Zuhause ist dort, wo dir geholfen wird

Auch in Deutschland
gibt es Armut

Kinder sollen nicht darunter leiden müssen.

Ein sicherer Hafen für Pia

Endlich Kind sein

Die vierjährige Pia geht mit Begeisterung in den Kindergarten. Sie liebt es, mit Knete Figuren zu formen. Jedem Tier seinen Platz zu geben, wo es sicher und geborgen ist, gehört zu Pias Lieblingsspielen.

„Heute baue ich einen Zoo“, ruft sie und zeigt den Löwen, den Seehund und den Fisch, die in ihren Händen entstanden sind und die ein Zuhause brauchen. Wer die aufgeweckte Vierjährige heute erlebt, kann sich kaum vorstellen, wie belastet Pias Start ins Leben war.

Sicherheit und Geborgenheit

Ein geborgenes Zuhause, ein sicheres Plätzchen hatten sie und ihr zwei Jahre jüngerer Bruder Benny lange nicht. Als Pia zur Welt kam, war ihre Mutter 20 Jahre alt und selbst noch nicht richtig erwachsen. Nach Pias Geburt begann für ihre Mutter ein Alptraum.

Dunkle Zeiten

Pias Vater war mit seiner Rolle und dem schreienden Baby überfordert. Bei jeder Kleinigkeit wurde er aggressiv und brüllte. Als er anfing, die Mutter zu schlagen, flüchtete die mit ihrer Tochter aus dem Haus.

Schwierige Jahre folgten: Pias jüngerer Bruder Benny wurde geboren und auch der neue Mann erwies sich als gewalttätig.

Eine neue Chance

Pias Mutter spürte, dass sie der Betreuerin vom Jugendamt vertrauen konnte. Die wiederum hatte ein Gespür, dass in der blassen, abgekämpften Frau eine liebevolle Mutter steckte.

Vom Jugendamt erfuhr Pias Mutter auch, dass SOS-Kinderdorf in Wilhelmshaven ein Familienzentrum betreibt, um belastete Eltern und Familien zu unterstützen.

SOS-Kinderdorf gibt halt

Für die Mutter der beiden ist das Familienzentrum in der Wilhelmshavener Südstadt so etwas wie ein sicherer Hafen geworden. Im Café kann sie sich mit anderen Eltern austauschen und durchschnaufen. „Hier verurteilt mich niemand.“ Im Familienzentrum erhält sie Rat beim Umgang mit Behörden und findet bei Alltagssorgen ein offenes Ohr.

Gewaltfreies Leben

Pias Mutter kann dank der Kinderbetreuung wieder stundenweise in ihrem Beruf arbeiten gehen. Wenn die Kinder größer sind, möchte sie eine zusätzliche Ausbildung machen. Die dreiköpfige Familie hat eine kleine Wohnung gefunden. „Gewalt hat in unserem Leben keinen Platz mehr“, sagt Pias Mutter.

Um die Privatsphäre der Kinder zu schützen, wurden die Namen der Personen geändert.

© SOS-Kinderdorf e.V. / Foto: Maximilian Geuter

Ein Pausenbrot macht
den Unterschied

Kinderarmut hat viele Gesichter. Manchmal muss man genau hinschauen, um sie zu sehen. Vor allem in einem Land wie Deutschland, in dem benachteiligte Kinder und Jugendliche ihre Lage vor anderen lieber verbergen. Auch Leo hat ein Geheimnis, und das hat mit dem Pausenbrot zu tun, das ihm seine Mutter jeden Morgen für die Schule mitgibt.

Sie werden gebraucht!

In kaum einem anderen Industrieland werden die Zukunftsperspektiven junger Menschen so stark von der sozialen Herkunft bestimmt wie in Deutschland. Bereits jedes 5. Kind lebt in Armut.

Wie eine Studie der Bertelsmann-Stiftung zeigt, leben fast zwei Millionen Kinder und Jugendliche in Familien, die eine Grundsicherung nach Hartz IV erhalten. Und die Kinderarmut steigt stetig an. Armut bedeutet nicht nur einen Mangel an grundlegenden Dingen wie Essen und Kleidung, sondern oft auch ein Mangel an gesellschaftlicher Teilhabe und gerechten Bildungschancen.

Spenden Sie für einen fairen Start

Viele Familien haben immer weniger finanzielle Mittel, um an dem Leben teilzuhaben, das um sie herum stattfindet.
SOS-Kinderdorf sorgt mit Ihrer Unterstützung für benachteiligte Kinder.

Henrys zweite Chance

Als Henry (8) ins SOS-Kinderdorf kam, war er vier Jahre alt und viel zu leicht für sein Alter. Seine Eltern trennten sich vor der Geburt, die Mutter kämpfte mit vielen Problemen. Manchmal verschwand sie tagelang. Der Kühlschrank blieb deshalb oft leer. Dass Henry als Baby und Kleinkind stark vernachlässigt wurde, macht sich bis heute bemerkbar. Aber er ist auf einem guten Weg. Henry hat gelernt, dass Bücher wie Freunde sein können. Mühsam formt sein kleiner Mund die Laute, geduldig setzt er Buchstabe für Buchstabe zusammen. Jedes richtig gelesene Wort ist ein Erfolgserlebnis.*

Ein besseres Leben für Noah

„Nie wieder Hartz IV“, hat Noahs Vater sich geschworen. Auf staatliche Unterstützung war der zunächst angewiesen, als er seinen alten Job in der Gastronomie aufgeben musste. Denn Wochenend- und Nachtarbeit verträgt sich nicht mit den Aufgaben eines plötzlich alleinerziehenden Vaters. Wenn alles klappt, ist er in zwei Jahren Facharbeiter für Lagerlogistik. Geholfen hat ihm dabei ein Angebot der SOS-Kinderdorf Familienzentren. Neben der Betreuung der Kinder erfahren hier auch deren Eltern einen wichtigen Austausch.

Vom Schreikind zum Wonneproppen

Sophies Leben wäre viel ärmer, gäbe es „Opa Dieter“ nicht. Im SOS-Mütterzentrum Salzgitter finden Mütter und Kinder in schwierigen Lebenslagen Unterstützung. Dank der Mitarbeiter von SOS-Kinderdorf - und Dank Helfern wie Dieter. Seit er verwitwet ist, verbringt er den Großteil seiner Zeit im Familienzentrum und hilft überall mit, wo Not am Mann ist. Ehrenamtlich. So war vor sechs Jahren "Opa Dieter" der Einzige, der Schreikind Sophie beruhigen konnte, als sie mit sieben Tagen das erste Mal mit ihrer Mutter in das SOS-Mütterzentrum kam. *

Unkomplizierte Hilfe für Timo und seine Familie

Wenn ein Kind schwer verunglückt und die Welt stillsteht, braucht es Herz und eine helfende Hand. Das haben Timo und seine Mutter aus Wilhelmshaven erfahren. Als Timo mit offenem Unterschenkelbruch ins Krankenhaus eingeliefert wird, fehlen seiner Mutter nicht nur die finanziellen Mittel für eine tägliche Busfahrt. Auch seine kleinen Geschwister benötigen eine gewissenhafte Betreuung. SOS-Kinderdorf ermöglichte es der Familie, dass Timo im Krankenhaus täglich besucht werden konnte.

Interview mit SOS-Mitarbeiterin Inse Ohmstede

Frage 1 von 9:

Frau Ohmstede, was konkret bieten Sie den Kindern und deren Familien an?

Bei uns gibt es täglich ein warmes Mittagessen, danach Hilfe bei den Hausaufgaben und Lernförderung wie z.B. Lesen mit einer ehrenamtlichen Lesepatin. Plus Spielen, Basteln, Spaß haben, gelobt werden und auch gerne einfach mal in den Arm nehmen. Die Kinder, alle im Alter zwischen sechs und zehn, sind bei uns gut aufgehoben. Das wissen sie genauso zu schätzen wie ihre Eltern.

Frage 2 von 9:

In Wilhelmshaven und speziell in Ihrem Stadtteil gibt es viele Familien, die unter Armut leiden. Nach welchen Kriterien suchen Sie die Kinder aus?

Die Kinder werden uns über Schulsozialarbeiter zugewiesen. Es handelt sich also um keine offene Betreuung, wir kümmern uns um Kinder mit einem hohen Förderbedarf. Die betreffenden Mütter und Väter schaffen es ohne Unterstützung nicht immer, sich angemessen um die Bedürfnisse ihrer Kinder zu kümmern. Wir beziehen sie über regelmäßige Elterngespräche in unsere Arbeit mit ein. Oft haben die Kinder einen besonders hohen Lernförderbedarf sowie Schwierigkeiten, sich in der Schule angemessen zu verhalten. Oft kommt alles zusammen.

Frage 3 von 9:

Was sind die typischen Probleme, mit denen Eltern und Kinder zu kämpfen haben?

Wir haben es häufig mit alleinerziehenden Müttern zu tun, die ihre Kinder sehr jung bekamen, oft schon als Teenager. Meist haben diese Mütter keinen Schulabschluss und keine Berufsausbildung, damit sind Arbeitslosigkeit und Armut verbunden. Es geht aber nicht nur um materielle Armut. Viele von Arbeitslosigkeit betroffene Familien kennen keine feste Tagesstruktur mehr, es wird viel zu viel Zeit mit Fernseher und Computer verbracht.

Frage 4 von 9:

Und Sie geben den Kindern eine Tagesstruktur zurück?

Ja. Von 12 bis 16 Uhr sind wir für sie da. Sie kommen nach der Schule zu uns und finden einen Mittagstisch vor. Auch das kennen viele von Zuhause nicht und genießen das gemeinsame Essen. Bei uns müssen sich außerdem alle an Regeln halten. Zum Beispiel, dass man mit Messer und Gabel isst, nicht durcheinander schreit und jeden ausreden lässt. Den Sinn dieser Regeln erkennen die Kinder schnell: Wenn man respektvoll miteinander umgeht, profitieren alle davon. In ihren Familien, wo viel Stress herrscht und manchmal sechs und mehr Personen auf 60 Quadratmetern wohnen, erfahren sie das häufig leider nicht.

Frage 5 von 9:

Und die Lernschwierigkeiten?

Versuchen wir, in den Griff zu kriegen. Wir begleiten die Kinder bei den Hausaufgaben und unterstützen sie dabei, selbständiger zu werden und sich Schritt für Schritt Erfolgserlebnisse zu erarbeiten. Wichtig ist, die Kinder zu loben, ihnen ihre kleinen Erfolge bewusst zu machen. Dann sind sie auch motiviert, große Anstrengungen auf sich zu nehmen.

Frage 6 von 9:

Was berührt Sie bei Ihrer Arbeit am meisten?

Vielleicht, wie dankbar die Kinder für Rituale sind. Das hat auch mit der fehlenden Struktur in den Herkunftsfamilien zu tun, die ich schon erwähnt habe. Wir feiern hier jeden Geburtstag mit Kuchen, Kerzen und einem kleinen Geschenk. Manche Kinder haben das zuhause noch nie erlebt. Da werden ihnen zehn Euro in die Hand gedrückt, oder der Geburtstag wird ganz verschwitzt.

Frage 7 von 9:

Welche Eltern vergessen denn den Geburtstag ihrer Kinder?

Total überforderte Eltern. Man sollte diese Familien nicht verurteilen. Die meisten Mütter und Väter lieben ihre Kinder, trotz allem. Sie sind aber so mit dem schieren Überleben beschäftigt, dass im Alltag auch wichtige Dinge durch den Rost fallen. Im Hintergrund stehen oft Suchterkrankungen, chronische Krankheiten und Ähnliches.

Frage 8 von 9:

Gibt es auch Mut machende Geschichten?

Oh ja, die gibt es! Neben den schon erwähnten kleinen Alltagserfolgen erleben wir immer wieder, dass sich sehr belastete Kinder unglaublich gut entwickeln. Wir hatten mal einen Jungen, der bei seinen schwer heroinsüchtigen Eltern aufwuchs. Wobei „Aufwachsen“ das falsche Wort ist: Eigentlich vegetierte er auf dem Teppichboden. Er kannte weder Möbel noch Essbesteck und verbrachte seinen Tag vor dem Fernseher. Bis zu seinem siebten Lebensjahr ging das so.

Frage 9 von 9:

Wie ist SOS-Kinderdorf auf ihn aufmerksam geworden?

Zunächst wurde die Schulbehörde aufmerksam, weil der Junge, der das Schulalter erreicht hatte, nicht zum Unterricht erschien. Das Jugendamt schaltete sich ein. Zum Glück gab es eine rührige und relativ junge Oma, die sich von da ab um den Jungen kümmern konnte und alle Hilfen in Anspruch nahm, die ihr angeboten wurden. Er hat dann vier Jahre lang unsere Nachmittagsbetreuung besucht, sich emotional sehr stabilisiert und sogar als schulischer Überflieger entpuppt. Heute geht er aufs Gymnasium, ab und zu besucht er uns noch. Ein toller Junge! Und ein gutes Beispiel für Resilienz.

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