Das Mädchen mit dem Schluckauf – Hilfe für Clarissa

Gruppenfoto von Kindern, Betreuern und Tieren

Manchmal brauchen Psychologen tatkräftige Unterstützung von Vierbeinern, die ein kuscheliges Fell und große Augen haben. Denn Hunde und Pferde finden oftmals einen leichten Zugang zu seelisch verletzten und verschlossenen Kindern. Manchmal machen sie eine Therapie überhaupt erst möglich. Diese Tiergestützte Pädagogik wird auch bei den SOS Kinder- und Jugendhilfen (KJH) in Göppingen eingesetzt.

Portrait von Therapiehund Sheyna Bild vergrößern

Aufgeweckt und zutraulich: die Therapiebegleithündin Sheyna.

Als Clarissa die Hündin sieht, rennt sie los, steigt auf einen Stuhl und bekommt vor Schreck einen Schluckauf. Die Siebenjährige schaut ängstlich mit ihren großen dunklen Augen und dreht mit den Fingern nervös in ihren schwarzen Locken. Beruhigen lässt sich Clarissa zunächst auch nicht von Corinna Krämer (27), Sozialpädagogin und Besitzerin von Sheyna. Sie steht weiterhin auf dem Stuhl, hektisch hicksend, und blickt auf Sheyna und auf die anderen neun Kinder und Jugendlichen herunter. Dabei ist die Therapiebegleithündin Sheyna sehr feinfühlig und hat ein sanftes Gemüt. Genau deswegen setzt Corinna Krämer die Hündin mehrmals wöchentlich bei den KJH in Göppingen ein. Zum Beispiel jeden Montag von 16 bis 18 Uhr, also immer dann, wenn sich die Gruppe der Tierisch starken Kids trifft.

Unser gemeinsames Ziel

Vernachlässigte Kinder und Jugendlichefühlen sich geborgen und erhalten eine faire Chance

Wie wir das schaffen?

Wir helfen Kindern und Jugendlichen dabei, das Vertrauen in sich selbst und in ihre Fähigkeiten zu stärken und zu lernen, wie sie gut in Kontakt mit ihren Mitmenschen kommen können.

Die tiergestützte Pädagogik stärkt das Selbstbewusstsein der Kinder und Jugendlichen. Sie erhalten mehr Zutrauen in sich und ihr Umfeld, sie werden aufmerksamer und entwickeln ein stärkeres Gruppengefühl. Der behutsame und verantwortungsbewusste Umgang mit den Tieren sorgt dafür, dass sie sich auch gegenüber ihren Mitmenschen mehr öffnen und über ihre Probleme sprechen. Des Weiteren werden ihnen ihre Stärken besser bewusst.

Die SOS-Einrichtung in Göppingen wurde 1996 eröffnet. Die Angebote der Kinder- und Jugendhilfen (KJH) richten sich an Kinder und Jugendliche sowie an junge Erwachsene und Familien. Die Arbeit beginnt bei der Prävention und reicht bis zu langfristigen Hilfen bei tiefgreifenden Problemen. 32 Menschen sind in den KJH beschäftigt. „Bei uns arbeiten überwiegend Sozialpädagoginnen und Sozialpädagogen, aber auch eine Sozial-Psychologin, eine Soziologin und eine Traumatherapeutin“, sagt Monika Pandikow. Viele der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter haben eine systemische Zusatzausbildung zum Berater oder Familientherapeuten. Systemisch bedeutet, dass Probleme in ihrem Entstehungszusammenhang betrachtet werden. Der Fokus richtet sich also sowohl auf das Kind, als auch auf das familiäre Umfeld. Dabei wird nicht nur die Ursache für ein auffälliges Verhalten, wie zum Beispiel aggressive Überreaktionen, gesucht. Es werden auch andere Handlungs- und Reaktionsmöglichkeiten aufgezeigt und erarbeitet. „Wir thematisieren allerdings nicht in erster Linie die Probleme und Schwäche, sondern ganz bewusst auch die Stärken der Kinder“, betont Monika Pandikow. Viele, die zu uns kommen, können aufzählen, was sie alles nicht können. Aber ihre Stärken sind ihnen oftmals nicht bewusst. Wir versuchen den Selbstwert zu stärken, zeigen ihnen, worin sie gut sind und bauen die vorhandenen Stärken somit weiter aus.“

Des Weiteren bieten die KJH Göppingen auch Ambulante Hilfen zur Erziehung (HzE). Das sind Hilfestellungen für Familien, die intensiven Beistand brauchen, zum Beispiel wegen Erziehungsschwierigkeiten, Beziehungsproblemen, Geldsorgen, Erkrankungen, Vernachlässigung, Gewalt, Trennung oder dem Tod von Familienmitgliedern. Durch das SOS-Team begleitete Pflegefamilien nehmen Kinder und Jugendliche mit besonderen psychischen Belastungen auf. In einer Wohngruppe können Bewohnerinnen ab 16 Jahre ambulant betreut ins selbstständige Leben starten. Bei den HzE wird die Tiergestützte Pädagogik mit Hunden und das Heilpädagogische Reiten als ergänzende Unterstützung eingesetzt. Im Vorgespräch schildern die Kinder, Jugendlichen oder Eltern ihre Probleme, Ängste und Sorgen, formulieren Wünsche und setzen sich Ziele. Im Umgang mit den Pferden lernen sie Vertrauen aufzubauen, die eigene Körperhaltung zu verbessern sowie die Selbst- und Fremdwahrnehmung zu schärfen.

  • Frühe Hilfen mit Kindergartenkindern in der Einzel- und Kleingruppenföderung: Es umfasst einfach zugängliche Beratungs- und Begegnungsangebote für alle Eltern mit Babys und Kleinkindern
  • Beratung in aktuellen Krisensituationen und zum familiären Alltag
  • kostenlose Rechtsberatung für Kinder und Jugendliche durch ehrenamtlich aktive Rechtsanwältinnen und -anwälte
  • Schulsozialarbeit an insgesamt 18 Schulen im Landkreis Göppingen
  • Kinder- und Jugendarbeit mit einigen offenen Treffpunktangeboten in Mädchen-, Kinder- und Jugendtreffs

Balsam für die Seele

Kinder und Jugendliche mit Collage Bild vergrößern

Sheyna und Jolisa sind mittendrin und voll dabei.

Die Tierisch starken Kids gibt es seit August 2012. Hier erhalten Kinder und Jugendliche im Alter von sieben bis elf Jahren Anregungen und Hilfestellungen fürs Leben. Die sind auch nötig. Denn so unterschiedlich die Schicksale der Gruppenmitglieder sind, sie alle vereint: Sie haben in ihren noch jungen Leben teilweise sehr belastende Erfahrungen machen müssen. „Einige der Kinder hatten einen eher schwierigen Start ins Leben, manche haben körperliche oder seelische Verletzungen oder auch Vernachlässigung erlebt“, sagt Einrichtungsleiterin Monika Pandikow (46). Sie haben teilweise kein oder wenig Vertrauen in sich, ihre Fähigkeiten und in ihre Mitmenschen. Insbesondere seelische Belastungen können ein junges Menschenleben nachhaltig beeinträchtigen. Für diese Kinder und Jugendlichen eignet sich die tiergestützte Pädagogik mit Hunden und Pferden ganz besonders, die in den KJH Göppingen angeboten wird.

Türöffner der Herzen

„Die Tiere unterstützen uns in unserer pädagogischen Arbeit. Hunde wie Sheyna sind häufig der Türöffner im Kontakt mit den Kindern und Jugendlichen. Denn ihnen schenken die Kinder in anderer Weise ihr Vertrauen als Menschen. Sie können den Tieren zuflüstern, was sie sonst niemandem sagen würden“, erklärt Corinna Krämer. Die Hunde bewerten ihr Gegenüber nicht. Ihnen ist egal, wie die Kinder und Jugendlichen aussehen, ob sie eine Sprachstörung haben oder wie sie gekleidet sind. Allerdings reagieren sie sehr sensibel auf ihr Verhalten. Und das ist auch gut so. Denn so lernen die Kinder und Jugendlichen unmittelbar, was ihre Handlungen bei anderen auslösen. Auch die Sehnsucht nach Ruhe und Nähe kann durch das Streicheln und Kuscheln gestillt werden. Das klappt nicht immer auf Anhieb, so wie mit Clarissa, die bei der ersten Begegnung mit Sheyna vor Schreck auf einen Stuhl geklettert ist. Das macht sie auch bei ihrem zweiten Besuch bei den Tierisch starken Kids. Doch diesmal ist kein Schluckauf zu hören. Ein kleiner Fortschritt. Die Therapiebegleithündin spürt, dass sich Clarissa fürchtet und nähert sich ihr nur sehr behutsam. Sheyna weiß genau, was zu tun ist, das hat sie mit ihrem Frauchen Corinna Krämer in der Ausbildung als Therapiebegleithund gelernt. 

Geduldig und gehorsam

Die Hunde werden bei den Tierisch starken Kids ausschließlich von ihren Besitzerinnen eingesetzt. Denn der Mensch muss das Tier genau kennen und an der Körpersprache ablesen, wenn es mit einer Situation überfordert sein könnte. „Auch ein Hund hat mal einen schlechten Tag“, so Corinna Krämer. Und bei den Tierisch starken Kids müssen die Hunde viel Geduld aufbringen, in allen Situationen gelassen bleiben. Sie müssen gehorsam sein und auch mal die Ruhe bewahren, wenn es in der Gruppe hektisch zugeht oder laut wird. Die Kinder und Jugendlichen spielen mit den Hunden aber nicht nur in den Gruppenräumen, sondern auch viel an der frischen Luft.

Dinosaurier im Wald

Oft machen die Kinder und Jugendlichen Waldspaziergänge mit den Hunden. „Teilweise sind die Kinder das erste Mal in ihrem Leben in einem Wald. Ein neunjähriger Junge hat mich neulich gefragt, was wir machen, wenn jetzt ein Dinosaurier um die Ecke kommt“, erinnert sich Corinna Krämer. Eigentlich eine amüsante Anekdote. Doch sie zeigt, dass er so etwas Banales wie einen Waldspaziergang mit seinen Eltern noch nie gemacht hat. Diese Versäumnisse werden in den KJH Göppingen nachgeholt. Ebenso machen die Kinder verschiedene Übungen mit den Hunden. Zum Beispiel errichten sie einen Hindernisparcours, den sie mit den Hunden durchlaufen. Sie bauen Tunnel, stellen Hürden auf und markieren eine Slalom-Strecke. „So lernen sie, dass sie nicht nur auf sich selber, sondern auch auf andere achten und Verantwortung übernehmen müssen“, verdeutlicht Corinna Krämer.

Ängste überwinden

Portrait von Corinna Kraemer Bild vergrößern

Corinna Krämer, Sozialpädagogin und Besitzerin von Sheyna.

Die intensive, aber behutsame Arbeit mit den Tieren stärkt das Selbstbewusstsein der Kinder und Jugendlichen. Sie schult das Körpergefühl und die Wahrnehmung, aktiviert das Gruppengefühl und die Hilfsbereitschaft, steigert das Konzentrations- und Reaktionsvermögen und sie hilft bei der Sprachentwicklung. „Wer mit einem Hund herumtollt, denkt weniger über das nach, was er sagt. Es lockert die Zunge“, weiß Corinna Krämer. So auch bei Clarissa. Nach drei Wochen hat sie ihre Angst überwunden und steht nicht mehr auf einem Stuhl in den Gruppenräumen. Stattdessen streichelt sie Sheyna, spielt mit ihr und hat sich gegenüber den anderen Kindern und Jugendlichen geöffnet. Ein großer Erfolg, der neben der feinfühligen Arbeit der Sozialpädagoginnen auch Hündin Sheyna zuzuschreiben ist. Denn wenn sie die Kinder mit ihren großen Augen anschaut, freudig mit dem Schwanz wedelt und zu verstehen gibt, dass sie gestreichelt werden möchte, werden Kinderherzen weich. Wie das Herz von Clarissa.

Beruhigende Warmblüter

Im Rahmen der Tiergestützten Pädagogik gibt es neben sechs Therapiebegleithunden auch die drei Pferde Mökkur, Lorka und Dökkvi, die von Annika Feige eingesetzt werden. Sie leben in einem Reitstall in der Nähe von Göppingen. Vor allem die Mädchen sind begeistert von den Islandpferden. Sie kommen den Tieren Schritt für Schritt näher: Erst werden die Warmblüter gestreichelt, dann wird das Fell gestriegelt und anschließend reiten die Mädchen auf ihnen. Durch den Umgang mit den Pferden bauen die Kids ihre Ängste ab, sie öffnen sich und entwickeln Vertrauen in ihre Handlungen. „Pferde sind große Tiere, die zunächst einmal respekteinflößend sind. Doch die Ruhe und Wärme, die von ihnen ausgeht, ist wohltuend für strapazierte Kinder- und Jugendseelen“, sagt Monika Pandikow.

Mädchen und Pferd Bild vergrößern

An Therapiebegleitpferd Mökkur lehnt man sich gerne an.

Des Weiteren spüren sie instinktiv, wie es den Teilnehmerinnen und Teilnehmern geht und spiegeln deren Emotionen wieder: Ist der Mensch hektisch oder nervös, werden sie unruhig und drehen ihre Kreise auf dem Reitplatz im schnellen Galopp. Den Kindern und Jugendlichen wird somit ein Spiegel vorgehalten. Auf diesem Wege erfahren sie, was ihre Stimmungen bei anderen Lebewesen auslösen und können auf diesem Wege ihr Verhalten reflektieren. Sie lernen im Laufe der Zeit, sich und andere besser wahrzunehmen und in angemessener Art und Weise Kontakt zu anderen aufzunehmen. „Meist lassen sich dann im Laufe der Zeit schwierige Themen mit ihnen besprechen, denen sie sich zuvor verschlossen haben. Gewalterlebnisse oder familiäre Probleme etwa“, stellt Monika Pandikow fest.

Große Lernerfolge

Die Tiergestützte Pädagogik der KJH Göppingen wird durch Spenden- und Projektmittel finanziert. „Großspender haben wir derzeit allerdings nicht, eher einzelne Privatpersonen und Firmen, die uns hier unterstützen“, sagt Monika Pandikow. Und zwar Privatpersonen, wie Helga Liebig. „Anfangs habe ich immer mal wieder an SOS-Kinderdorf gespendet. Dann habe ich von der Fördermitgliedschaft erfahren und war begeistert von der Idee, langfristig zu helfen“, sagt die 52-jährige Lehrerin aus Herde. „Dank regelmäßiger Spenden können wichtige Projekte dauerhaft umgesetzt und geplant werden. Das gibt mir das gute Gefühl, effektiv zu helfen – und ich muss mich nie wieder um das Ausfüllen von Überweisungsbelegen kümmern“, erklärt Helga Liebig. Geholfen hat die Arbeit zum Beispiel auch Clarissa. Sie ist nun seit einem Jahr bei den Tierisch starken Kids, hat Ängste abgebaut und ist offener. Mittlerweile erklärt sie den neuen Gruppenteilnehmerinnen und -teilnehmern, worauf zu achten ist, wenn man mit den Hunden spielen oder Gassi gehen möchte. „Clarissa und Sheyna sind die besten Freunde geworden. Einen Schluckauf hatte sie schon lange nicht mehr“, sagt Corinna Krämer und lächelt zufrieden.

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