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Reiten macht glücklich

Zwei Reitschüler mit Pferd Eddie
Die Reittherapie in der SOS-Dorfgemeinschaft Grimmen stärkt die Fähigkeiten der Behinderten

„Simone, du hast gesagt, als Reiter muss man sich durchsetzen“, tönt es vom Pferd, als die Reittherapeutin den jungen Reiter auf sein allzu ungestümes Ziehen an den Zügeln hinweist. In solchen Situationen schmunzelt Simone Rohlfing in sich hinein und weiß, dass ihre Anweisungen bei den Schülern wirklich ankommen.

Ihre Schüler sind ganz besondere Menschen. Weil sie von Kindesbeinen an Beeinträchtigungen im Denken und Lernen haben, leben sie in der SOS-Dorfgemeinschaft Grimmen-Hohenwieden, wo ihnen ein eigenständiges Leben ermöglicht wird. Sie wohnen zu mehreren mit einem Betreuerpaar in einer Hausgemeinschaft, gehen im Dorf einer Arbeit in der Landwirtschaft oder in einer der Werkstätten nach und gestalten ihre Freizeit nach ihren eigenen Wünschen. Das Reiten steht in der Beliebtheitsskala der Freizeitaktivitäten ganz weit oben.


Die Stunde beginnt mit striegeln

Schülerin reitet auf Eddie Simone Rohlfing selbst reitet seit ihrem 10. Lebensjahr und wohnt mit ihrem Mann und ihren beiden Kindern 20 Autominuten von Grimmen entfernt auf einem Bauernhof. Während ihres Studiums zur Deutsch- und Biologielehrerin absolvierte sie ein Praktikum in der SOS-Gemeinschaft Grimmen-Hohenwieden. Als dann letzten Sommer eine neue Reittherapeutin gesucht wurde, nahm sie das Angebot gerne an, den Betreuten der Dorfgemeinschaft regelmäßig Reitunterricht zu geben. Und war vom ersten Tag an begeistert: „Es macht soviel Spaß, zu sehen, wie sich die Schüler innerhalb kurzer Zeit weiterentwickeln und wie viel Vertrauen sie aufbauen. Auch solche, die anfangs großen Respekt vor dem Pferd haben, lernen ihre Angst zu überwinden und freuen sich jedes Mal total auf die nächste Stunde.“

Damit möglichst alle Hohenwieder regelmäßig in den Genuss des Reitens kommen, dauert ein Kurs jeweils 12 Wochen lang, danach kommt wieder eine neue Gruppe an die Reihe. Zurzeit betreut Simone Rohlfing an 3 Vormittagen die Woche 18 Reitschüler. Jeweils 2 Schüler werden gemeinsam 40 Minuten lang unterrichtet. Die erste Gruppe des Tages beginnt damit, den gutmütigen Eddie, ein großes Kaltblutpferd, auf den Unterricht vorzubereiten. Er wird gestriegelt, seine Hufe ausgekratzt und anschließend Sattel und Trense angelegt. Bereits bei diesen Tätigkeiten üben die Reitschüler ihre Koordination und Feinmotorik. „Viele haben anfangs richtige Probleme, die feinen Schnallen an der Trense zu schließen“, erzählt Simone Rohlfing, „aber mit den nächsten Stunden wächst dann das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten und die Sicherheit beim Erlernen der Abläufe. Am Ende eines Kurses können die meisten Schüler das Pferd fast ganz ohne meine Hilfe auf die Stunde vorbereiten.“


Reiten hilft Ängste zu überwinden

Eine Reitschülerin kratzt Eddie die Hufe aus Bereits vor der eigentlichen Reitstunde beginnen also die Herausforderungen für die Schüler. Simone Rohlfing erinnert sich an eine junge Frau, die anfangs wahnsinnige Angst vor dem Pferd hatte. Als sie Eddie einmal auf einem umgedrehten Wassereimer stehend die Mähne kämmte, dreht sich dieser plötzlich um, so dass seine Pflegerin das Gleichgewicht verlor und der Eimer kippte. Simone Rohlfing: „Noch vor der Therapie wäre die Frau völlig aufgelöst gewesen, aber so hielt sie sich ganz lässig in Eddies Mähne fest und lachte nur.“ Das ist wieder einer der Momente, in denen die Therapeutin merkt, wie viel Selbstvertrauen ihre Schüler entwickeln.

Reitschüler steht balancierend auf Eddies Rücken Je nach Leistungsstand der Schüler nimmt Simone Rohlfing sie an die Longe, oder ein Schüler führt das Pferd des anderen. Geübte Reiter bringen das Pferd auch schon ganz alleine in den Trab. „Das ist für jeden eine ganz tolle Erfahrung, zu merken, ich kann das schaffen, dass Eddie das macht, was ich will,“ so die Reitlehrerin. Eddie ist als Therapiepferd ein richtiger Schatz. Er ist sehr ruhig, lässt sich gut mit Stimme führen und hat damit großen Anteil daran, dass die Hohenwieder stolz sagen „Reiten ist mein Hobby.“

Aber nicht nur die Persönlichkeit und die Feinmotorik der Reiter wird gestärkt, sondern auch ihre allgemeine Fitness. Ein Reitschüler, der einmal einen schweren Autounfall hatte, fasste das ganz prägnant in Worte: „Reiten ist wie Physiotherapie, da bewegt man alles.“

Mehr Informationen über die SOS-Dorfgemeinschaft Grimmen-Hohenwieden finden Sie auf der Einrichtungs-Homepage