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Solidarität zwischen den Generationen

Junge Frau führt Seniorin

Viele freiwillige Helfer im Mehrgenerationenhaus „Jung hilft Alt“ in Merzig

Das Mehrgenerationenhaus „Jung hilft Alt“ in Merzig macht seinem Namen alle Ehre. 1985 gegründet, hat es zurzeit etwa 30 Ehrenamtliche in Diensten, die älteren Menschen helfen, etwa bei der Seniorentagespflege.

Einen Liedzettel braucht Magdalena Nilles nicht. Kräftig stimmt die 85-Jährige in den Gesang der Runde ein: „Horcht, was kommt von draußen rein, hollahi hollaho.“ Ihre Nachbarin auf dem Sofa wiegt nur sachte den Kopf zur Musik der Gitarre. Seit zwei Jahren kommt die Brotdorferin an fünf Tagen zur Seniorentagespflege ins Mehrgenerationenhaus Jung hilft Alt des SOS Kinderdorfes Saar in Merzig. Rund zehn Frauen und ein Mann sind an diesem Tag gekommen, um gemeinsam zu singen, spazieren zu gehen und sich viel zu erzählen.

Freiwilliges Soziales Jahr

Betreut werden sie von Pflegekräften und einer großen Zahl von jungen Menschen. Eine davon ist Lisa-Marie Falk. Sie hilft den Senioren beim Duschen oder Toilettengang, liest ihnen aus der Zeitung vor und unterhält sie mit Spielen und Rätseln. „Ich wollte nach dem Fachabi auf jeden Fall etwas Soziales machen“, erzählt die 20-Jährige, die im Mehrgenerationenhaus ein Freiwilliges Soziales Jahr macht. Solidarität zwischen den Generationen werde angesichts einer alternden Gesellschaft zunehmend wichtiger, findet die Bereichsleiterin des Merziger Mehrgenerationenhauses, Ursula Zeimet: „Der Bedarf an sozialen Angeboten ist groß und das kann nicht allein vom System getragen werden.“

Ein Stockwerk tiefer in der Caféteria nimmt Liane Thiel Maß. Reißverschlüsse annähen, Hosen enger machen oder ein neues Gummi einziehen, die Merchingerin weiß Rat. „Daheim bin ich allein und es macht mir Spaß, gebraucht zu werden“, sagt die 75-Jährige, die seit sechs Jahren einmal pro Woche einen Nähtreff anbietet. Während die einen Socken stricken, zocken die anderen beim Kartenspielen oder stöbern in der Bücherecke. Thiel ist eine von derzeit 30 Ehrenamtlichen, die im Mehrgenerationenhaus ihr Können anbieten. Andere organisieren das Offene Singen, den Theatertreff, den Seniorentanz oder bieten an vier Vormittagen eine Kinderbetreuung an.

Die Angebote sieht Ursula Zeimet zugleich als eine Reaktion auf veränderte familiäre Strukturen: „Durch unsere Kinderbetreuung unterstützen wir Mütter, wo die Oma eben nicht vor Ort ist, die aber kurzfristig mal einen freien Vormittag benötigen.“ Daneben entlaste die Tagespflege auch pflegende Angehörige. Gegründet wurde „Jung hilft Alt“ 1985 als Projekt des SOS Kinderdorf Saar mit dem Ziel, jungen Menschen durch eine Qualifizierung zur hauswirtschaftlichen Altenhilfe eine berufliche Perspektive zu bieten. Auch heute ist dies ein wesentliches Standbein der Einrichtung. Derzeit durchlaufen 30 junge Erwachsene eine Maßnahme im Mehrgenerationenhaus, sei es eine Ausbildung zur Hauswirtschafterin oder eine sechsmonatige Qualifizierung zum Pflegediensthelfer.

Vor sieben Jahren zog die Einrichtung in den Neubau in der Merziger Innenstadt. Seit fünf Jahren ist die Einrichtung offiziell als Mehrgenerationenhaus anerkannt und wird vom Bund gefördert. Ob das im kommenden Jahr so bleibt, ist ungewiss. Derzeit unterstützt das Bundesfamilienministerium 500 Mehrgenerationenhäuser, ab 2012 sollen es nur noch 450 sein. Diesen zahlt der Bund jährlich 30 000 Euro, wenn Land oder Kommune weitere 10 000 Euro übernehmen. „Die Bewerbungsphase hat jetzt begonnen und wir hoffen natürlich, auch künftig von dem Programm gefördert zu werden“, sagt Ursula Zeimet.
Doch das Merziger Mehrgenerationenhaus sei noch lange nicht am Ende seiner Entwicklung angekommen. „Künftig wollen wir verstärkt auch die Berufstätigen ansprechen“, nennt die Sozialpädagogin ein Ziel. Den Gewinn an generationenübergreifenden Angeboten hätten Junge wie Alte, findet sie: „Für die Senioren sind unsere Veranstaltungen eine gute Gelegenheit, um Einsamkeit zu vermeiden, die Jüngeren bekommen hier eine sinnvolle Arbeit und einen Anstoß, wie es beruflich für sie weitergehen kann.“

Auch Lisa-Marie Falk hat ihre Zeit im Mehrgenerationenhaus bei ihrer Berufswahl geholfen. Für sie steht bereits jetzt fest, dass sie in der Pflege bleiben will. Ab Oktober beginnt sie eine Ausbildung zur Heilerziehungspflegerin.

HINTERGRUND
Die Gesellschaft altert und die Bevölkerung nimmt in den nächsten Jahrzehnten wegen anhaltend niedriger Geburtenraten deutlich ab. Nach der zwölften koordinierten Bevölkerungsvorausberechnung des Statistischen Bundesamtes von 2010 könnte die Bevölkerungsanzahl von derzeit 82 Millionen auf rund 62 Millionen im Jahr 2060 zurückgehen. Der Wandel stellt auch die Gemeinden vor Herausforderungen: Weil es immer weniger Junge gibt, suchen Betriebe teilweise händeringend nach Auszubildenden. Gleichzeitig müssen neue Angebote für Ältere geschaffen werden.