„Familien werden abgehängt“

Familie am Frühstückstisch Prof. Dr. Notburga Ott hat den Lehrstuhl für „Sozialpolitik und öffentliche Wirtschaft" an der Ruhr-Universität Bochum inne. Als Vorsitzende des wissenschaftlichen Beirates für Familienfragen berät sie außerdem das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend. Im Interview sagt sie, welchen Herausforderungen sich Eltern heute gegenübersehen und warum Armut nicht die größte Sorge von Familien ist.

Frau Prof. Ott, ganz allgemein gefragt: Wie geht es Familien in Deutschland?
Prof. Dr. Notburga Ott: Das ist so pauschal schwer zu sagen, denn „die Familie“ gibt es nicht. Ich denke aber, der Mehrheit der Familien geht es gut.

Hat sich die Situation von Familien aus Ihrer Sicht in den vergangenen Jahren verbessert?
Porträt von Professorin Notburga Ott N.O.: Absolut betrachtet geht es Familien schon über Jahrzehnte hinweg immer besser. Allerdings haben Familien weniger Anteil an der allgemeinen Wohlstandssteigerung als kinderlose Menschen. Relativ gesehen werden sie also abgehängt.

Welche Gründe hat das?
N.O.: Eltern verdienen weniger als kinderlose Menschen, weil ihre beruflichen Möglichkeiten häufig eingeschränkter sind. Und nicht nur die: Eltern stehen unter einem größeren Zeitdruck. Das schränkt ihre Teilhabe in vielen sozialen Bereichen ein. Eltern sind zwar bereit, Einbußen in Kauf zu nehmen, aber in Deutschland sind die Einbußen zu groß.

Welche ist heute die größte Sorge von Familien? Ist es die Armut?
N.O.: Ich denke nicht. Es ist vielmehr das Gefühl, ausgegrenzt zu werden und seinen Kindern nicht alles bieten zu können. Gerade im Mittelstand beschleicht die Familien ein gewisses Unbehagen, eine Unsicherheit, beispielsweise weil das Risiko, die Arbeit zu verlieren, so groß ist.

Haben Sie den Eindruck, dass die sogenannte emotionale Armut in Familien zunimmt?
N.O.: Nein. Ich denke, dass emotionale Armut eher in der Gesellschaft als in den Familien zu finden ist. Die Gesellschaft empfindet Kinder immer häufiger als Störfaktoren. Die Anforderungen an Eltern steigen, gleichzeitig werden Familien nicht aufgefangen.

Sie sagen, die Anforderungen an Eltern sind gestiegen. Inwieweit?
N.O.: Zum einen fordert der Arbeitsmarkt viel Flexibilität. Die Betriebe und auch die Politik lassen Eltern da alleine. Das führt dazu, dass Eltern unter Dauerstress stehen. Eine andere Herausforderung ist die rasende gesellschaftliche Veränderung durch technische Entwicklungen. Viele Eltern sind damit überfordert und können diesen Entwicklungen nicht so schnell folgen wie ihre Kinder. Zu all dem kommt, dass vielen Eltern das gesellschaftliche Umfeld fehlt. Großeltern leben häufig weit weg, es gibt keine funktionierende Nachbarschaft und mehr Ratgeberbücher als menschliche Kontakte.

Werden dadurch Organisationen wie SOS-Kinderdorf mit ihren Familien- und Beratungszentren langfristig immer wichtiger?
N.O.: Da bin ich mir sicher. Außerdem müssen sich alle Institutionen stärker öffnen, vernetzen und zu Begegnungsstätten werden. Das muss selbstverständlicher sein.

Wann würden Sie einer Familie raten, sich Hilfe zu holen?
N.O.: Wenn sie sich überfordert fühlt. Obwohl es dann im Grunde schon fast zu spät ist. Aus diesem Grund brauchen wir mehr sogenannte niederschwellige Präventionsangebote. Das Wort Hilfe ist immer so negativ besetzt, aber niemand kommt ohne Unterstützung aus.

Was können Familien selbst tun, damit es ihnen gut geht?
N.O.: Familien tun schon eine Menge, damit es ihnen gut geht. Raten würde ich ihnen, Probleme nicht immer automatisch als Versagen zu verstehen.

Welche Punkte müssten als nächstes unbedingt angepackt werden, um Familien noch besser zu unterstützen?
N.O.: Wir müssen Strukturen schaffen, damit Familie und Beruf miteinander vereinbar sind. Teilzeit sollte für beide Elternteile möglich sein und wir brauchen Betriebskindergärten. So blieben Eltern große Karriereeinbrüche und viel Stress erspart und ihre materielle Situation würde verbessert.