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"Jugendlichen sieht man Armut eher an"
Immer mehr Familien in Deutschland sind von Armut bedroht. Soziale Helfer wie Rita Lauschke (50) vom SOS-Hilfeverbund Hamburg haben alle Hände voll zu tun. Die pädagogische Mitarbeiterin arbeitet bereits seit 21 Jahren in unterschiedlichen Funktionen für SOS-Kinderdorf und weiß, warum Mutmacher genauso wichtig sind wie Spenden:
Wie häufig begegnet Ihnen Armut bei Ihrer Arbeit?
Rita Lauschke: Wir sehen schon viel Armut. Zwar kommen ganz unterschiedliche Menschen zu uns und es gibt hier im Bezirk Hamburg-Eimsbüttel nicht so viele soziale Brennpunkte wie in anderen Stadtteilen, aber manchmal ändert sich das Bild schon, wenn man die Straßenseite wechselt. Da stehen auf der einen Seite schicke Familienhäuser, während man auf der anderen Seite die Armut deutlich erkennen kann.
Welche Formen von Armut sind das?
R.L.: Als erstes natürlich materielle Armut. Die versuchen die Menschen in der Regel nach außen zu verstecken. Viele Mütter legen Wert darauf, dass ihre Kinder ordentlich gekleidet sind und suchen in Kleiderkammern nach passenden Anziehsachen. Das ist bei Jugendlichen häufig nicht mehr so, weil sie selbstständiger sind und die Eltern nicht mehr so sehr darauf achten. Jugendlichen sieht man deshalb Armut eher an.
Wie macht sich Armut noch bemerkbar?
R.L.: In den Wohnungen der Menschen. Oft sind sie klein und schlecht ausgestattet. Kinder haben zum Teil nur ein Bett und einen Schrank in ihrem Zimmer stehen. Vielen Familien fehlt außerdem das Geld für qualitativ gute Lebensmittel oder es ist kein Geld für Gesundheitsfürsorge da. Wer arm ist, geht seltener zum Arzt, um die Praxisgebühr zu sparen. Außerdem gibt es so etwas wie Armut an Bildung und Partizipation. Die Betroffenen können an vielen Dingen nicht teilnehmen. Mal mit den Kindern Schwimmen zu gehen, ist oft nicht drin, den Tierpark zu besuchen, erst recht nicht.
Was bedeutet das für die Menschen?
R.L.: Sie werden auf diese Art ausgegrenzt. Gerade für Menschen, die schon lange auf staatliche Unterstützung angewiesen sind, ist die Teilhabe am sozialen Leben schwieriger geworden. Das trifft auch die, deren Einkommen knapp über Hartz IV liegt.
Einrichtungen wie Tafeln und Kleiderkammern erleben einen immer größeren Zulauf. Was sind Ursachen dafür, dass immer mehr Menschen auf solche Hilfsangebote angewiesen sind?
R.L.: Ein gravierendes Problem ist die fehlende Arbeit und, mehr noch, der Mangel an ausreichend bezahlter Arbeit. Ich kenne Frauen, die einen Vollzeitjob als Putzhilfe haben und trotzdem auf Hartz IV angewiesen sind. Trennung und Scheidung sind ebenfalls Ursachen für Armut. Auf einmal gibt es zwei Haushalte, die bezahlt werden müssen, und dann reicht oft das Geld nicht.
Wie kann SOS-Kinderdorf Familien mit finanziellen Problemen unterstützen?
R.L.: Viele Menschen reagieren mit Resignation auf Armut. Das darf man nicht unterschätzen. Wir versuchen, die Menschen dazu zu bewegen, sich für ihre Rechte einzusetzen. Wir ermutigen sie beispielsweise, mit Behörden zu kommunizieren. Es geht darum, dass Menschen die Dinge selbst in die Hand nehmen. Und wenn wir Eltern unterstützen, helfen wir damit langfristig auch den Kindern. Manchmal sind es auch ganz praktische Tipps, die wir geben, zum Beispiel das Führen eines Haushaltsbuchs.
Helfen Sie betroffenen Familien auch materiell?
R.L.: Das ist eher die Ausnahme. Wir können hin und wieder gezielt mit der Weitergabe von Spenden helfen und Kindern beispielsweise Nachhilfeunterricht oder den Beitrag für den Sportverein finanzieren. Manchmal bekommen wir auch Sachspenden, die wir weitergeben. Einmal hat zum Beispiel ein großes Unternehmen eine große Anzahl an Schulranzen gespendet, die wir dann verteilt haben. Doch im Wesentlichen helfen wir den Familien mit unseren Beratungsangeboten.
Der SOS-Hilfeverbund Hamburg unterhält unter anderem zwei Wohngruppen für Jugendliche, bietet Familienhilfe und Einzelfallhilfe, Erziehungs- und Pflegeelternberatung an und betreibt ein Kinderkleider-Café.
Hier geht es zur Internetseite des SOS-Hilfeverbundes Hamburg