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Lina - Überleben im Wald

Nachhaltige Verletzungen

Lina* ist 23 Jahre alt und besucht seit fünf Jahren die Tagesanlaufstelle. Auch sie wächst in scheinbar guten Verhältnissen auf, doch hinter der Fassade brodelt es. Der Vater trinkt. Die Mutter ist überfordert. Die Situation eskaliert – Lina hält es irgendwann nicht mehr aus, bricht das Gymnasium ab und brennt mit 17 Jahren durch, flüchtet auf die Straße, tingelt durch Deutschland. Sie taucht in keiner Obdachlosenstatistik auf, weil sie keiner als vermisst meldet. Lina sieht ein bisschen aus wie Astrid Lindgrens Ronja Räubertochter, mit ihren schwarzen zu Rastas geflochtenen Haaren und aufmerksam blitzenden Augen, ihrer „Wachheit“ hat sie es auch zu verdanken, dass sie die Straße überlebt hat, im Gegensatz zu einigen ihrer Freunde.

Tagesziel: „Einen Schlafplatz und Essen finden.“

Fünf Jahre lang ist Lina obdachlos. Sie schläft im Wald, in Zelten und unter Brücken, gemeinsam mit anderen obdachlosen Jugendlichen. „Die Wintermonate habe ich im Winterschlaf, in einer Art Kältestarre verbracht“, erzählt sie. „Wenn es dunkel wird, kannst du bei Minusgraden nichts mehr anderes machen außer schlafen.“ Ihre Tage haben einen festen Rhythmus. Morgens von sieben bis zwölf Uhr mittags kommt sie in der „Pflasterstub“, einer Freiburger Einrichtung für wohnungslose Menschen jeden Alters, unter, bis sie um 13 Uhr in die Tagesanlaufstelle der Freiburger StraßenSchule wechseln kann. „Hier habe ich Hoffnung geschöpft. Es ist viel mehr als ein Ort, an dem wir uns aufwärmen und essen können“, sagt Lina. „Die Sozialarbeiter*innen zeigen echte Anteilnahme und nehmen dich, wie du bist. Hier habe ich zum ersten Mal Vertrauen zu Erwachsenen gefasst.“

Nachhaltige Verletzungen

Trotzdem braucht sie Jahre, bis sie wieder Boden unter den Füßen findet. Sie habe sich in der „normalen Welt“ wie eine Aussätzige gefühlt – und nur unter ihresgleichen „irgendwie richtig“, erzählt Lina. Das gehe vielen auf der Straße so: „Nach außen tun vor allem die Männer stark. Innerlich leiden wir alle, egal wie alt, unter den Verletzungen in unserer Kindheit, die uns durch Erwachsene zugefügt wurden, die uns sagten: Du kannst nichts! Du bist nichts wert! Das hat uns mit auf die Straße getrieben. Weil wir daran glauben, was uns gesagt wurde.“

Vor einem halben Jahr bekommt Lina unter einer Brücke in Freiburg eine Panikattacke und wird mit Blaulicht ins Krankenhaus gebracht. „Ich habe wirklich geglaubt, ich sterbe. Doch die Ärzt*innen haben mir gesagt: Das ist psychosomatisch.“ Für Lina ist das der Tief- und Wendepunkt. Sie schafft endlich den Ausstieg. Vor ein paar Monaten hat sie eine Ausbildung in der Sozialbranche begonnen. Es geht aufwärts.

© Fotos: SOS-Kinderdorf e. V. / Felix Grotheloh
*Namen zum Schutz der realen Personen geändert.

„Jede*r Einzelne hat ihre*seine ganz eigenen Gründe, warum sie*er auf der Straße lebt oder gelebt hat. Das Hauptziel unserer Arbeit ist, dass am Ende jede*r einen Platz im Leben findet, an dem sie*er sich wohlfühlt. Wir verstehen uns als Wegbegleiter*innen, die dabei unterstützen“

Sabine Risch, Mitarbeiterin der Freiburger StraßenSchule

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