"Mein Ziel ist die Selbstständigkeit“

Zarghun in der Küche von SOS-Kinderdorf Saarbrücken

Zarghun ist 19 Jahre alt und vor vier Jahren aus Afghanistan geflohen – allein. Er wurde in Saarbrücken als unbegleiteter minderjähriger Flüchtling aufgegriffen und kam im SOS-Kinderdorf Saarbrücken unter. Heute macht er hier seine Ausbildung zum Fachpraktiker Küche.

„Wenn du einmal den ersten Schritt gemacht hast, gibt es kein Zurück mehr“

Was treibt einen Jugendlichen dazu, seine Familie und seine Heimat zu verlassen? Zarghuns Vater wurde ermordet, da war Zarghun gerade erst elf Jahre alt. Es gab Streitereien um Grundbesitz und sein Onkel hatte Sorge, dass sein Neffe als Erstgeborener der nächste auf der Todesliste sein würde. So riet er Zarghuns Mutter ihren Sohn nach Europa zu schicken. Für den mittlerweile 15-Jährigen begann eine Odyssee, die sechs Monate andauern sollte. Heute kann der junge Mann ganz unbefangen von seiner Flucht erzählen, aber anfangs quälten ihn die Erinnerungen an die Strapazen monatelang.
Über den Iran ging es für ihn in die Türkei und dann nach Griechenland. Weite Teile der Strecke legte die Gruppe der Jugendlichen zu Fuß zurück, mit seinen 15 Jahren war Zarghun der Jüngste unter ihnen. In Griechenland wurden sie von der Polizei aufgegriffen und landeten im Gefängnis. Insgesamt waren 95 Männer in einem Raum untergebracht und hätte nicht eine deutsche Journalistin interveniert, wäre Zarghun vermutlich nicht schon nach drei Monaten frei gekommen.

Ob er damals nicht daran dachte, wieder umzukehren? „Wenn du einmal den ersten Schritt gemacht hast, musst du es beenden.“ Versteckt auf einem LKW gelang ihm auf dem Seeweg die Überfahrt nach Italien. Als er dort erneut von der Polizei entdeckt wurde, ist er einfach gelaufen. Gelaufen, über einen Zaun geklettert und dann immer der Autobahn entlang gegangen. Seine beste Erinnerung ist eine italienische Pizza, die er sich bei einer kurzen Verschnaufpause gönnte. Von Rom aus ging Zarghuns Weg weiter nach Nizza und von dort nach Paris. Als er dort ankam, hatte er keinen Cent mehr. Eine Perserin, die er ansprach, gab ihm einhundert Euro, von denen er sich eine Fahrkarte nach Frankfurt kaufen konnte. Endstation war aber schon in Saarbrücken, wo den völlig Erschöpften deutsche Grenzbeamte mit dem Satz aufweckten: „Welcome to Almania.“
Nachdem er ärztlich untersucht worden war und klar war, dass er noch minderjährig ist, kam er ins Clearinghaus in Völklingen, das von SOS-Kinderdorf Saarbrücken und dem Diakonischen Werk an der Saar betrieben wird.

„Hier ist Freiheit, hier ist Leben“

Zarghun mit anderen Azubis aus seinem Ausbildungsjahrgang Bild vergrößern

Zarghun mit anderen Azubis aus seinem Ausbildungsjahrgang.

Mit diesem Satz fasst Zarghun seine erste Zeit im Clearinghaus von SOS-Kinderdorf zusammen. Mit anderen afghanischen Jugendlichen wohnte er zusammen, besuchte einen Deutschkurs und danach die Schule. „Das erste Jahr war hart, da ich nicht viel verstanden habe, aber dann sind die Sprachkenntnisse ganz automatisch gekommen.“ Nach seiner Zeit in der Jugendwohngruppe für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge, entschied sich Zarghun, mittlerweile volljährig, allein in eine Wohnung zu ziehen. Unterstützt bei der Suche und beim Umzug wurde er von seinen Betreuern von SOS-Kinderdorf. Und auch heute kommt zwei- bis dreimal in der Woche seine Betreuerin Sigrid vorbei, um zu sehen, wie es ihm geht.

Auch beruflich läuft es gerade bestens für den jungen Afghanen. Im Ausbildungsbereich des SOS-Kinderdorfs Saarbrücken hat er den Zweig Fachpraktiker Küche gewählt. „Die Ausbilder sind alle sehr nett und unterstützen mich in jedem Bereich. Mein Ausbilder vertraut mir und das ist meiner Meinung nach das Wichtigste, denn auf gegenseitigem Vertrauen baut alles auf.“ Kochen ist für ihn mehr als nur ein Job, denn „als Koch wird man immer gebraucht und man wird niemals arbeitslos.“ Schon im ersten Lehrjahr darf er alle Bereiche in der Küche kennenlernen, und findet alles gleichermaßen spannend – mit Ausnahme vielleicht des Zwiebelschneidens, aber auch da kennt er inzwischen genügend Tricks, die diese Arbeit erträglicher machen.

„Ich fühle, als wäre Deutschland mein Land“

Zarghun mit Freundin Laura Bild vergrößern

Zarghun plant mit Freundin Laura seine Zukunft in Deutschland.

Über Telefon und die Sozialen Medien hat Zarghun regelmäßig Kontakt mit seiner Familie in Afghanistan: „Oft macht es mich traurig, was meine Mutter und meine Geschwister mir erzählen. Hier in Deutschland ist alles viel sicherer, viel geregelter und ich finde es gut, dass jeder die Politik mitbestimmen kann. Wenn ich durch Saarbrücken laufen, treffe ich immer jemanden, den ich kenne, es ist eine kleine Stadt mit großem Herz.“
Zarghun ist ehrgeizig, er will versuchen seine Ausbildungszeit auf zweieinhalb Jahre zu verkürzen, denn er möchte endlich auch finanziell selbstständig sein. Den jungen Flüchtlingen, die jetzt neu nach Deutschland kommen, rät er: „Lebe dein Leben, aber am allerwichtigsten ist es, lerne die Sprache und einen Beruf, sonst bist du nichts!“

Engagement des SOS-Kinderdorf e. V.

Der SOS-Kinderdorf e.V. engagiert sich in Deutschland seit vielen Jahren für Flüchtlingskinder und ihre Familien. In Saarbrücken und Augsburg besteht traditionell ein Schwerpunkt in der Arbeit mit unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen mit ca. 100 Plätzen im begleiteten Wohnen, in Wohngruppen sowie in zwei Clearinghäusern in Kooperation mit weiteren Trägern.

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