"Ich war eine richtige Querulantin"

Mokaa Bautz kehrte nach vielen Jahren ins SOS-Kinderdorf Worpswede zurück

Manchmal muss man sich frei schwimmen, um mit Freude zurückzukehren: Die Hamburger Künstlerin Mokaa Bautz

Mit sechs Jahren kommt Sandra Bautz ins SOS-Kinderdorf Worpswede. Als Jugendliche wehrt sie sich gegen das Etikett vom „armen Waisenkind“. Aus Sandra wird Mokaa, die Künstlerin. Als die im Sommer 2015 in ihr Kinderdorf zurückkehrt, geschieht etwas Wunderbares.

Im Porträt
Mokaa Bautz wurde von RTL-Nord porträtiert.
Hier können Sie den Film sehen

SOS-Kinderdorf: Wie kam es dazu, dass Sie im SOS-Kinderdorf Worpswede aufwuchsen?
Mokaa Bautz: Dafür hatte meine Mutter gesorgt, die bis zuletzt eine sehr starke Frau war. Sie wusste, dass sie den Kampf gegen den Krebs nicht gewinnen würde und hat selbst alles Notwendige veranlasst, damit wir in ein SOS-Kinderdorf kamen. Nicht in irgendein staatliches Heim. Wir waren zu dritt. Ich sechs, mein großer Bruder sieben, der kleine Bruder fünf Jahre alt. Mein Vater war bereits vor meiner Mutter gestorben, ebenfalls an Krebs. Wir waren Vollwaisen.

Heute sind Sie 32 Jahre alt, leben in Hamburg als Künstlerin, haben eine Zeit in Lissabon studiert. Das klingt nach jemandem, der mutig in die Welt hinausgegangen ist.
Mokaa Bautz: Ich wollte weg, das steht mal fest (lacht). Wenn man in einem SOS-Kinderdorf aufwächst, bekommt man ein starkes Fundament. Verlässlichkeit spielt eine große Rolle. Zu meiner Kinderdorf-Mutter Ilse Holsten beispielsweise habe ich immer Kontakt gehalten, auch als sie in Pension ging. Ich habe aber auch sehr gekämpft. Meine Kinderdorf-Mutter, meine Brüder und die anderen Geschwister im Dorf hatten es nicht leicht mit mir. Ich war eine richtige Querulantin. Anstrengend und bestimmt nicht immer fair gegenüber den anderen.

Ein Ort zum Entspannen und Spielen: die Installation auf der Dorfwiese Bild vergrößern

Ein Ort zum Entspannen und Spielen: die Installation auf der Dorfwiese

Was genau war schwierig?
Mokaa Bautz: Mich hat genervt, dass ich überall draußen auf meine traurige Herkunftsgeschichte reduziert wurde. Bei jeder Gelegenheit klebte man mir das Etikett „armes Waisenkind aus dem SOS-Kinderdorf“ an. Spätestens als Teenager hatte ich damit ein Riesenproblem. Ich habe mich immer nach einer ganz normalen Familie gesehnt, fühlte mich als einziges Mädchen unter vier Jungen in der Kinderdorf-Familie auch etwas verloren. Andererseits bin ich dankbar, dass ich gemeinsam mit meinen Brüdern aufwachsen konnte. Ich frage mich, was aus uns geworden wäre, wenn wir in irgendeinem Heim gelandet wären.

Sie haben Bildende Künste in Hamburg studiert. War das eine Befreiung?
Mokaa Bautz: Auf jeden Fall. Das ist etwas, das ich den Kinderdorf-Kindern von heute gerne vermitteln möchte: Man kann in die Welt hinausgehen, man kann sein Ding machen. Es gibt so viele Möglichkeiten, sich nicht reduzieren zu lassen auf das Traurige, das bei einem Kinderdorf-Kind ja immer im Hintergrund steht. Drastisch ausgedrückt: Das Leben ist nicht so beschissen, wie es manchmal den Anschein hat.

Die massiven Holzscheiben werden bearbeitet - und anschließend lackiert Bild vergrößern

Die massiven Holzscheiben werden bearbeitet - und anschließend lackiert

Und dann kam die Anfrage, ob Sie dem Kinderdorf Worpswede etwas zurückgeben möchten, in Form eines Kunstwerks, das die Wiese am kleinen Dorfplatz aufwerten soll.
Mokaa Bautz: Als klar war, dass es sich dabei um eine Installation handeln wird, für deren Entstehen ich einige Zeit im Dorf verbringe, wurde ich bei aller Vorfreude nervös. Ich hatte sogar ein bisschen Angst. Sie müssen sich das so vorstellen, wie wenn man in sein Elternhaus zurückkehrt: Da gibt es für Menschen aus „normalen“ Herkunftsfamilien ja auch so eine Grenze von etwa drei Tagen: Länger wird schnell nervig und anstrengend. Man streitet sich. Man wird in die alte Rolle zurückgeworfen und fühlt sich nicht immer wohl dabei. Bei meiner Installation wusste ich: Ich werde von August bis in den hinein Herbst im Dorf arbeiten. Aus Mokaa würde wieder Sandra werden. So nennt mich meine Kinderdorf-Mutter ja auch noch.

Fast fertig: Die SOS-Installation während der Bauphase Bild vergrößern

Fast fertig: Die Installation während der Bauphase

Und dann wurde gebaut. Unter großem Hallo der Kinderdorf-Kinder?
Mokaa Bautz: Das war das Wunderbare. Die Kinder waren natürlich neugierig. Sie haben beim Aufbau mitgeholfen, sind die ganze Zeit um mich herumgeschwirrt, haben mir geholfen, die Fundamente zu legen, Löcher auszuheben, die Farben aufzutragen. Sie sollten hinterher nicht das Gefühl haben: Das ist ein Kunstwerk von Mokaa. Sie sollten das komische Ding auf der Wiese bei Haus eins bis sechs als ihr eigenes ansehen. Das ist mir gelungen. Die Kinder waren im gleichen Alter wie ich damals, ich habe mich ihnen sofort sehr verbunden gefühlt.

Ihre Installation, auf der man auch sitzen, wippen und andere hübsche Dinge tun kann, besteht aus dem Holz einer alten Eiche, die der Sturm entwurzelt hat. Sollte das ein Sinnbild sein für Schicksale der Kinder, die in Worpswede ein neues Zuhause finden?
Mokaa Bautz: Ja, da lacht das Herz eines jeden Kunsttherapeuten: Der entwurzelte Baum, der wieder einen festen Platz findet. Eine tolle Symbolik! Aber ganz ehrlich: Dieser Baum aus Niedersachsen war nicht von Anfang an Teil meines Konzepts. Ich kam dazu wie die Jungfrau zum Kinde, er wurde mir geschenkt, weil er halt herumlag und der Besitzer ihn loswerden wollte. Ein Baumriese, den wir bei meinem beschränkten Budget gar nicht in Gänze nach Worpswede transportieren konnten, sondern in Scheiben zersägen mussten. Aber ich habe diese Symbolik natürlich auch gesehen. Und weiterentwickelt: Holz ist lebendig und verändert sich, so wie Lebewesen, so wie vor allem Kinder sich dauernd verändern. Meine Konstruktion wird mit Stahl zusammen gehalten. Stahl ist langlebig, er hält und trägt. So wie ein SOS-Kinderdorf. Mein monatelanges Arbeiten auf der Dorfwiese war nämlich auch ein Wiedersehen mit Erwachsenen, die schon zu meiner Zeit dort arbeiteten.

Und heute? Ist die Querulantin versöhnt?
Die Querulantin ist dankbar für das, was ihr gegeben wurde. Mein Blick zurück ist voller Verbundenheit und Wohlwollen. Und mein Herz hängt an den Kindern, die heute im SOS-Kinderdorf leben. Ich wünsche ihnen, dass auch sie ein Leben finden, das ihnen wirklich entspricht.

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