"Bei uns kann Mahmoud abrüsten"

Gezeichnete Bilder - Erinnerungen an den Krieg

Das SOS-Kinderdorf Saar ist eines von vielen deutschen SOS-Kinderdörfern, das sich um Flüchtlingskinder und deren Familien kümmert. Im Interview erklärt Einrichtungsleiter Joachim Selzer,  warum dieses Engagement so wichtig ist und wie Integration funktionieren kann.

Das SOS-Kinderdorf Saar reagiert auf die Flüchtlingsproblematik, indem es selbst immer wieder hilfesuchende Menschen aufnimmt. Wie viele leben aktuell bei Ihnen?
Selzer: Bei uns leben derzeit insgesamt 80 Menschen, darunter sind 20 syrische und afghanische Flüchtlinge. Das ist ein Verhältnis, das ganz gut funktioniert.

Einrichtungsleiter Joachim Selzer im Interview Bild vergrößern

Einrichtungsleiter Joachim Selzer im Interview

Warum betreut SOS-Kinderdorf in Deutschland überhaupt Flüchtlinge? Entspricht das seinem Auftrag und seinem Selbstverständnis?
Selzer: Ja, das tut es. Gerade unser SOS-Kinderdorf Saar blickt auf eine lange Geschichte mit Flüchtlingen zurück. Wir haben uns hier in früheren Jahren auch um eritreische Flüchtlinge und um vietnamesische Bootsflüchtlinge gekümmert. Zum Leitbild einer internationalen Organisation, die benachteiligten Menschen im Ausland hilft, gehört es selbstverständlich auch, sich um diese Menschen zu kümmern, wenn sie ihre Heimat aus Angst um Leib und Leben verlassen mussten. Anders ausgedrückt: Wir kümmern uns um Menschen, denen es nicht gut geht - egal welche Religion oder Nationalität sie haben.

Unter den Flüchtlingen sind Jugendliche, die sich ohne ihre Eltern durchgeschlagen oder diese auf der Flucht verloren haben. Im Behördendeutsch nennt man sie „Unbegleitete minderjährige Flüchtlinge“. Wie gehen Sie mit dieser Gruppe um?
Selzer: Uns war sehr früh klar, dass wir keine Wohngruppe mit unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen einrichten wollten. Wir bringen sie lieber in unseren Familien unter, einzeln in unterschiedlichen Häusern, in bereits bestehenden Gruppen.

Sportliche Integration: aus Fremden werden Fußballfreunde Bild vergrößern

Sportliche Integration: aus Fremden werden Fußballfreunde

Diese Kinder und Jugendlichen haben schreckliche Dinge erlebt, zuhause und auf der Flucht. Wie gestaltet sich der Alltag mit ihnen?
Selzer: Natürlich merkt man, was sie durchgemacht haben. Der kleine Mahmoud beispielsweise, ein sechsjähriger Junge aus Syrien, ist seit sechs Wochen bei uns.
Die Flucht hat er zusammen mit seinem 16-jährigen Onkel durchgestanden. Mahmouds Vater wurde letztes Jahr in Syrien umgebracht. Die beiden kamen über die Balkanroute und standen dann irgendwann in München am Bahnhof. Die erste Zeit hat Mahmoud bei uns nur Panzer gemalt, die auf Menschen schießen. Er ist mit seinem Holzstock herumgerannt und hat auf alles gefeuert. Eben das, was er im Bürgerkrieg gesehen hat. Inzwischen findet er sich aber sehr gut zu Recht. Bei uns konnte Mahmoud abrüsten, wenn Sie so wollen.

Im SOS-Kinderdorf Saar sind aber nicht nur minderjährige Flüchtlinge untergekommen. Inzwischen leben hier auch Familien aus Syrien?
Selzer: Dazu muss man sagen, dass wir Häuser leer stehen hatten. Da haben wir uns gesagt: Ok, wir nehmen Flüchtlings-Familien mit Kindern auf. Für die betreffenden Kinder ist es dann viel einfacher, sich schnell in Deutschland zurechtzufinden, denn Kinder schließen normalerweise sehr schnell Kontakte.
Momentan haben wir zwei syrische Familien aus Damaskus und Aleppo, mit jeweils vier und drei Kindern. Beide Familien haben Syrien erst verlassen, als sie gemerkt haben, dass ihre Lage wirklich aussichtslos war.

Das große Problem am Anfang ist die Sprache. Engagiert sich SOS-Kinderdorf auch beim Deutschlernen?
Selzer: Ja, das tun wir. Unsere Bewohner sind übrigens alle hochbegierig drauf, die deutsche Sprache zu lernen. Ich habe mich sehr früh dafür eingesetzt, dass sie bei uns im Dorf einen Sprachkurs bekommen. Merzig ist doch ein Stück weit entfernt. Die Kinder und Jugendlichen sind dort natürlich auch in der Schule im Deutschunterricht, aber da mühen sie sich mitunter ganz schön ab. Wir versuchen dagegen, die deutsche Sprache mit einfachen Mitteln zu lehren. Die ersten Schritte eben.

Khadije Fakih betreut die geflüchteten Familien und leistet Dolmetscherdienste Bild vergrößern

Khadije Fakih betreut die geflüchteten Familien und leistet Dolmetscherdienste

Aber für Behördengänge werden die Sprachkenntnisse vermutlich noch lange nicht ausreichen?
Selzer: Nein, aber die Eltern kommen zu uns, wenn sie Behördenschreiben haben, die sie nicht verstehen. Ein deutsches Behördenschreiben über fünf Seiten zu verstehen, ist ja schon für unsereins manchmal eine Leistung. Da geht es um den Führerschein, um Schreiben von der Agentur Für Arbeit und so weiter. Deshalb haben wir Khadije Fakih eingestellt, die die Familien betreut und Dolmetscherdienste leistet. Khadije Fakih ist vor vielen Jahren selbst als Fünfjährige vor einem Bürgerkrieg geflohen, kam mit ihrer Familie aus dem Libanon nach Deutschland. Wir kennen sie schon lange, und nun ist es ein Glück, dass sie mit ihrer arabischen Muttersprache und ihrem kulturellen Wissen vermitteln kann.

Eine Vermittlerin in vielerlei Hinsicht?
Selzer: Vor allem für die Jugendlichen. Wir wissen nicht, welche Bilder die im Kopf haben, was sie auf der Balkanroute oder in den Booten auf dem Mittelmeer erlebt haben. Deshalb sind die Dolmetscher so wichtig. Die können nachfragen, können wirklich dafür sorgen, dass Brücken entstehen. Sich in einer fremden Sprache und Umgebung zu öffnen, ist ja alles andere als leicht.

In einem Dorf kennt jeder jeden. Wie ist das mit den syrischen und den  deutschsprachigen Bewohnern im SOS-Kinderdorf? Geht man aufeinander zu?
Selzer: Ja, das ist toll. So, wie die Kinder hier schnell andocken, so ist das auch bei den Erwachsenen. Im Kleinen gelingen eben häufig Dinge, die im Großen schwierig sind. Integration ist hier natürlich viel leichter, als in einer Turnhalle voller Menschen. Inzwischen denke ich mir: Das mit den Flüchtlingen ist uns gelungen. Bislang mussten wir keine Rückschläge hinnehmen.

Pate für das SOS-Kinderdorf Saar werden

SOS-Kinderdorf hilft Kindern in Not - helfen Sie mit Ihrer Patenschaft

Als Pate für das SOS-Kinderdorf Saar helfen sie vielen Kindern gleichzeitig und unterstützen viele wichtige Projekte – weil jeder eine Familie braucht!

Jetzt Pate werden