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Aktuelles

„Unsere Beziehung wurde gestärkt“

6. Dezember 2021

Wer sich für ein Leben in der Dorfgemeinschaft Hohenroth entscheidet, erfährt viel Eigenständigkeit, lässt aber auch den Alltag mit der leiblichen Familie zurück. Wie die Bewohner und ihre Familien damit umgehen und warum die Distanz die Beziehung sogar häufig stärkt, zeigt die Geschichte von Christiane.


Das Café im Hofladen in der Dorfgemeinschaft im bayerischen Hohenroth ist ein gemütlicher Ort. Rustikale Holztische und -stühle zieren den großen Raum und eine Theke mit Kuchen, süßen Teilchen und Sandwiches in der Auslage lädt zum Verweilen ein. Wer durch die ausladende Fensterfront des Cafés blickt, hat eine tolle Sicht auf mehrere hohe und alte Bäume, deren Blätter sich leicht im Wind wiegen. Drinnen läuft die Kaffeemaschine und Bewohnerin und Servicekraft Christiane serviert einer jungen Frau eine Tasse Cappuccino und eine Schokonussecke. Christiane ist eine fröhliche Erscheinung. Zurzeit trägt sie besonders gerne Karohemden, heute blitzt ein bunt kariertes unter der braunen Schürze hervor. Christiane strahlt über beide Ohren, als sie die Bestellung auf den Tisch stellt. Ihre Kollegen und Freunde haben der 41-Jährigen den Spitznamen Bundeskaffeekanzlerin gegeben. „Ohne mich würde es hier nicht laufen“, sagt sie selbstbewusst mit dezent fränkischem Dialekt.

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Christiane bereitet mit einem Mitbewohner einen frischen Salat zu

Christiane ist eine von 163 Bewohnern mit geistiger Behinderung, die in der Dorfgemeinschaft Hohenroth arbeiten und wohnen. Die Betreuten leben in familiärer Atmosphäre mit einem Hauselternpaar in Hausgemeinschaften sowie selbständig in kleinen Wohngemeinschaften oder eigenen Wohnungen mit ambulanter Betreuung. Ältere Menschen, die im Ruhestand sind, finden in einem 2021 fertiggestellten Zentrum ein Zuhause. Neben dem Hofladen und dem Café sind die Bewohner in zwölf anderen Arbeitsbereichen tätig. Diese umfassen beispielsweise die Gärtnerei, Bäckerei, Schreinerei, Weberei oder Hauswirtschaft. In der Einrichtung werden die Bewohner aber nicht nur beruflich, sondern auch gesellschaftlich integriert mit Angeboten für Freizeit, Gesundheit und Bildung.


Der Job im Café erfüllt Christiane von Kopf bis Fuß. Bereits seit 14 Jahren ist sie dort tätig. „Ich habe viele Stammkunden, die immer wieder kommen. Mir bedeutet das was und denen bedeutet das auch was“, sagt sie lächelnd. Die gebürtige Fränkin ist froh ihrer Leidenschaft nachgehen zu können. Bevor sie nach Hohenroth kam, wohnte sie zu Hause bei ihren Eltern und hatte einen klassischen Montagejob in einer Werkstatt für Behinderte. „Wir haben im Sitzen gearbeitet und uns nur in den Pausen bewegt“, erinnert sie sich. „Das ist nicht mein Job, ich brauche Bewegung“, erzählt sie weiter. Was Christiane ebenfalls benötigt, ist der Kundenkontakt und die Nähe zu anderen. Dann blüht die 41-Jährige auf: „Ich würde mit niemandem tauschen. Was man hier an Leuten trifft, ist wirklich schön“, erzählt sie strahlend.

Das Band zwischen der Familie hält

Mittagspause für Christiane: Ihre Schwester ist zu Besuch gekommen. Birgit Wollbeck ist vier Jahre älter als sie. Die beiden begrüßen sich herzlich, umarmen sich innig. Birgit Wollbeck kommt gerne in die Dorfgemeinschaft nach Hohenroth. „Die Zeit hier bleibt stehen, es ist nicht so hektisch wie in der Stadt“, sagt sie. Die zweifache Mutter lebt im 70 Kilometer entfernten Erlenbach am Main. Mit dem Auto braucht sie etwas mehr als eine Stunde bis nach Hohenroth. Christiane und ihre Familie haben Glück. Die Verwandten anderer Bewohner wohnen häufig Hunderte Kilometer entfernt. Ihren Urlaub und freien Tage verbringt Christiane gerne bei der Familie ihrer Schwester, ihrem älteren Bruder Heiko oder ihren Eltern.

Die Geschwister spazieren über das von buntem Laub bedeckte Gelände und tauschen sich über Neuigkeiten aus. Sie setzen sich auf eine kleine Holzbank unter einem der Kastanienbäume. Der Kontakt zu ihrer Familie ist Christiane sehr wichtig. Mit ihren Eltern spricht die 41-Jährige täglich. Bei bedeutsamen Entscheidungen oder Ereignissen zählen sie für Christiane noch immer zu den ersten Ansprechpartnern. Der Austausch übers Telefon hatte für sie vor allem während des Lockdowns und den Kontaktbeschränkungen große Bedeutung. Nicht alle Menschen mit Handicap können sich übers Telefon verständigen, bei Christiane klappt das gut. Sie kann sich gut ausdrücken. Und auch die Beziehung zu ihrer Schwester Birgit und deren Familie pflegt Christiane: „Kontakt ist wichtig. Wie sich die Kinder machen ist mir wichtig. Die zwei Großen gehen aufs Gymnasium. Da bin ich stolz. Mein Neffe und meine Nichte greifen richtig durch. Irgendwann werden alle beide mal studieren und das ist doch wunderbar“, sagt sie. Ihre Schwester erwidert darauf: „Umgekehrt sind sie auch echt stolz auf dich. Weil du ihnen vorlebst, dass man auch mal was Neues ausprobieren soll. Sie nehmen dich da als Vorbild. Und auch der Papa ist sehr stolz, weil er sieht, wie du dich hier einbringst.“ Christiane ist sichtlich berührt und lächelt verlegen. Sie lässt ihre Familie weiterhin gerne an ihrem Leben teilhaben. „Christiane schickt oft Nachrichten per WhatsApp“, erzählt Birgit Wollbeck. „Und auch gerne Bilder und Videos“, ergänzt die 45-Jährige. Daraufhin holt Christiane ihr Smartphone hervor und spielt ein Video ab. Zu sehen ist sie gemeinsam mit ihrer 30-köpfigen Break-Dance-Gruppe. Der Kurs findet nach langer Coronapause seit Kurzem wieder statt. Break Dance, eines der vielen Hobbies von Christiane. Auf der Aufnahme tanzen die Teilnehmer mit schwarzen Pullis und weißen Caps, auf beiden steht ‚Hohenrother Dorfrocker‘ geschrieben. „Es muss keiner perfekt sein. Das ist echt cool“, erzählt Christiane begeistert.

Die Welt außerhalb der Einrichtung

Für viele Bewohner bleibt die Ursprungsfamilie ein bedeutender Teil im Leben, weiß Katharina Distler vom pädagogischen Fachdienst. Sie ist Ansprechpartnerin für die Betreuten und erstellt individuelle Hilfepläne für sie. „Die Angehörigen sind in den meisten Fällen sehr wichtig. Sogar dann wenn die Bewohner eigentlich ein schlechtes Verhältnis zu ihnen haben. Es ist trotzdem die Familie“, erklärt sie. „Sie gehören zur Welt außerhalb der Einrichtung. Das erleichtert es den Bewohnern dort noch andere Kontakte zu haben“, berichtet die Pädagogin weiter. Vielen Angehörigen und Eltern falle das Loslassen aber schwer. „Mir hat eine Mutter einmal gesagt: ‚Wenn sie ein Kind haben, bei dem sie nicht wissen, ob es überleben wird, dann hat man am Anfang Probleme damit, es alleine über die Straße laufen zu lassen‘. Bei manchen Angehörigen dauert das Loslassen mehrere Jahre. Mit dem Hintergrund kann man die Eltern besser verstehen. Aber man muss trotzdem schauen, was für die Bewohner das Beste ist“, ergänzt Katharina Distler.

Für Christianes Familie war es einfacher. „Es hat uns geholfen, dass der Wunsch von Christiane kam. Sie wollte es unbedingt“, erinnert sich Birgit Wollbeck. Für Christiane war es ein großer Traum nach Hohenroth zu ziehen. Dafür hat sie sich selbst beim zuständigen Bezirk vorgestellt und ihre Gründe dargelegt. „Wir haben uns so gefreut. Wir haben das Glück, dass wir loslassen können. Meine Eltern haben weitergedacht. Irgendwann wird man älter und kann sich weniger kümmern. Es wäre Christiane gegenüber nicht fair gewesen, da sie sich zu Hause nicht so hätte entwickeln können“, erklärt die 45-Jährige. In der Dorfgemeinschaft geht Christiane vielen Hobbys nach und hat sich einen großen Freundeskreis aufgebaut. Neben Break-Dance macht sie auch Taekwondo, singt im Chor und spielt Theater und Musical. Bevor sie nach Hohenroth kam, hatte Christiane sich immer wieder um Inklusion bemüht, wurde aber unter anderem vom Tischtennisverein ihres Heimatorts abgelehnt. Auch ihre Freunde waren im ganzen Landkreis verstreut und schwer erreichbar.

Entlastung für die Angehörigen

Die Familie ist dankbar für die Unterstützung, die Christiane in der Dorfgemeinschaft erhalten hat. „Wir konnten uns niemals vorstellen, dass sie mal alleine Zug fährt“, erzählt Birgit Wollbeck. Für die Familie war Christianes Umzug auch eine Entlastung, denn Reisen und Fahrten konnten nur mithilfe der Familie organisiert und durchgeführt werden. „Da ist meinen Eltern ein großer Stein vom Herzen gefallen. Sie wussten, dass sie die Fürsorge irgendwann nicht mehr leisten können. Und ich als Schwester kann das auch nicht alles abfangen mit Familie und Beruf“, erklärt sie. Durch Christianes Aufnahme in die Dorfgemeinschaft ist für sie, aber auch für ihre Eltern und Geschwister ein unabhängigeres und selbstständigeres Leben möglich. Birgit Wollbeck resümiert: „Ich finde unsere Beziehung wurde dadurch gestärkt. Weil wir es in der Familie besprochen haben, ob wir den Weg gehen. Und weil wir Christiane die Freiheit gegeben haben, sich hier auszuprobieren.“ Christianes Mutter konnte sich nach dem Umzug ihrer Tochter auch noch einen Traum erfüllen und eine Ausbildung zur Altenpflegerin abschließen.

Birgit Wollbeck kommt gemeinsam mit ihren Eltern und ihrer eigenen Familie – wenn es die Pandemie zulässt – regelmäßig zu Veranstaltungen wie dem Adventsbasar, dem Kräutertag oder dem Jahrestreffen für Angehörige nach Hohenroth. In der Dorfgemeinschaft gibt es einen Angehörigenrat. Das Gremium ist beratend tätig und hat keine beschließende Funktion. Es besteht aus sieben Vertreterinnen und Vertretern und trifft sich mehrere Male pro Jahr. Zusätzlich finden Regionaltreffen in ganz Deutschland mit den Angehörigen statt. Vorsitzender ist Bernhardt Roth. Seine Tochter lebt seit 14 Jahren in Hohenroth. „Der Angehörigenrat ist das Verbindungsglied zwischen den Angehörigen und der Dorfgemeinschaft, in erster Linie der Leitungsebene. Wir entwickeln Ideen und geben Anregungen und Impulse“, erklärt der Familienvater. Bei den Angehörigentreffen können Eltern bürokratische und rechtliche Fragen klären und selbst Fragen und Wünsche einbringen.

Alt werden in der Dorfgemeinschaft

Einmal im Jahr werden die Angehörigen in die Haus- oder Wohngemeinschaften eingeladen, in denen ihre Verwandten leben. Es gibt Kaffee und Kuchen und der Bewohnerrat, der Angehörigenrat und die Leitung präsentieren wichtige Anliegen, Projekte und Veränderungen aus Hohenroth. Mit Videos und Vorträgen wird das vergangene Jahr resümiert. Eine gute Zusammenarbeit zwischen der Einrichtung und den Angehörigen macht vieles einfacher. „Der Bewohner oder die Bewohnerin sitzt sonst zwischen den Stühlen. Sie bauen Beziehungen auf und gewinnen Bezugspersonen. Die Angehörigen bleiben aber auch sehr wichtig. Wenn es da Spannungen gibt, ist das für die Person in der Mitte sehr schwer auszuhalten. Gleichzeitig gibt es das aber immer wieder, weil jeder eine unterschiedliche Ansicht darüber hat, wie viel Freiheiten und Selbstbestimmung gut sind“, erklärt Katharina Distler vom pädagogischen Fachdienst.

Die beiden Schwestern setzen ihren Spaziergang in Richtung Kuhstall fort. Sie wollen die Kälbchen besuchen, die in den letzten Wochen zur Welt gekommen sind. Als das Café im Lockdown schließen musste, half Christiane acht Monate im Stall aus. Dort hat es ihr sehr gut gefallen. „Meine Lieblingskuh ist Hexe. Weil sie immer so drollig schaut“, erinnert sie sich. Birgit Wollbeck will sich nach dem Kuhstall auch noch das neue Zentrum für ältere Menschen mit Behinderung anschauen. Denn sie weiß, wie sehr das Projekt auch ihrer Schwester am Herzen liegt. Der Angehörigenrat hat dafür die Stiftung Hohenroth – Heimat im Alter mit initiiert. Das Anliegen der Angehörigen und der Bewohner war es, dass Menschen mit Behinderung auch im hohen Alter noch ihr Leben in der Dorfgemeinschaft verbringen können. Auch Christiane träumt davon: „Ich werde dort auch mal alt. Wir haben dafür gekämpft, dass wir nicht außerhalb wohnen müssen. Das sind unsere Rechte“, sagt sie bestimmt.

Einblick in das Leben von Christiane in Hohenroth