Menschlichkeit ist das Wichtigste

Kinderärztin Katalin Berend mit einem Kleinkind bei der ärztlichen Untersuchung

Die 71-jährige pensionierte Kinderärztin Katalin Berend ist freiwillige Helferin im Flüchtlingscamp im ungarischen Bicske. Das Wichtigste hier, sagt sie, ist, menschlich zu bleiben. 

„Es geht meist darum, saisonale Infektionen zu behandeln und um Vorsorgeuntersuchungen”, so beschreibt Katalin Berend ihre Arbeit in Bicske. „Wenn das Wetter gut ist, gibt es weniger Arbeit.”

Kinder, die zur Schule gehen, müssen auf verschiedene Krankheiten untersucht werden, zum Beispiel auf HIV sowie Hepatitis B und C. „Die Flüchtlingslager, in denen die Flüchtlinge vorher untergebracht waren, haben wirklich gute Arbeit geleistet. Die Impfungen sind auf dem aktuellsten Stand, wir müssen nur dranbleiben und die Arbeit fortsetzen.”

Die größte Herausforderung sei allerdings, gute Übersetzer dabei zu haben. „Ohne Übersetzer funktioniert es nicht“, sagt Katalin Berend. „Wenn ich etwas falsch verstehe, kann es sein, dass ich einen dummen Fehler mache, vielleicht sogar einen schwerwiegenden Fehler. Deshalb ist es so wichtig, gute Übersetzer an seiner Seite zu haben. Denn Fehler können schon dann passieren, wenn Arzt und Patient dieselbe Sprache sprechen.“

Bicske gibt es bereits seit 1989. Es zählt zu den ältesten Flüchtlingscamps in Ungarn. Im vergangenen Jahr kamen hier insgesamt 15.000 Menschen unter. Da Ungarn aber nicht als Zielland für Flüchtlinge gilt, blieben sie im Schnitt nur zwei bis drei Wochen in Bicske. Trotzdem ist das Lager oft überlaufen. Dann werden auch mehr Ärzte gebraucht.

Kinderärztin Katalin Berend bei der Untersuchung Bild vergrößern
„Ich habe bislang noch nie als Freiwillige gearbeitet. Als ich aber im vergangenen Jahr in den Ruhestand gegangen bin, habe ich mir überlegt, dass ich das doch jetzt machen könnte”, sagt Katalin Berend.  Einmal pro Woche geht sie zusammen mit Übersetzern und Sozialarbeitern von SOS-Kinderdorf nach Bicske. „Es gibt eine bestimmte Lebensphase, in der Du freiwillige Arbeit leisten solltest“, sagt Berend. „In Ungarn ist es nicht ungewöhnlich, dass Ärzte in meinem Alter noch arbeiten. Viele meiner Kollegen tun das und ich mache mit.“

Angefangen hat Katalin Berend als Freiwillige, inzwischen ist sie fest bei SOS-Kinderdorf Ungarn angestellt. Es gibt einfach so viel zu tun. Arbeit bedeutet für Katalin aber nicht einfach Arbeit. Für sie heißt es, Menschen zu helfen. Menschen, die schon viel erlebt haben. „Einmal habe ich ein Kind mit schweren Schlafproblemen behandelt. Es stellte sich heraus, dass die gesamte Familie von der Türkei aus in einem Boot geflüchtet und ins Meer gefallen war. Sie mussten anschließend erst einmal wieder aufgewärmt werden. Kein Wunder, dass das Kind Schlafprobleme hatte.”

Abgesehen von der Behandlung ihrer Krankheiten unterstützt Katalin Berend unbegleitete minderjährige Flüchtlinge bei ihren Asylantragsverfahren, insbesondere wenn es darum geht, ihr wirkliches Alter zu bestimmen. „Die Polizei akzeptiert zwei Verfahren: das chronologische Alter und das Handknochenalter. Das ist auch in Ordnung so”, sagt sie. „Allerdings sollten wir auch beachten, ob sich jemand mental genauso entwickelt hat wie seine Knochen. Der mentale und psychologische Zustand muss daher ebenso berücksichtigt werden.”

Als ich gefragt wurde, warum ich in Bicske arbeiten will, habe ich gesagt: „Ich weiß nicht, wie schwerwiegend die gesundheitlichen Probleme der Menschen sind. Aber die Hauptsache ist doch, freundlich zu den Menschen zu sein. Ein freundlicher Umgang mit Kindern ist das Wichtigste bei einer ärztlichen Untersuchung. Wenn Du nett bist, haben die Kinder auch keine Angst vor dem Arzt. Die Aufgabe eines Arztes ist nämlich überall gleich: menschlich zu sein.”