo sie kann und steht, auch im Lockdown, für Hilfesuchende telefonisch und persönlich zur Verfügung.

Kontakt: SOS-Kinderdorf-Fachstelle gegen sexualisierte Gewalt Landsberg, Spöttinger Straße 4 in Landsberg am Lech. Telefonische Anmeldung unter Tel. 08191/911890, montags bis freitags von 8 bis 12 Uhr und von 13 bis 17 Uhr. Bei der Anmeldung kann ein Termin zu einem ersten Beratungsgespräch vereinbart werden.