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Aktuelles

Leben auf der Straße? Ein Vollzeitjob!

25. November 2021

Christoph Syri ist einer der »alten Hasen« in der Freiburger StraßenSchule. Der 43-jährige Sozialpädagoge arbeitet hier schon seit zwölf Jahren. In der Zeit hat sich viel verändert: »In unserer Wahrnehmung leben heute weniger Menschen auf der Straße«, sagt er, »aber der Anteil der Jugendlichen und jungen Erwachsenen unter ihnen ist gewachsen.« Doch eines ist gleichgeblieben: Obdachlos zu sein ist anstrengend und erfordert ähnlich viel Organisation wie ein Vollzeitjob. Was das genau bedeutet, erzählt Christoph Syri. 

Wie kann man sich einen Tag auf der Straße vorstellen?

Christoph Syri: Bei vielen jungen Menschen auf der Straße beginnt der Tag schon früh. Sie brechen teils morgens um halb sieben auf, um sich zum Beispiel in der ersten offenen Hilfeeinrichtung einen Kaffee zu holen. Oder zu duschen, sofern die Warteschlangen noch nicht zu lang sind. Dann geht es darum, in der Stadt einen Platz zu finden, an dem man sich in den nächsten Stunden ein paar Euros schnorren, also zusammen sammeln kann. Oder irgendwo seine Wäsche zu waschen, sei es bei Freunden oder wieder in einer sozialen Einrichtung. Die Wege von der einen zur anderen Versorgungsstelle sind teilweise sehr weit, da muss man lange laufen.

Es geht also darum, seinen Tagesablauf gut zu planen?

Christoph Syri: Genau. Und bei all dem muss man sich gut überlegen: Welche meiner Sachen nehme ich mit? Was lasse ich am Übernachtungsort liegen – auf die Gefahr hin, dass es abends nass oder vielleicht sogar verschwunden ist? Zudem sind die jungen Menschen auf der Straße immer im Fokus der Öffentlichkeit, sie haben keine Möglichkeit, zur Ruhe zu kommen. Deshalb gibt es Orte wie unsere Tagesanlaufstelle, wo man sich zurückziehen und aufwärmen kann.

Das klingt viel anstrengender als man auf Anhieb erwarten würde!   

Christoph Syri: Stimmt, junge Menschen auf der Straße sind auch immer wieder dem Vorwurf von Passanten ausgesetzt, sie würden nur herumlungern und nichts tun. Wir nehmen das anders wahr. Es ist ein aufreibendes und aufwändiges Leben. Wenn wir mit unseren Straßenjugendlichen Termine vereinbaren, hören wir immer wieder: »Zu diesem und jenem Zeitpunkt kann ich nicht, da muss ich arbeiten, da bin ich schnorren.« 

Wie kommt man in Kontakt, um zu helfen?

Christoph Syri: Die jungen Menschen sind nicht ohne Grund auf der Straße. Meist ballen sich die Probleme. Der Kontakt zur Familie ist abgebrochen, viele sind psychisch belastet oder sie haben Zahlungsverpflichtungen, die sie versuchen, mit ihren wenigen Mitteln abzuzahlen. Und viele haben überwiegend schlechte Erfahrungen mit Erwachsenen gemacht: Eltern, Lehrer, Polizei. Was fehlt, sind zuverlässige erwachsene Bezugspersonen, denen sie vertrauen und an denen sie sich orientieren können. Das versuchen wir zu sein.

Es gibt kein Rezept, wie man als Streetworker*in auf wohnungslose Jugendliche und junge Erwachsenen zugeht. Aber eine gewisse Grundhaltung, mit der wir Menschen dort begegnen. Wir verstehen uns als Gäste in ihrer Lebenswelt und sprechen auf Augenhöhe und in gegenseitigem Respekt miteinander, um angenommen zu werden. Wenn sich genügend Vertrauen und verlässliche Beziehungen zueinander entwickelt haben, wagen es die jungen Menschen über ihren »Vollzeitjob Straße« hinaus auch größere Probleme mit uns in Angriff zu nehmen.