Dr. Birgit Lambertz zum Thema Kinderrechte

Warum Kinderrechte und Beteiligung wichtig sind

Dr. Birgit Lambertz

Dr. Birgit Lambertz ist seit 2012 als stellvertretende Vorstandsvorsitzende und Geschäftsführerin des SOS-Kinderdorf e.V. verantwortlich für die Bereiche Personal und Pädagogik. Sie besitzt langjährige Erfahrung in Gesundheitswesen, Schulpsychologie und Jugendhilfe und ist Mitglied im Fachausschuss Jugend und Familie des Deutschen Vereins für öffentliche und soziale Fürsorge e.V. Die approbierte Psychologin und Betriebswirtin engagiert sich dafür, dass mehr benachteiligte Kinder und Jugendliche durch verlässliche Beziehungsangebote und Bildungschancen ihr Leben erfolgreich gestalten können. Die pädagogische Arbeit auf Augenhöhe und die Beteiligung der Kinder und Jugendlichen sieht sie als ihre fachlichen wie auch persönlichen Kernthemen an.

Es ist höchste Zeit, die Kinderrechte im Grundgesetz zu verankern und damit jungen Menschen Förder-, Schutz- und Beteiligungsrechte an höchster Stelle zu garantieren. Das Wohlergehen der kommenden Generation sollte im Mittelpunkt des politischen Handelns stehen.

Dr. Birgit Lambertz, stellvertretende Vorstandsvorsitzende des SOS-Kinderdorf e.V.

Auf politischer Ebene fordert der SOS-Kinderdorf e.V., Kinderrechte im Grundgesetz zu verankern. Was ist das Ziel?

Wir engagieren uns bei SOS ganz besonders für Kinderrechte, weil gerade die Kinder, um die wir uns kümmern, zu oft die Erfahrung gemacht haben, dass ihre Rechte nicht geachtet oder nicht ernst genommen worden sind. Es ist wichtig, dass alle Menschen wissen, dass Kinder eigene Rechte haben, dass sie geschützt, gefördert und beteiligt werden müssen. Die Beachtung der Kinderrechte ist wichtig, damit Kinder eine Chance haben, glücklich aufzuwachsen und zu erfolgreichen Erwachsenen werden.

Welche Rolle spielen Kinderrechte in Deutschland?

SOS beschäftigt sich mit Kinderrechten in Deutschland, weil wir nicht wollen, dass Kinder vergessen werden. Es gibt in Deutschland immer noch Kinder, bei denen zu wenig darauf geachtet wird, dass sie geschützt werden, dass sie gefördert werden und dass sie in allen Dingen, die für sie von Belang sind, beteiligt werden. Kinder brauchen das. Sie brauchen unseren Schutz vor Gewalt, sie brauchen die Möglichkeit, ihre schulischen Ziele zu erreichen und sie müssen bei Dingen mitreden können, die für sie wichtig sind. Nur wenn uns das gelingt, werden Kinder zu gemeinschaftsfähigen, eigenverantwortlichen Erwachsenen. 

Welche Idealvorstellung haben Sie in Bezug auf das Thema Kinderrechte?

Wenn die Kinderrechte in Deutschland einen höheren Stellenwert bekommen, werden Kinder nicht nur als Anhängsel von Erwachsenen betrachtet, sondern als eigene Individuen, die sie ja auch sind. Und dann müssten alle gesetzlichen Vorgaben und Entscheidungen daraufhin überprüft werden, welche Auswirkungen sie für Kinder haben. Und das Wohl der Kinder müsste vorrangig bei solchen Vorhaben beachtet werden. Das fänden wir für Kinder und für die Gesellschaft einen ganz wesentlichen Fortschritt.

Ein wichtiges Recht ist das Recht auf Beteiligung. Was bedeutet Beteiligung?

Beteiligung bedeutet, dass ich mich in altersangemessener Weise mit den Dingen beschäftige, die tatsächliche eine Auswirkung auf mein Leben haben. Beteiligung heißt, dass ich mich ausprobieren kann, dass ich Erfahrungen machen kann. Dass ich wirklich etwas lernen  und dass ich Verantwortung übernehmen kann. Wenn ich Kinder nicht beteilige, halte ich sie unmündig und sie werden nur schwer in der Lage sein, für sich und ihr Leben Verantwortung zu übernehmen.

Wie wird Beteiligung in den SOS-Kinderdörfern gelebt?

Es gibt beispielsweise Beteiligungsmentoren, die ein Kinderparlament anleitet. Der Mentor arbeitet mit den Kindern zusammen, um wichtige Entscheidungen mit ihnen zu besprechen und um ihre Wünsche, ihre Bedürfnisse, ihre Anliege bei der Planung von Maßnahmen, Aktivitäten und Weiterentwicklung von Angeboten auch zu berücksichtigen. 

Ein zentrales Thema, bei dem wir die Kinder beteiligen, ist z.B. das Hilfeplanverfahren. Hier geht es um Entscheidungen, die die Zukunft der Kinder betreffen. Hier geht es um Fragen wie „Welche Schule besuche ich? Welchen Kurs will ich belegen? Was möchte ich in meiner Freizeit machen?“ Unsere Erfahrung zeigt: Wenn man Kinder in die Planung mit einbezieht, werden sie sich weitestgehend für Dinge entscheiden, die sie interessieren. Die Kinder werden emotional berührt sein, sie werden sich dafür einsetzen. Sie werden also im Endeffekt viel erfolgreicher sein, als bei Entscheidungen, die über ihren Kopf hinweg getroffen wurden und die sie nun notgedrungen tragen müssen. 

Hier auf die Kinder zu hören ist bestimmt manchmal eine Gratwanderung.

Das wichtigste Learning beim Thema Beteiligung ist, dass man es ernst nehmen muss. Die Herausforderung bei Beteiligung ist, dass man als Erwachsener erst einmal überlegen muss, an welcher Stelle man Kinder fragen und einbeziehen möchte und kann – und bei welchen Themen man bereit ist, etwas von der bisherigen Routine aufzugeben und sich auf Neues einzulassen. Das macht das Leben manchmal etwas unbequemer, weil man eingefahrene Gleise verlassen. Im Gegensatz dazu gibt es auch Entscheidungen, bei denen ich verantwortungsbewusst als Erwachsener eine Grenze ziehen muss, weil Kinder beispielsweise die Konsequenzen noch nicht abschätzen können. Denn der Grad der Beteiligung hat auch immer etwas mit dem Alter zu tun. Ich bin oft erstaunt und freue mich, wie positiv sich die Kinder entwickeln, wenn man sie beteiligt und wie viel sie alleine schaffen, wenn man es ihnen zutraut.