Ankommen in der neuen Heimat

Unbegleitete minderjährige Flüchtlinge: Sie freuen sich, dass sie im Landkreis angekommen

Mohammad, Ali, Obayd, Charles und Khalid haben bei SOS-Kinderdorf in Landsberg ein neues Zuhause gefunden.

SOS-Kinderdorf unterstützt in Landsberg unbegleitete minderjährige Flüchtlinge

Sie sind 14 bis 17 Jahre alt, stammen aus Syrien, Afghanistan oder Nigeria und sind vor Gewalt und Verfolgung geflohen – ganz allein. Oft waren sie monatelang auf sich gestellt unterwegs, bevor sie Deutschland und später den Landkreis Landsberg erreicht haben. Dort finden sie mit Hilfe des SOS-Kinderdorf Ammersee-Lech eine neue Heimat, neue Freunde und Perspektiven für eine sichere Zukunft. Einige der unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge haben sogar schon eine Berufsausbildung begonnen.

Hoch motiviert nach Terror und Verfolgung

Harrison fühlt sich beim FC Dettenschwang bestens aufgehoben. Bild vergrößern

Harrison fühlt sich beim FC Dettenschwang bestens aufgehoben.

Als im November 2014 die ersten vier Jugendlichen im Landkreis Landsberg ankamen, fanden sie in der SOS-eigenen Wohngruppe in Hagenheim sofort ein neues Zuhause. Das Amt für Jugend und Familie – zuständig für die unbegleiteten Minderjährigen – hatte sich schon im Herbst an das SOS-Kinderdorf mit der Bitte um Unterstützung gewandt und laut Jugendamtsleiter Peter Rasch einen “flexiblen” Partner mit “sehr gutem Ruf” gefunden. So ermöglichte SOS-Kinderdorf den Jugendlichen schon bald nach ihrer Ankunft den heiß ersehnten Deutschunterricht in der Schlossbergschule in Landsberg. Mittlerweile waren auch in die dortige Nikolaus-Mangold-Straße unbegleitete Minderjährige gezogen, die ebenfalls rund um die Uhr von SOS-Mitarbeitern betreut wurden und werden. Die Jugendlichen machten sich mit Feuereifer ans Lernen und sind hoch motiviert. So schafften einige von ihnen in wenigen Wochen den Sprung vom Analphabet zum Grundschulniveau. Ein gutes halbes Jahr nach ihrer Ankunft konnten etliche junge Männer bereits auf die Berufsschule wechseln, zwei haben den Quali geschafft, einer arbeitet an seiner Karriere am Gymnasium. Sogar ein Junge mit Lernbehinderung, freut sich SOS-Bereichsleiterin Martina Moritz, hat sich „so reingehängt“, dass er den Berufsschultest bestanden hat. Und ein Flüchtling absolviert bereits eine Ausbildung zum Zimmerer.

Eine gute Integration in das soziale Umfeld

SOS-Kinderdorf setzte von Anfang an auf Transparenz und das Einbeziehen der Umgebung. So stellte Dorfleiter Erich Schöpflin die ersten jungen Flüchtlinge in Hagenheim Nachbarn und Bürgermeister persönlich vor. In Denklingen empfingen schon Ehrenamtliche die neun Jugendlichen bei ihrer Ankunft im August dieses Jahres und nahmen sie aktiv in das Dorfleben auf, freut sich Martina Moritz.
Die Bedürfnisse der Flüchtlinge sind anfangs immer gleich: Sie brauchen zuerst einmal Kleidung – aus der BRK-Schatztruhe in Landsberg oder den örtlichen Basaren – und dann möglichst rasch ein Fahrrad, um mobil zu sein. Außerdem wünschen sie sich Freunde, die sie vor allem in den örtlichen Vereinen finden. Harrison und Obaid etwa kicken bereits seit Anfang 2015 erfolgreich beim FC Dettenschwang, auch etliche andere Jugendliche haben schon Vereine gefunden. Und: SOS-Kinderdorf beteiligt sich an der Aktion „Kick gut“, die derzeit eine Schwabenliga aufstellen will, die dann in ganz Deutschland Fußball spielen soll, berichtet Moritz.

Auf eigenen Beinen stehen

Konzentriert arbeiten die Unbegleiteten Minderjährigen im Deutschunterricht an der Schlossbergschule mit. Bild vergrößern

Konzentriert arbeiten die Minderjährigen Flüchtlinge im Deutschunterricht in Landsberg mit.

Im Vordergrund aber steht für die Flüchtlinge der Unterricht in deutscher Sprache sowie deutscher Kultur und Lebensart, um die Integration zu erleichtern. Mit einem ehemaligen Migranten hat SOS hier einen wichtigen Mitarbeiter gefunden, der den Jugendlichen zeigt, wie sie sich in Deutschland erfolgreich anpassen, Fuß fassen und eine Zukunft aufbauen können. An der notwendigen Motivation oder den Umgangsformen mangelt es nicht: „Die Jugendlichen sind unwahrscheinlich höflich, zuvorkommend und respektvoll im Umgang mit anderen“, freut sich Moritz.
Einige junge Flüchtlinge der ersten Stunde sind bereits dabei, langsam auf eigenen Füßen zu stehen. Sobald sie entsprechend gut Deutsch können und die alltagspraktischen Dinge wie Einkaufen, Kochen, Waschen und Wohnungspflege beherrschen, wechseln sie in das Betreute Wohnen. Dort werden sie nicht mehr rund um die Uhr umsorgt, sondern lernen, zu Zweit oder Dritt zurecht zu kommen und nur im Notfall auf die Rufbereitschaft von SOS-Kinderdorf zurück zu greifen. Allerdings müssen die Jugendlichen dazu entsprechend emotional gefestigt sein. Denn gerade, wenn sie alleine in ihrer Wohnung sind, kommen viele dramatische Ereignisse ihrer Flucht wieder an die Oberfläche, weiß Moritz.

Flüchtlinge Ali mit Nähmaschine Bild vergrößern

Ali hat seine Begeisterung fürs Nähen entdeckt

Allerdings: „Wir haben auch viele schöne Erinnerungen an unsere Familien und unsere Heimat“, sagen die Jugendlichen. Und das sie nicht nur (Deutsch) lernen müssen, sondern auch schon viele Fähigkeiten und Fertigkeiten mitbringen. So wie Mohammad, der handwerklich geschickt ist und dem Haus- und Dorfmeister bei vielen Arbeiten unter die Arme greift. Ein Jugendlicher hat den Sprung in die Selbstständigkeit bereits mit Bravour geschafft: Er wohnt mittlerweile am Chiemsee. Für etliche andere Flüchtlinge, die der stationären Betreuung inzwischen entwachsen sind, sucht Moritz derzeit intensiv nach Wohnungen.  

Die zu betreuenden Flüchtlinge werden immer jünger

Bis zum Ende des Jahres werden noch weitere unbegleitete Minderjährige im Landkreis Landsberg erwartet. Moritz rechnet mit bis zu 120 Flüchtlingen, die dann zu betreuen sind: In Landsberg, Denklingen, Issing, Hagenheim und künftig auch in Kaufering und Dießen, wo eine interkulturelle Begegnungsstätte geplant ist. Und die Flüchtlinge werden immer jünger. Waren es bislang vor allem Teenager, so kommen demnächst auch „Acht- bis Zehnjährige“ an, so Moritz, darunter viele Mädchen.
Die Chancen, dauerhaft in Deutschland bleiben zu können, stehen gut für die Flüchtlinge. Denn sie stammen allesamt aus Ländern, in denen kriegsähnliche Zustände herrschen. Zwei Minderjährige haben bereits das Asylverfahren erfolgreich durchlaufen und können nun ihre Familien nachholen, erzählt Moritz. Sie sieht das wie SOS-Kinderdorfleiter Erich Schöpflin positiv – gerade angesichts des Fachkräftemangels und der demografischen Entwicklung in Deutschland. Auch Jugendamtsleiter Rasch meinte, wenn die Jugendlichen schnell beruflich Fuß fassen, leisteten sie über Arbeit und Steuern „ihren Beitrag zum Gemeinwohl“.

 


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