Schritt für Schritt in die Demokratie

Demokratie-Workshop Gruppe

In einer israelisch-deutschen Kooperation wurde eine neue Art von Workshops entwickelt: Ganz praktisch werden jugendliche Flüchtlinge bei ihrem Weg in die Demokratie begleitet. An diesem Wochenende war Startschuss.

Wie lebt man Demokratie?

Jugendliche erzählen von ihren Erfahrungen Bild vergrößern

Die Jugendlichen, die an diesem Wochenende im großen Versammlungsraum der Sudbury Schule Ammersee zusammengekommen sind, haben in ihrem bisherigen Leben vor allem erfahren, was Demokratie nicht ist. „In meiner Heimat ist der Präsident seit 25 Jahren an der Macht, ohne dass er gewählt wurde“, erzählt ein Jugendlicher aus Eritrea. „Ich war dreimal in der 9.Klasse, obwohl ich nicht dumm bin. Nur, wer Geld hat, kann bei uns einen Schulabschluss machen“, sagt ein anderer aus Syrien. Und Ahmed aus Somalia erzählt, dass in seinem Land nur diejenigen gute Jobs bekommen, die der richtigen Familie angehören.

Die meisten der 17 Jugendlichen, allesamt minderjährig und ohne Familie in Deutschland, sind aus diesen Gründen geflohen: Weil sie Gerechtigkeit und Freiheit erfahren und in Sicherheit leben wollen. Sie haben ihre Heimat in Eritrea, Afghanistan, Irak, Syrien, Somalia und Gambia verlassen, eine gefährliche, oft mehrjährige Flucht auf sich genommen, viele saßen im Gefängnis, viele haben körperliche Gewalt erfahren. 

Demokratie-Workshops

Mit den Demokratie-Workshops, die in dieser Form wohl einmalig in Deutschland sind, sollen sie dabei unterstützt werden, Demokratie ganz praktisch zu leben. Die ursprüngliche Idee dazu hatte Dr. Dan Shaham, Generalkonsul des Staates Israel. „Demokratie ist keine Selbstverständlichkeit, sondern ein Prozess.“ Sein Wunsch ist es, die Werte, nach denen Deutsche und Israelis leben, auch mit jugendlichen Flüchtlingen teilen zu können.

Im Herbst stellte der Generalkonsul Vertretern der Sudbury Schule seinen Plan vor. Sie erschienen ihm prädestiniert dafür, diesen umzusetzen. Die Sudbury Schule gehört zu den sogenannten demokratischen Schulen: Kinder und Jugendliche entscheiden hier selbst, was und wie sie lernen. Außerdem treffen sie alle Entscheidungen gleichberechtigt mit den Mitarbeitern. Demokratie ist hier also kein Unterrichtsfach, sondern täglich gelebte Praxis.

Erich Schöpflin Bild vergrößern

Eich Schöpflin, der an diesem Tag 65 Jahre alt wurde.

Bald waren als weitere Mitstreiter Thomas Eichinger, Landrat von Landsberg, und Erich Schöpflin, Leiter des SOS-Kinderdorfs Dießen, das sämtliche unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge des Landkreises betreut, gefunden. Man einigte sich schnell und mit Enthusiasmus. An diesem Freitag schließlich wurden die Workshops  bei bestem Sommerwetter im Garten der Schule mit einer kleinen Feier eröffnet. Auch Mitarbeiter der Sudbury Schule Jerusalem, Shoshana und Naftali Sappir, waren gekommen, um die Workshops zu begleiten. Erich Schöpflin betonte, dass dieser Schulterschluss bereits die erste Botschaft sei: „Integration bedeutet Vernetzung, viele müssen dazu beitragen, damit sie gelingt!“

Die Sudbury-Schule Ammersee als Vorreiter des Demokratie-Programms

Der Generalkonsul und der Landrat Bild vergrößern

Dr. Dan Shaham (Generalkonsul)  und Thomas Eichinger (Landrat von Landsberg)

Generalkonsul Dr. Dan Shaham freut sich sehr, dass die Sudbury Schule Ammersee Vorreiter des Demokratie-Programms ist. Gute Partnerschaften wie die der Sudbury Schulen Ammersee und Jerusalem seien ideale Träger für solche Projekte. „Sie haben tägliche Erfahrung damit, Kindern und Jugendlichen das Konzept der Demokratie nahe zu bringen. Die enge Verbindung und Freundschaft der beiden Sudbury Schulen hat es ermöglicht, das Konzept für die jugendlichen Flüchtlinge so rasch ins Leben zu rufen.“

Landrat Eichinger erklärte frei nach Churchill, dass Demokratie unter allen Staatsformen die beste sei. Unterschiedliche Meinungen dürften sein, es komme darauf an, diese auszuhalten. „Insofern könnten wir alle solche Workshops gebrauchen.“

Generalkonsul Shaham berichtete aus seiner eigenen Geschichte, von seinen Eltern, die aus Marokko nach Israel geflohen waren. Er nannte die Jugendlich Freunde aus aller Welt.

Der Weg der demokratischen Schule

Schülerin führt durch die Schule Bild vergrößern

Shoshana und Naftali Sappir, Mitarbeiter der israelischen Sudbury Schule in Jerusalem schilderten, wie die demokratische Schule ins Leben gerufen wurde: Die Jüdin Hannah Greenberg, deren Vater vor den Nazis aus Deutschland fliehen musste, gründete gemeinsam mit ihrem Mann Daniel die erste Sudbury Schule in der Nähe von Boston, USA. Von dort verbreiteten sich die Schulen, bald wurden Schulen in Israel, dann auch in Deutschland gegründet. Dass nun gerade in Deutschland im israelisch-deutschen Schulterschluss Jugendliche unterstützt werden, die wie Hannah Greenbergs Vater damals aus ihrer Heimat fliehen mussten, ist umso bemerkenswerter. „Es hat sich heute ein Kreis geschlossen“ sagte der Generalkonsul.

Die Resonanz zum Workshop ist durchweg positiv

Gleich am ersten Workshoptag war spürbar: Die Jugendlichen, die gemeinsam in einer Wohngruppe in Kaufering leben, wollen lernen, wollen ankommen, wollen beitragen. Viel wurde über Werte und Bedürfnisse gesprochen, über Freiheit und Grenzen und was es bedeutet, respektvoll miteinander umzugehen. Sudbury-Mitarbeiterin Gerlinde Rüdinger-Wagner, die den Workshop gemeinsam mit ihrem Kollegen Alexander Wiedemann leitete, betonte: „Ich finde wichtig, dass den Jugendlichen bewusst ist, wieviel sie an Kompetenz, Wissen und Erfahrung schon mitbringen. Da ist so viel da!“

Für die Mitarbeiterin der Sudbury Schule ist Vertrauen die Basis von Demokratie. „Ohne Vertrauen lernen wir nichts voneinander! Aber, wenn jeder sein darf, wie er ist, mit seiner Einzigartigkeit und seiner Geschichte, wenn Andersartigkeit nicht mehr als Problem gesehen wird, dann entsteht Gemeinschaft und gegenseitige Bereicherung.“

Auch die Betreuer der Jugendlichen nehmen mit großer Offenheit am Workshop teil. Es sei nicht immer einfach, unterschiedliche Bedürfnisse unter einen Hut zu bringen oder die Jugendlichen dabei zu unterstützen, Verantwortung zu übernehmen, sagt Teamkoordinatorin Katrin Borek. Hier sei man für Hilfe dankbar. Die Jugendlichen ihrerseits bringen die Frage auf, wann sie selbst Entscheidungen treffen können und wann die Betreuer verantwortlich sind.

Am Ende des ersten Tages laden die syrischen Jugendlichen die israelischen Sudbury-Mitarbeiter für den Abend zum Essen ein und die Betreuer aus Kaufering sind berührt davon, dass die Jugendlichen so offen wie nie miteinander gesprochen haben. Am nächsten Workshop-Tag will man bei den ganz alltäglichen Themen weitermachen: Wie stellt man gemeinsam Regeln auf? Wie kann es mit dem Putzen besser laufen? Ganz konkret.

Die nächsten Wochen

Demokratie ist nicht für jeden selbstverständlich Bild vergrößern

In den nächsten Wochen gilt es, die Jugendlichen auf ihrem Weg in die Demokratie weiter zu begleiten und auch Erfahrungen mit dieser neuen Art von Workshop zu sammeln. Kinderdorf-Leiter Schöpflin sprach bei der Eröffnungsfeier die Hoffnung aus, dass hier eine Keimzelle gelegt werde. Auch alle anderen Beteiligten signalisierten: Die Bereitschaft ist da, dem ersten Workshop weitere folgen zu lassen.

Dem Generalkonsul ist diese Art der deutsch-israelischen Kooperation besonders wichtig. „Unsere beiden Länder, die im letzten Jahr ihr 50-jähriges Jubiläum diplomatischer Beziehungen gefeiert haben, konzentrieren sich nicht nur auf Wirtschaft und Politik, sondern verbinden Experten beider Länder miteinander, um Dritten zu helfen. So stelle ich mir die Zukunft der deutsch-israelischen Beziehungen vor“.  Dr. Dan Shaham erklärte, dass sich das Generalkonsulat auch in Zukunft für wertvolle Projekte wie dieses einsetzen möchte.

In einer israelisch-deutschen Kooperation wurde eine neue Art von Workshops entwickelt: Ganz praktisch werden jugendliche Flüchtlinge bei ihrem Weg in die Demokratie begleitet. An diesem Wochenende war Startschuss.