Direkt zum Inhalt

Startseite





So leben wir im SOS-Kinderdorf

SOS-Kinderdorffamilie am Tisch - Foto von Stefan Bungert Seit 40 Jahren ist die Einrichtung in Lütjenburg Ersatzfamilie für Kinder und Jugendliche

Neben der Haustür ist ein Schild aus Ton angebracht. „Glücksinsel“ steht darauf. Glück – das erfahren hinter der Tür Gudrun Schumacher, Anna-Lena, Marius und Kevin. Sie sind eine Familie, aber keine gewöhnliche, sondern eine SOS-Kinderdorf-Familie.

Treffen auf dem Dorfplatz im SOS-Kinderdorf Schleswig-Holstein: Nadine (9), Luca (9), Jason (10), Andre (12), Nadina (11), Tayler (3), Angie (11), Tarek (11), Fabian (17), Michael (13), Natalie (15, v. l. n. r.) Es ist 13.15 Uhr: Kinderdorfmutter Gudrun Schumacher (53) steht in der Küche, wirft einen Blick in den Backofen. Die Quiche Lorraine mit Schinken ist in wenigen Minuten fertig. Perfektes Timing: Ein Klicken im Türschloss ist zu hören. Die 15-jährige Anna-Lena kommt von der Schule nach Hause. „Hallo“, sagt sie. Zieht ihre Jacke aus und erscheint – vom Duft des Essens angelockt – in der Küche. Seit sechs Jahren lebt sie bei Gudrun Schumacher in dem Backsteinhaus mit neun Zimmern, Küche, Bad. „Oft haben die Kinder irgendwelche Dinge erlebt, die es nicht möglich machen, weiter bei ihren leiblichen Eltern zu wohnen“, sagt Bereichsleiterin Beate Tresp. Manchmal seien Eltern so krank, dass sie sich nicht um ihre Kinder kümmern können. Oder sie sind mit der Erziehung überfordert. Die Kinderdorfmutter übernimmt dann das, was Eltern machen sollten: für die Kinder sorgen.

Gemeinsames Essen - ein wichtiges Ritual

Anna-Lena nennt Gudrun Schumacher entweder bei ihrem Vornamen oder „Mutti“. Neben ihr gehören auch der 16-jährige Kevin und der zwölfjährige Marius zur Familie. „Eigentlich ziehen die Kinder aus, wenn sie 18 Jahre alt sind – es gibt aber auch Sondervereinbarungen mit den Jugendämtern“, erzählt die Kinderdorfmutter. Das Mittagessen ist fertig. Im Wohnzimmer setzen sich alle an den Kieferntisch. An den Wänden hängen Fotos der Kinderdorf-Familie – auch aus vergangenen Tagen mit Ehemaligen. Bis Mitte August lebten bei Gudrun noch sechs Kinder. Jetzt stehen zwei Zimmer leer. Kevin berichtet von seinem Schultag: „Ich musste heute ein Referat in Chemie halten, und mein Kumpel hat genau diesselbe Note bekommen, wie ich. Dabei hatte er eigentlich nichts vorbereitet.“ Dann springt er schon zum nächsten Thema: „Mutti, machst du mir morgen zwei Kannen Kaffee?“ „Und kriege ich Kekse?“, fragt Anna-Lena. Wozu sie das denn benötigen, will Gudrun Schumacher wissen. Am nächsten Tag sei Zeitungslesestunde, sagen die Kinder. „Aber da sollt ihr doch kein Fest draus machen“, mahnt Gudrun Schumacher. Am Ende erfüllt sie den beiden ihre Wünsche.

Keine Routine

Auch wenn es ihr Job ist, die Kinder irgendwann „loszulassen“, Routine bekommt sie darin nicht. Genau wie bei „normalen“ Familien ist sie mit dem Herzen eine Mutter, die am Morgen Frühstück macht, die Kinder zum Sportverein und zu Freunden fährt und – wenn gewünscht – auch bei Liebeskummer Tipps gibt. Der einzige Unterschied zu einer alleinerziehenden Mutter sei der, „dass ich noch eine Erzieherin an meiner Seite habe.“ Sechs Tage die Woche, 24 Stunden lang ist Gudrun Schumacher für die Kinder da. Urlaub nimmt sie nur selten – und wenn, dann am Stück. „Auch ich muss mal durchatmen“, sagt sie. 1970 bezogen vier Kinderdorfmütter die ersten Häuser in Lütjenburg. Mittlerweile hat sich das Kinderdorf Schleswig-Holstein zu einem Verbund sozialer Hilfen mit 100 Mitarbeitern weiterentwickelt. In elf Kinderdorffamilien leben zurzeit 57 Kinder im Alter zwischen drei und 19 Jahren. Meistens sind das fünf bis sechs Kinder pro Familie, zum Teil mit ihren leiblichen Geschwistern.Während Marius seine Quiche isst, hängen ihm seine dunklen Haare im Gesicht. „Am Donnerstag hast du einen Friseurtermin. Bei Ulli geht es diesmal aber nicht“, schärft ihm Gudrun Schumacher ein. „Das macht nichts“, sagt Marius knapp. Anna-Lena hakt nach, ob Kevin einen ihrer Mitschüler gesehen habe. Schließlich will man als Neunklässlerin alles über seinen Schwarm erfahren.Teenager durch und durch ist Anna-Lena auch in ihrem Zimmer: Poster von Rihanna und Selena Gomez hängen an der gelb gestrichenen Wand, Nagellackfläschchen stehen auf dem Schreibtisch, daneben ein gerahmtes Foto ihrer Großeltern. „Die kommen sie besuchen, alle vier bis sechs Wochen“, sagt Gudrun Schumacher. Den Kontakt zu den Familien zu halten, sei durchaus gewünscht. „Manche kehren auch zu ihnen zurück.“