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Eine Oase für Kinder mitten im Einheitsgrau
Draußen brandet der Verkehr, ein Auto nach dem anderen donnert über die Schweinauer Hauptstraße, Rasen- oder Grünflächen sind in diesem Einheitsgrau nirgendwo zu finden. In dem weitläufigen Gebäude mit der Hausnummer 29 aber ist von dieser Tristesse nichts zu merken. Hier, hinter den hohen Mauern der SOS-Kinderhilfen, ist alles bunt und lebendig:
Dutzende Kinder warten in einem riesigen Saal auf das Mittagessen, auch Schulhefte und Spielsachen liegen für die Hortbetreuung bereit. "Die Kinder kommen sehr gerne zu uns", sagt Andreas Tonke, Abteilungsleiter Stationäre Hilfen. Die Sechs- bis Zwölfjährigen fühlten sich in der Einrichtung wohl: Hier können sie spielen, bekommen eine Mahlzeit und Hilfe bei den Hausaufgaben. Diese Wohlfühlathmosphäre sei für die Erst- bis Sechstklässler enorm wichtig, findet der Sozialpädagoge. Die Vorteile haben die Kinder, aber auch die Mütter und Väter erkannt: "Die Familien waren sehr froh, als wir mit unserer Einrichtung 2003 nach Schweinau gezogen sind."
Ein Multi-Kulti-Kinderhort für Bedürftige
Vorher klaffte in diesem Stadtteil eine riesige Betreuungslücke. "Die meisten Kinder verbrachten die Nachmittage auf der Straße. Die wenigsten bekamen regelmäßig eine warme Mahlzeit." Auch bei den Hausaufgaben konnte ihnen zu Hause schon allein aufgrund mangelnder Deutschkenntnisse meist niemand helfen. Die Mehrzahl der Kinder, die täglich in den Hort kommen, stammt aus aller Herren Länder. Tonke spricht deshalb gerne von einem "Multi-Kulti-Kinderhort". Wie friedlich und freundschaftlich die Schützlinge hier miteinander umgehen, erfreut ihn ganz besonders. Denn die meisten stammen aus schwierigen sozialen Verhältnissen. Für die überwiegende Anzahl der Kinder übernimmt das Jugendamt die Hortkosten: "Allein das", sagt der Abteilungsleiter, "spiegelt die Bedürftigkeit der Familien wider".
Das Engagement der SOS-Jugendhilfen geht weit über die Beaufsichtigung der Kinder hinaus, ergänzt Einrichtungsleiter Paul Storz. "Wir arbeiten aktiv mit den Eltern zusammen", sagt der Sozialpädagoge. So stehen Mitarbeiter auch bei Behördengängen und dem Ausfüllen von Formularen mit Rat und Tat zur Seite: "Wenn ich gerade aus Aserbaidschan komme, kann ein Hartz IV-Antrag eine sehr komplizierte Sache sein", weiß Storz nur zu gut.
Der Versuch, die Schuldenspirale zu durchbrechen
In schwierigeren Fällen schickt der Hilfeverbund Fachkräfte stundenweise in die Familien selbst; damit sollen die Erziehungsberechtigten und ihre Kinder so gut wie möglich bei der Bewältigung des Alltags unterstützt werden. Diese Hilfe umfasst in der Regel eine Paarberatung. Viele seien zusätzlich zu Ehe- und Beziehungsproblemen mit der Erziehung des Nachwuchses heillos überfordert, berichtet Storz. Bei manchen würden schon ganz simple Tipps schnell weiterhelfen: Die Wohnung und das Umfeld ließe sich durch eine Tapete und ein paar Bilder an der Wand mit wenigen Mitteln verschönern. "Wir geben ihnen keine 100 Euro auf die Hand, aber schärfen ihren eigenen Blick", erzählt Storz.
Zu familiären und strukturellen Schwierigkeiten kommen meistens noch Geldprobleme hinzu. Hier leisten die Sozialpädagogen auch ganz konkrete Schuldnerberatung. "Wenn die betroffenen Familien für Reparaturen sparen müssen, schaffen sie das nicht", erzählt Storz. Hartz IV und überzogene Energiekosten drehten die Schuldenspirale immer weiter, bis sie diesem Kreislauf nicht mehr ohne fremde Hilfe entrinnen können. Um den Langzeitarbeitslosen den Sprung in die Normalität zu erleichtern, bieten die SOS-Mitarbeiter sogar Bewerbungstraining an oder vermitteln Interessenten an jeweilige Stellen. Vom gesellschaftlichen Leben sind diese Familien ebenfalls abgeschnitten. Damit die Väter, Mütter und vor allem die Kinder aber wenigstens ab und zu aus Schweinau und aus ihrem Alltagstrott herauskommen, organisiert die ambulante Familienhilfe auch Ausflüge in andere Stadtteile oder die nähere Umgebung: "Manche Kinder aus der Südstadt waren noch nie an der Pegnitz", sagt Storz. Andere wiederum seien überrascht, wenn sie zum ersten Mal sehen, wie groß die Stadt Nürnberg ist. Aber ein U-Bahnticket – die oft einzige Möglichkeit den Stadtteil zu verlassen – ist für viele eben nicht erschwinglich.
Die über 20 Hort-Kinder die an diesem Tag Tortellini mit Schinkensahnesoße gegessen haben und jetzt gemeinsam mit ehrenamtlichen Helferinnen ihre Hausaufgaben machen, sind da viel besser dran. "Unsere Schützlinge kennen die Burg und den Tiergarten", sagt Storz. Ein bisschen Stolz schwingt in seiner Stimme mit. Zu Recht – denn das ist auch seiner Einrichtung zu verdanken.