Weitersagen
Weihnachten multikulturell
Wie feiern Kinderdorffamilien Weihnachten, in denen Kinder unterschiedlicher Kulturen und Religionen leben?
Viele Weihnachtstraditionen sind in Deutschland tief verankert, in der Gesellschaft genauso wie in den Familien. Da gibt es vorab den Adventskalender für die Kinder, gemeinsam suchen die Familien einen Weihnachtsbaum aus und an Heiligabend geht es nach der Bescherung noch in die Christmette. Was aber, wenn in einer Familie verschiedene Kulturen und Religionen aufeinandertreffen?
Die Kinderdorffamilie von Annette Kahl war immer multikulturell. Zuerst lebten drei Geschwister, deren Vater aus Indien stammte, bei ihr im SOS-Kinderdorf Harksheide, später zwei Schwestern mit marokkanischen Wurzeln und muslimischem Hintergrund. Die Kultur ihrer Eltern, ihre Herkunft war immer ein Teil der Kinder – und damit auch Teil der Kinderdorffamilie. Über kulturelle Unterschiede wurde gemeinsam gesprochen. “Für die beiden marokkanischen Mädchen war zum Beispiel gerade Weihnachten besonders wichtig“, sagt Kinderdorfmutter Annette Kahl. Denn in der Schule erlebten sie, wie sich im Dezember alles darum drehte. Alle feierten das Fest, nur sie nicht. „Das konnten sie zuerst nicht verstehen“, sagt Kahl.
Den Druck aus dem Weihnachtsfest nehmen
Nicht der religiöse Aspekt von Weihnachten beschäftigte Annette Kahl am meisten. „Ich musste mir überlegen, wie ich pädagogisch an das Thema herangehe“, sagt sie. Die Kinderdorfmutter wollte den Druck aus dem Fest nehmen, zum Beispiel Aspekte wie „Nur wer artig war, bekommt etwas“. Jedes Jahr im Advent stellte Annette Kahl einen großen Korb im Wohnzimmer auf, der sich nach und nach mit bunt verpackten Geschenken füllte. An den Namensschildern konnten die Kinder sehen, für wen schon etwas im Korb lag und machten sich so keine Sorgen mehr, sie könnten zu kurz kommen. Ein Punkt, der für alle Schützlinge von Annette Kahl wichtig war, ganz gleich ob sie aus einer Familie mit Migrationshintergrund stammten oder nicht.
Islamische Feiertage gemeinsam mit den leiblichen Eltern feiern
Alexander Jens ist Erzieher in der Familienwohngruppe in Harksheide. Zu den sieben Kindern, die er gemeinsam mit seinen Kollegen betreut, gehören auch zwei muslimische Jungen. Islamische Feiertage wie Opfer- oder Zuckerfest werden in der Familienwohngruppe aber nicht gefeiert. „Das machen die beiden Jungen gemeinsam mit ihren leiblichen Eltern“, sagt Alexander Jens. Voraussetzung dafür ist in einem solchen Fall allerdings, dass die leiblichen Eltern überhaupt Kontakt mit ihren Kindern haben, die vereinbarten Besuchstermine einhalten und diese dann auf die entsprechenden Feiertage fallen. Auch Annette Kahl findet, die Kinder an ihre Religion und damit verbundene Feiertage heranzuführen, ist eine Aufgabe, an der sich die leiblichen Eltern beteiligen sollten. Rücksicht auf ihre muslimischen Schützlinge nehmen die SOS-Mitarbeiter außerdem beim Essen. Und so gibt es auch an Heiligabend kein Schweinefleisch, sondern zum Beispiel Pute.
Besonders wichtig: das gemeinsame Baumschmücken
Für die Bewohner der Familienwohngruppe zählen zu Weihnachten besonders die gemeinsamen Rituale: „Wir sprechen mit den Kindern weniger über den Hintergrund von Weihnachten, sondern mehr über das Drumherum“, sagt Alexander Jens. Dazu gehören natürlich die Geschenke, aber auch ein Adventskalender und das gemeinsame Baumschmücken. Jedes Jahr geht Jens mit einem anderen der sieben Kinder den Tannenbaum kaufen. „Die Kinder helfen, wo sie können und wir beziehen alle möglichst viel mit ein.“