Freiraum und Sicherheit für Nils

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Die eigene Bude aufräumen, pünktlich auf Arbeit sein und am Wochenende Spaß haben: Nils' Leben ist gewöhnlich, und das ist etwas ganz Besonderes.

Eine Geschichte vom Selbständigwerden

Sein Handy? Das hat Nils eh meistens aus, sagt sein Vater Georg. Aber wenn es an ist, dann heißt das noch lange nicht, dass er rangeht, wenn seine Eltern anrufen. Georg und Barbara Peuntner müssen schmunzeln. Manchmal drückt er sie auch einfach weg. Immer dann, wenn Nils‘ Leben in der SOS-Dorfgemeinschaft zu spannend ist. Und das kommt recht oft vor.

Eine richtige Großfamilie: Die Peuntners mit Nils (Mitte) Bild vergrößern

Eine richtige Großfamilie: Die Peuntners mit Nils (Mitte)

Wenn die Peuntners von Nils erzählen, dann leuchten ihre Augen. Es ist dieser gewisse Blick, den Eltern haben, die stolz auf ihr erwachsenes Kind sind, das sein eigenes Leben führt. Was für die meisten Eltern selbstverständlich ist, ist es für die Peuntners nicht, denn Nils hat seit seiner Geburt eine Lern- und Denkbeeinträchtigung. Von den Eltern liebevoll umsorgt, kommt auch für Kinder mit geistiger oder seelischer Behinderung der Punkt, an dem sie sich abnabeln wollen. „Aus Kindern werden Erwachsene – das galt für Nils ebenso“, wissen Barbara und Georg Peuntner und erinnern sich: „Er war 20. Zu alt, um weiter zur Schule zu gehen, zu unselbstständig, um alleine zu leben.“ Dabei hatte Nils gerade erst gesehen, dass seine ältere Schwester ein Jahr in den USA verbrachte, dann in eine eigene Wohnung zog. „Das wollte er auch: arbeiten, ausziehen, mit Freunden weggehen, die Welt erleben“, erklärt Georg Peuntner.

Unser gemeinsames Ziel

Menschen mit Behinderung und Seniorenkönnen selbstbestimmt und mit Freude leben

Wie wir das schaffen?

Die drei SOS-Dorfgemeinschaften bieten Menschen mit körperlichen und seelischen Beeinträchtigungen einen Ort, an dem sie leben und arbeiten können – solange sie das wünschen. Rund 250 Menschen mit Behinderungen sind in den Dorfgemeinschaften zuhause und führen dort ein möglichst selbstständiges Leben.

  • Wohnen: Die Bewohner leben zusammen in Hausgemeinschaften von bis zu acht Bewohnern. Sie werden von einem Hauselternpaar betreut. Das Leben und Wohnen ist so gestaltet, dass jedes Mitglied sowohl Privatsphäre hat als auch Geborgenheit genießt und bestimmte Aufgaben übernimmt.
  • Arbeiten: Alle SOS-Dorfgemeinschaften sind zertifizierte Ökobetriebe, die Lebensmittel produzieren und handwerkliche Produkte in den dorfeigenen Werkstätten herstellen. Die Arbeitsbereiche für die Betreuten reichen von der Landwirtschaft über handwerkliche Tätigkeiten bis zur Arbeit im dorfeigenen Laden. Die überschaubaren Strukturen der Dorfgemeinschaften ermöglichen es den Bewohnern, in unterschiedliche Lebens- und Beschäftigungsbereiche hineinzuwachsen.
  • Kunst und Kultur: Das musisch-künstlerische Erleben und Gestalten ist ein wichtiger Bestandteil im Leben der Dorfbewohner. Regelmäßige Aufführungen selbst erarbeiteter Musik- oder Theaterstücke gehören ebenso zum Dorfleben dazu wie die Auftritte externer Künstler.

Ist eine SOS-Dorfgemeinschaft das Richtige für Nils?

Bei einem Besuch in Schweden machte eine Bekannte die Peuntners auf die SOS-Dorfgemeinschaften aufmerksam, in denen Menschen mit geistiger Behinderung zusammen leben und arbeiten. Georg Peuntner: „Wieder zurück in Deutschland haben wir uns gleich informiert und einen Film von SOS-Kinderdorf angeschaut.“ „Das war alles viel zu schön, um wahr zu sein“, sagt Barbara Peuntner. Neugierig fuhren sie gemeinsam mit Nils nach Grimmen-Hohenwieden. „Und ich war baff. Es war wirklich so, wie es in dem Video gezeigt wurde.“

Aber Peuntners hatten auch Zweifel. „Wir wussten nicht, ob wir Nils wirklich weggeben wollten, denn es ist etwas anderes, ein Kind loszulassen, das eine Behinderung hat“, so Georg Peuntner. „Viele Eltern denken erst über eine fremde Pflege nach, wenn sie selbst merken, dass sie sich nicht mehr lange um ihr Kind kümmern können. Das „Kind“ ist dann aber meist schon über 40 Jahre alt.“ Für Peuntners war klar: "Diesen Weg wird Nils nicht gehen!"

Video: Leben in der SOS-Dorfgemeinschaft Grimmen-Hohenwieden

Eine zweite Familie und ein eigenes Leben

Nils ist diesen Weg nicht gegangen, sondern in die Dorfgemeinschaft Grimmen-Hohenwieden. Das war vor 13 Jahren. Heute sind das Dorf und die Menschen dort Nils‘ zweites Zuhause. Hier lebt er zusammen mit seinen SOS-Hausbetreuern Christine Helle-Koch und Wilhelm Koch und sieben anderen Dorfbewohnern in einer von vier Hausgemeinschaften. Die Bewohner arbeiten in der Landwirtschaft, die der Dorfgemeinschaft angeschlossen ist, oder in einer der anderen Arbeitsbereiche der Werkstatt – zum Beispiel der Käserei, der Weberei, der Gärtnerei oder der Holzwerkstatt. Abends gibt es verschiedene Freizeitangebote, es wird getanzt, gesungen und es werden Ausflüge unternommen.

Ein Haus in der SOS-Dorfgemeinschaft Grimmen-Hohenwieden Bild vergrößern

Der SOS-Dorfgemeinschaft ist ein landwirtschaftlicher Betrieb angeschlossen.

In der Hausgemeinschaft hat jeder sein eigenes Zimmer, das er natürlich auch aufräumen muss. Gegessen wird gemeinsam. Die drei regelmäßigen Malzeiten gehören zum festen Tagesablauf. Jeder kennt im Haus seine Aufgabe. Alle tragen unter Anleitung ihrer Hauseltern zum Gemeinschaftsleben bei.

Christine Helle-Koch erzählt: „Nils muss morgens gar nicht geweckt werden. Mein Büro ist in der Nähe seines Bades. Er steht zwischen sieben und halb acht auf. Und wenn ich ihn unter der Dusche singen höre, dann weiß ich: Nils hat heute einen guten Tag!“ Um acht Uhr gibt es Frühstück in den Häusern der Dorfgemeinschaft. Um viertel vor acht trudeln bei den Helle-Kochs alle Bewohner in der Küche ein. Hier liegt auch immer die Tageszeitung. „Hier marschiert Nils als erstes hin“, weiß Wilhelm Koch und berichtet: „Er guckt, ob etwas über die Dorfgemeinschaft geschrieben wurde. Aber auch das TV-Programm, der Sportteil und vor allem Fußball interessieren ihn sehr.“

Hans-Peter Fromm, Einrichtungsleiter Dorfgemeinschaft Grimmen-Hohenwieden

„Dorfpaten geben uns ein Gefühl der Wertschätzung“

Hans-Peter Fromm leitet die SOS-Dorfgemeinschaft Grimmen-Hohenwieden. Im Interview erklärt er das pädagogische Konzept und erklärt, warum Patenschaften so wichtig für die Dorfgemeinschaft sind.

Würden Sie für uns kurz das pädagogische Konzept der Gemeinschaft Grimmen beschreiben?

Erwachsensein oder Erwachsenwerden bedeutet einen eigenen Lebensstil für sich zu erproben und zu finden. Die SOS-Dorfgemeinschaft bietet mit ihrem Umfeld, in dem individuelle und gemeinschaftliche Lebens-, Erlebnis- und Erfahrungsräume geschaffen werden, so viel Unterstützung wie nötig und so viel eigenen Freiraum wie möglich. Das Zusammenleben von Menschen mit und ohne Behinderung, die enge Verflechtung von Wohnen, Arbeiten und selbstgestalteter dörflicher Kultur bilden die Grundlage unseres Konzeptes. Dieses Zusammenspiel bietet überschaubare Abläufe und gesicherte Lebensrhythmen, die Orientierung bieten. Alle Betreuten können für sich verschiedene Lebensbereiche erproben, so in einem fortlaufenden Prozess an Selbstständigkeit und Selbstbestimmung gewinnen und dadurch ihren Platz im Leben finden.

Wann ist ein neuer Bewohner in Ihren Augen in der Gemeinschaft angekommen?

Ein neuer Bewohner ist für mich dann in der Dorfgemeinschaft angekommen, wenn für ihn tragfähige und verlässliche Beziehungen entstanden sind. Diese belastbaren Beziehungen sind dann die Basis für sein individuelles Maß an Selbstbestimmung und Selbstständigkeit. Sichtbar wird das unter anderem, wenn er für sich sagen kann „Ich fühle mich hier zuhause“. Und das unabhängig davon, ob er in einer Hausgemeinschaft, im Trainingswohnen oder in einer ambulanten Wohnform verortet ist. Im Arbeitsbe-reich zeigt sich dieses Angekommen sein, wenn ein neuer Bewohner mit Selbstsicherheit und Selbstbewusstsein beispielsweise von sich sagt „Ich bin Gärtner“ oder „Ich arbeite als Mitarbeiter in der Dorfmeisterei“.

Warum sind Dorfpaten für Grimmen aus ihrer Sicht so wichtig?

Dorfpaten geben uns als Mitarbeiter der SOS-Dorfgemeinschaft ein Gefühl der Wertschätzung unserer Arbeit. Gleichzeitig spüren wir die Verbundenheit der Dorfpaten mit unseren konzeptionellen Vorstellun-gen und unserer gelebten Realität des Zusammenlebens von Menschen mit und ohne Beeinträchtigungen und Behinderungen. Sie bestärken uns in unserem Engagement. Mit dieser finanziellen Unterstützungen schaffen wir ein hohes Maß an bedarfsgerechter Unterstützung bei der Gestaltung der Formen des Zusammenlebens, der Arbeit und unserer dörflichen Kultur, die durch die vereinbarten Leistungsentgelte der Kommunen nicht gedeckt ist.

Eine persönliche Frage zum Abschluss: Welche Grimmen-Momente sind für Sie als Dorfleiter die schönsten?

Jeden Freitagmorgen ist der Dorfkreis – die Zusammenkunft aller Menschen die hier leben und arbeiten – ein ganz besonderer Moment für mich. Unsere Betreuten berichten mit großen Selbstbewusstsein und großer Freude von ihren Erlebnissen in der zurückliegenden Woche und alle dürfen daran teilhaben und sich mitfreuen. Für mich als Einrichtungsleiter ist es immer eine ganz besonders berührende Erfahrung, wenn mir ein Betreuter sagt “Die Dorfgemeinschaft ist mein Zuhause“.

Anerkennung durch Andere

Nach dem Frühstück geht es für Nils in die Holzwerkstatt, denn zum Leben gehört auch die tägliche Arbeit. „Nils hat sich von Anfang an für alles Handwerkliche interessiert“, berichtet seine Mutter Barbara Peuntner. Aus neun Arbeitsbereichen konnte er wählen, welcher am besten zu ihm passt. Überall arbeiten die Bewohner unter Anleitung von Fachkräften.

Christian Korth, Ergotherapeut in der SOS-Dorfgemeinschaft Grimmen Bild vergrößern

Verstehen sich gut: Nils und Ergotherapeut Christian Korth. Der SOS-Pädagoge arbeitet seit mehreren Jahren in Grimmen und betreut unter anderem die Mitarbeiter in der Holzwerkstatt.

Christian Korth, Ergotherapeut in der Holzwerkstatt, begrüßt Nils per Handschlag. Der SOS-Pädagoge kennt Nils seit sechs Jahren und ist stolz auf dessen Entwicklung: „Nils macht sich besonders gut bei allen Maschinentätigkeiten und Zuarbeiten, denn er ist sehr umsichtig und bringt den Prozessen Respekt entgegen. Deshalb nehmen mein Kollege und ich ihn bei solchen Arbeiten sehr gern mit hinein.“ Dann schmunzelt Korth und fügt hinzu: „Nils stöhnt dann meistens erstmal, aber mit einem Lächeln im Gesicht, denn eigentlich genießt er das schon sehr.“

Der soziale Status innerhalb einer Gruppe spielt auch in der Dorfgemeinschaft eine wichtige Rolle. Nils versteht sich mit vielen Bewohnern sehr gut. Christian Korth: „Er ist aktuell in den Werkstattbeirat gewählt worden, eine Art Betriebsrat, der Themen, die die Bewohner beschäftigen, mit der Werkstattleitung diskutiert.“

"Das haben wir uns für unseren Nils immer gewünscht"

Ob Holzmöbel, Biogemüse oder Handgewebtes – die SOS-Dorfgemeinschaften sind bekannt für ihre guten Produkte. Aber die Pädagogen wollen den Bewohnern nicht einfach nur viele Fertigkeiten beibringen, sondern möchten, dass diese ihren eigenen Lebensstil für sich erproben und finden. Dorfleiter Hans-Peter Fromm: „Besonders schön und für mich emotional berührend ist es, wenn ein Bewohner von seinem Arbeitsbereich erzählt und dann mit großem Selbstbewusstsein sagt ‚Ich bin Tischler oder Gärtner oder Landwirt‘. Das zeigt mir, wie stark sich die Menschen, die wir betreuen, mit ihrer Arbeit und ihrem Leben hier in Grimmen identifizieren.“

Nils (l.) und seine Arbeitskollegen Bild vergrößern

Arbeitskollegen und Freunde: Nils (l.) hat in Grimmen schnell Anschluss gefunden.

Nils hat sich im Dorf mittlerweile einen eigenen Freundeskreis aufgebaut. Mit seinen Kumpels schaut er Fußball und Formel 1 oder sie fahren mit dem Bike durch die Gegend – typisch Männer eben. Und Frauen? Christine Helle-Koch verrät: „Nils ist verlobt!“ Mit Maria. Seine Freundin wohnt in der Hausgemeinschaft Nummer 4 und arbeitet in der Gärtnerei. Manchmal überzieht Nils wegen Maria die Mittagspause: „Dann kommt er mit dem Fahrrad gehetzt und das alles ist ihm dann immer sichtlich peinlich“, erzählt Christian Korth. Eine Situation, die so normal ist – und gleichzeitig so besonders. Ein Beruf, Freunde, Liebe: "Das haben wir uns für unseren Nils immer gewünscht", sagen Georg und Barbara Peuntner.

Die Dorfgemeinschaft lebt vom Engagement ihrer Unterstützer

Aus Dankbarkeit für Grimmen-Hohenwieden haben Nils Eltern begonnen, die Öffentlichkeit zu informieren und aufzuklären. Barbara Peuntner: „Die SOS-Dorfgemeinschaft braucht viel Unterstützung, denn alles dort wird zu einem großen Teil durch Spenden ermöglicht.“

Eine dieser Unterstützerinnen ist Susanne Erd (39). Die Reiseverkehrskauffrau las im Wartezimmer ihres Arztes einen Bericht über Grimmen-Hohenwieden und entschied sich, eine Patenschaft für das SOS-Dorf zu übernehmen, um dauerhaft zu helfen. Susanne Erd: „Ich bin dankbar, dass bei der Geburt meines eigenen Kindes alles so gut gegangen ist. Das Leben ist zerbrechlich und ich habe bisher einfach Glück gehabt. Jetzt kann ich etwas davon zurückgeben.“

Dieses Jahr sind Susanne Erd und ihre Familie zum Erntefest nach Grimmen-Hohenwieden eingeladen, dann werden sie auch Nils und die anderen Bewohner kennenlernen: „Wir freuen uns schon sehr auf alle“, sagt sie und fügt lächelnd hinzu: "Ein Sprichwort sagt: ‚Es braucht ein ganzes Dorf, um ein Kind groß zu ziehen‘. Es ist eine ehrenwerte Aufgabe, für andere da zu sein!“

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