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Den langen Atem nicht verlieren

Interview mit der Berliner Diplom-Psychologin Karin Jacob

Jungs mit erdbeeren 515x185 An der Kasse im Supermarkt: Der Fünfjährige greift nach der bunt verpackten Schokolade, die Mutter sagt "Nein", legt die Süßigkeit zurück. Der Kleine bettelt, als seine Mutter nicht nachgibt, wird er sauer, fängt an zu schreien und schmeißt sich in einem Wutanfall auf den Boden. Eine peinliche Szene, die wohl alle Eltern kennen. Wie verhält man sich jetzt richtig? Den Schokoriegel einpacken und dann schnell raus, damit das Kind aufhört, den Eltern "eine Szene" zu machen? "Nein" zu sagen ist unter diesen Umständen sehr schwer. "Aber Nein zu sagen ist, auch wenn es ums Essen geht, mitunter unerlässlich!", sagt Karin Jacob. Die Diplom-Psychologin ist Erziehungs- und Familienberaterin im SOS-Familienzentrum Berlin und hat viel Erfahrung zu diesem Thema gesammelt.

Warum ist es so wichtig, bei Kindern auf gesunde und ausgewogene Ernährung zu achten?

Karin Jacob: Die Auswirkungen schlechter Ernährung sind gravierend. Neben vielen organischen Folgen ist Dickleibigkeit ein Hauptproblem - und dabei bleibt es ja nicht. Dicke Kinder sind nicht mehr so beweglich, werden ausgegrenzt, gehänselt und schämen sich, weil sie vieles nicht mehr machen können.

Was sind die häufigsten Fehler der Eltern, wenn es ums Essen geht?

K.J.: Die sind vielfältig: Zum einen habe ich beobachtet, dass eine Mutter ihrer Tochter nichts verwehren konnte, weil sie ständig ein schlechtes Gewissen hatte. Das Mädchen nahm immer mehr zu, nur bemerkte die Mutter nicht, dass sie ihrem Kind beileibe nichts Gutes damit getan hat, iihm immer noch eine Schokolade und noch ein Bonbon zu geben. Ein anderes Mal fehlte einer Mutter das Bewusstsein für gesunde Ernährung. Sie hat ihrem Kind Säfte pur zu trinken gegeben, was durch den Fruchtzucker in großen Mengen auch dick machen kann und den Zahnschmelz angreift. Deswegen ist es besser, Fruchtsäfte mit Wasser zu verdünnen...

...müssen Eltern in diesem Bereich selbst noch viel lernen?

Esstisch K.J.: Manche schon, ja. Vielen ist einfach nicht klar, wie wichtig gesundes und ausgewogenes Essen für die Kinder ist. Bewusstes Essen allemal. Sich Zeit dafür zu nehmen, gemeinsam am Tisch zu sitzen, das ist ein ganz wichtiger Kommunikationsraum für die Familie. Hier können Probleme angesprochen oder vom Tag erzählt werden. Außerdem müssen Eltern gesunde Ernährung immer auch vorleben. Wenn ich selbst auf der Couch mein Fast-Food esse, büße ich ein großes Stück Glaubwürdigkeit ein.

Also ist gesunde Ernährung anstrengend?

K.J.: Es gehört schon Geduld dazu - und auch Zeit. Man muss sein Kind immer und immer wieder auffordern etwas zu probieren, ohne es ihm aufzuzwängen. Und es kostet Zeit zu kochen, den Tisch zu decken und abzuräumen oder Obst kindgerecht aufzubereiten. Die Schale mit den Apfel- oder Möhrenschnitzen ist doch meist ganz schnell leer. Es ist wichtig, dass Eltern den langen Atem nicht verlieren, Kinder bekommen andere Essgewohnheiten ja von anderen mit – die dann das Gemüse nicht essen wollen und am liebsten Nudeln pur essen. Man muss sich im Klaren darüber sein, dass sich die Geschmacksnerven der Kinder an viele Dinge erst einmal gewöhnen müssen.

Was halten Sie davon, Kindern, die partout kein Gemüse essen wollen, gequirltes Gemüse unterzumischen?

K.J.: (lacht) Man kann’s probieren. Aber ich bin generell dafür, den Kindern die Wahrheit zu sagen: ‚So, das war eine Zucchini, die hat doch gut geschmeckt. Die schmeckt bestimmt auch gut, wenn sie nicht püriert ist. Probier es doch mal.’ Und ich denke, dass es wichtig ist, den Kindern zu erklären, warum sie jetzt lieber das Gemüse als die Schokolade essen sollten. Kinder sollten lernen, dass Süßes zwar mal gut ist, um schnell Energie zu tanken, aber es nicht das ist, was der Körper braucht, um zu funktionieren. Das verstehen Kinder und akzeptieren es. Und ab und an mal was Süßes zu essen, ist vollkommen ok, wenn es kontrolliert geschieht.