Die Kinder des Taifuns – ein Happy End für Jay Keam

Jay Keam mit einer Narbe auf der Stirn

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Körperlich geht es Jay Keam wieder gut. Die Kopfwunde, die sich der Achtjährige zugezogen hat, als er im November 2013 vom Hochwasser mitgerissen wurde, ist fast verheilt. Nur eine kleine Narbe ist noch zu sehen. Doch die schrecklichen Erinnerungen in seinem Kopf wollten sich nicht vertreiben lassen – bis ein Nothilfeteam vor Ort auf eine ganz besondere Idee kam.

Eine SOS-Überlebensgeschichte

„Er ist seitdem nicht wieder in die Schule gegangen. Er kann einfach nicht“, erzählt Jean Sulvera, Jay Keams Mutter, dem SOS-Sozialarbeiter Edwin Ponce. Der Schulbetrieb im philippinischen Tacloban ist längst wieder aufgenommen, aber der Achtjährige hat noch nicht teilgenommen. Auch Jay Keams Cousin traut sich nicht mehr nach draußen. „Jedes Mal, wenn wir den beiden sagen, dass sie in die Schule gehen sollen, erstarren sie und fangen an zu weinen“, sagt Jean Sulvera. Und das liegt nicht daran, dass sie keine Lust haben zu lernen. „Ich wünschte, das wäre der Fall, aber so ist es nicht. Sie meiden die Schule, weil sie schlimme Erinnerungen an diesen Ort haben“, weiß Jean.

Jean Sulvera, Jay Keams Mutter Bild vergrößern

"Wir sahen Kinder, die von der Flutwelle mitgerissen wurden", sagt Jay Keams Mutter Jean.

Freitag, der 8. November 2013. Ein Tag, den kein Filipino jemals vergessen wird. In den frühen Morgenstunden erreicht Taifun „Haiyan“, auch bekannt als Yolanda, die Küste. Er zieht mit extremen Windböen von fast 300 Kilometern pro Stunde über den Inselstaat und lässt unfassbare Zerstörung zurück. Jay Keams Heimat, die Küstenstadt Tacloban auf der Insel Leyte, ist mit ihren 200.000 Einwohnern besonders stark betroffen. Eine Flutwelle schießt durch die Straßen, Häuser stürzen ein. An diesem Tag sterben allein in diesem Ort mehr als 6.000 Menschen, insgesamt verlieren 10.000 Filipinos ihr Leben. Rund 80 Prozent der Stadt werden zerstört. Tacloban gleicht einem Trümmerfeld.

Eine Stadt verschwindet

Zwei Monate später hat der Wiederaufbau zwar begonnen, aber tausende Familien haben alles verloren und leben in Provisorien aus Planen und Holzbrettern. Auch die drei Generationen der Familie Sulvera wohnen unter einem rostigen Wellblechdach. Eine notdürftige Unterkunft, gerade einmal 25 Quadratmeter groß. Es gibt kein fließendes Wasser, keine Toiletten, keinen Strom. Eine halbes Dutzend schmutziger Möbel stehen auf dem schwarzen, schlammigen Boden. Jeans Schwester Pamela trägt eine Plastiktüte auf dem Kopf, um sich vor dem andauernden Regen zu schützen. Die beiden Frauen versuchen ihre Kinder vom Spielen im Dreck abzuhalten - vergeblich.

Zwei Frauen laufen durch zerstörte Straßen

Taifun „Haiyan“ auf den Philippinen – Zahlen und Fakten zur Katastrophe

Der Taifun „Haiyan“, der auf den Philippinen „Yolanda“ heißt, brach am 8. November 2013 über die Menschen des Inselstaats herein. Er gilt als der stärkste Wirbelsturm aller Zeiten. Die Angaben zur Windstärke variieren. US-Meteorologen zufolge wurden Windböen mit einer Stärke bis zu 380 km/h gemessen. Bei Auftreffen an Land hatte der Sturm mindestens 235 km/h. Wer sich im Freien aufhielt, war in absoluter Lebensgefahr.

  • Tausende Menschen kamen bei der Katastrophe ums Leben. Viele wurden von herumfliegenden Gebäudeteilen verletzt oder sind in den Fluten ertrunken. In den ersten beiden Monaten nach dem Taifun schwankten die Angaben zu den Opfern stark. Nach den letzten Registrierungen wird die Anzahl der Toten auf circa 10.000 geschätzt.
  • 1,9 Millionen, darunter 800.000 Kinder, haben ihr Zuhause verloren. Viele wurden temporär in öffentlichen Gebäuden oder Kirchen untergebracht, unzählige Obdachlose harrten tagelang auf den Straßen aus, wo sie weiteren Regenfällen und Stürmen ausgesetzt waren. Rund 200 Familien hatten auf den Geländen der SOS-Kinderdörfer in Tacloban und Calbayog Zuflucht gesucht.
  • Rund 14 Millionen Menschen, so schätzt die UN, sind vom Taifun betroffen - also etwa jeder achte Einwohner der Philippinen. Die Taifun-Opfer, unter ihnen etwa fünf Millionen Kinder, haben Soforthilfen wie Lebensmittel, Wasser und Medikamente erhalten. Sie benötigen jedoch auch langfristige Unterstützung, z.B. therapeutische Betreuung, soziale Beratung und finanzielle Hilfe für den Wiederaufbau.
  • Mehr als eine halbe Million Häuser wurden zerstört oder durch die Taifun-Katastrophe stark beschädigt.
  • Auf der Insel Leyte ist die Stadt Tacloban mit ihren 200.000 Einwohnern besonders stark betroffen. Mit dem Sturm kam auch das Wasser: Der Sturm trieb vom Meer eine bis zu fünf Meter hohe Flutwelle vor sich her. Riesige Wellen spülten sogar große Schiffe an Land. Sintflutartige Regenfälle haben zusätzlich zu Überschwemmungen und Erdrutschen geführt. Das Hochwasser erreichte in der Stadt Tacloban einen Stand von bis zu 4,5 Metern. Rund 80 Prozent der Stadt wurden zerstört.

„Als der Sturm immer stärker wurde, hat man uns in Jay Keams Schule gebracht. Alle dachten, wir wären dort sicher. Aber das hat nicht gestimmt. Der Taifun kam und wir fühlten uns, als wären wir im Inneren einer Wäschetrommel. Die Kinder wurden herumgeschleudert. Einige von ihnen weinten und riefen nach ihren Müttern“, erinnert sich Jean. Eben noch im Redeschwall, gerät sie nun ins Stocken. Sie hat einen Kloß im Hals und ihre Augen füllen sich mit Tränen. Ihr Blick hat sich verändert. Er ist finster und versteinert. Voller Sorge betrachtet sie Jay Keam und beginnt zu flüstern: „Auf einmal gab es keine Schreie mehr. Es war schrecklich, auch weil wir die Kinder kannten. Sie waren unsere Nachbarn und einige von ihnen Jay Keams Klassenkameraden.“

Jay Keam mit verbundener Stirn Bild vergrößern

Jay Keam verletzte sich am Kopf, als er vom Hochwasser mitgerissen wurde.

Erst kommt der Taifun, dann drei Flutwellen und schier endloser Regen. „Das Wasser stieg immer höher und wir waren im Klassenzimmer gefangen. Um zu entkommen, mussten wir durch die Fenster tauchen. Das war unsere einzige Chance“, erinnert sich Jean. Nur mit Hilfe einiger Männer, die schwimmen können, schaffen es die Sulveras sich auf das Dach der Schule zu retten – obwohl auch das sehr riskant ist. Jean: „Als wir dort saßen, sahen wir immer wieder Kinder, die von der Flutwelle mitgerissen wurden. Sie klammerten sich an Metallstangen und Holzreste. Wir versuchten, so viele wie möglich zu retten und zu uns aufs Dach zu ziehen, und dann rutschte mein Jay Keam plötzlich ab.“ Der Achtjährige schlägt mit dem Kopf gegen das Schulgebäude und fällt in die Fluten. „Wie durch ein Wunder konnten wir ihn wieder hochziehen“, erzählt Jean unter Tränen. Aber als das Hochwasser Stunden später langsam abfließt, nimmt es auch Tacloban mit, das Zuhause der Sulveras und tausender anderer Filipinos.

Hilfe aus aller Welt

„Wir haben sofort mit der Nothilfe begonnen. Durch unsere jahrelange Erfahrung in der Aufbauarbeit konnten wir schnell beurteilen, was am dringendsten zu tun war“, erzählt SOS-Sozialarbeiter Edwin Ponce. „Die ersten Wochen herrschte Chaos und überall stank es nach Verwesung. Die Stadt war eine einzige Müllhalde!“

Rasch bemerken die Helfer vor Ort, dass Lebensmittel, Notunterkünfte und medizinische Versorgung hohe Priorität haben. Doch genauso wichtig ist, dass die ohnehin schon traumatisierten Kinder Taclobans im Zuge der Aufräumarbeiten keine weiteren Leichen zu Gesicht bekommen. „Wir mussten schnell Plätze schaffen, an denen die Kinder vom allseits präsenten Schrecken und Desaster beschützt wurden. Plätze, an denen sie sich sicher fühlen und spielen konnten. Wir mussten schnell handeln und improvisieren!“, erklärt SOS-Mitarbeiterin Rosebe Hilot. Also aktiviert sie mit ihren Kollegen ihr Netzwerk: Innerhalb einer Woche reisen dutzende freiwillige SOS-Helfer aus den acht philippinischen Kinderdörfern und aus der ganzen Welt an. Das gemeinsame Ziel: Taclobans Kinder beschützen!

Hilfsgüter werden geliefert

So hilft SOS-Kinderdorf in Tacloban

Unsere andauernden Aufbauhilfen vor Ort:

  • Betreuung und psychologische Begleitung: Das SOS-Team hat im Katastrophengebiet geschützte Bereiche für Kinder, sogenannte „child-friendly spaces“, eingerichtet. Mit Unterstützung von Erziehern und Psychologen verarbeiten die Kinder hier spielerisch ihre negativen Erlebnisse. Elf Kindertagesstätten sind in Tacloban und den benachbarten Gemeinden bisher entstanden. Aktuell betreuen die SOS-Teams mehr als 2.000 Kinder.
  • Wiederaufnahme des Schulbetriebs: Bildung ist für ein Kind der beste Weg aus einem Trauma und zurück zu einem geregelten Alltag. Die SOS-Teams haben provisorische Klassenräume geschaffen und den Unterricht wieder aufgenommen. Parallel dazu wird die SOS-Hermann-Gmeiner-Schule renoviert. Hier hatte der Taifun insbesondere Dachplatten, Fenster, Türen, Einrichtungsgegenstände und Möbel zerstört bzw. beschädigt.
  • Neuanfang für Taifun-Opfer: SOS-Kinderdorf unterstützt 200 Familien beim Wiederaufbau ihrer Häuser. Das SOS-Kinderdorf Tacloban wird neu aufgebaut.

Unsere Soforthilfe direkt nach der Katastrophe:

  • Lebensrettende Hilfsgüter: SOS-Mitarbeiter versorgen Kinder und Familien im Katastrophengebiet mit Trinkwasser, Nahrungsmitteln, Kleidung und Medikamenten.
  • Familienzusammenführung: Die SOS-Kinderdörfer arbeiteten mit Behörden und anderen Hilfsorganisationen zusammen, um vermisste Kinder ausfindig zu machen und wieder mit ihren Familien zu vereinen. Sie fanden temporär Zuflucht in den Familien- und Sozialzentren von SOS-Kinderdorf.
  • Schutz und Zuflucht: Kinder, die während der Katastrophe ihre Eltern verloren hatten oder im Chaos von ihnen getrennt wurden, wurden im SOS-Kinderdorf aufgenommen bzw. temporär betreut. Obdachlose Familien fanden Zuflucht und Beistand in den SOS-Familien- und Sozialzentren der Region.

Unterschlupf für Kinder

Kind mit Hula-Hoop-Reifen Bild vergrößern

Schon bald nach der Katastrophe schafften die SOS-Helfer Orte, an denen sich Kinder sicher fühlen und spielen konnten.

Beim Aufbau der ersten vier Schutzräume müssen die Nothilfeteams stark improvisieren. Planen werden als Dächer gespannt, provisorische Klassenzimmer eingerichtet, Bücher und Spielzeug aus den Trümmern geborgen und vom Schlamm gereinigt. Ausgerüstet mit Teddybären, Fußbällen, Hula-Hoop-Reifen und Malstiften warten die SOS-Mitarbeiter darauf, dass die Kinder bei ihnen Unterschlupf suchen. Und nach einiger Zeit kommen sie tatsächlich. „In den ersten Tagen hatten einige noch Angst, sich von ihren Eltern zu trennen“, erinnert sich Edwin Ponce. Aber viele Einwohner kennen SOS-Kinderdorf sehr gut – 93 Familien erhielten bereits vor dem Taifun regelmäßige Unterstützung über die SOS-Familienförderprogramme. Viele Kinder Taclobans gingen in die SOS-Hermann-Gmeiner Schule, die der Sturm jedoch ebenfalls zerstörte. Das SOS-Kinderdorf selbst bietet seit 40 Jahren den Waisenkindern der Region ein Zuhause. „Weil die Familien uns kennen, trauten sich nach und nach immer mehr Kinder auch allein bei uns zu bleiben“, so Ponce.

Überforderte Eltern

Aber nicht nur die Kinder brauchen Hilfe: „Ich weiß von einem Fall, in dem eine Mutter ihrer dreijährigen Tochter Fotos vom Taifun zeigte und meinte, dass der Sturm wiederkommen würde, wenn sie sich schlecht benähme. Fälle wie diese verdeutlichen, dass auch viele Erwachsene psychologische Hilfe benötigen“, erklärt Christian Katangkatang, freiwilliger Helfer der SOS-Kinderbetreuungsplätze.

Sumanta Kar, stellvertretender Nationaldirektor von SOS-Kinderdorf Indien, bestätigt: „Nach solchen Tragödien wie in Tacloban werden die Kinder oft vernachlässigt. Die Bedürfnisse der Jüngsten treten durch praktische Fragen wie die Suche nach Nahrung und Schutz in den Hintergrund. Viele Eltern sind schlichtweg überfordert.“

Wie geht es Jay Keam?

Auch die Sulveras müssen sich in den ersten Wochen um Lebensmittel und Medikamente kümmern. Ihr Haus wollen sie aus den Trümmern wiederaufbauen. Aber trotz Chaos und Arbeit bemerkt Jean, dass ihr Sohn Jay Keam immer stiller und ängstlicher wird. „Vor dem Taifun war es schwer, ihn vom Spielen nach Hause zu bekommen. Nun geht er gar nicht mehr hinaus. Außerdem weinen er und sein Cousin viel. Besonders schlimm wird es, wenn es regnet.“ Jean und Pamela beschließen, die Hilfe von SOS anzunehmen. Weil sich die Kinder nicht nach draußen trauen, besucht Sozialarbeiter Edwin die Jungen zu Hause. In seinem Rucksack hat er einen Fußball, aber auch zwei Schulbücher.

Der lange Weg zurück zur Normalität

SOS-Sozialarbeiter Edwin Ponce Bild vergrößern

Beinahe täglich besuchte SOS-Sozialarbeiter Edwin Ponce nach der Katastrophe Jay Keam und seine Familie.

„Wir haben die Sulveras und 200 weitere Familien in das SOS-Familienstärkungsprogramm aufgenommen“, erzählt Edwin. Drei Monate sind seit seinem ersten Besuch bei den Sulveras vergangen. Seitdem hat er die Familie beinahe täglich besucht: „Wir bauen neue Unterkünfte für die Familie und unterstützen sie gesundheitlich. Jeans und Pamelas Ehemänner können zudem gegen Bezahlung beim Wiederaufbau mitarbeiten und ihr Einkommen aufbessern“, erklärt der SOS-Sozialarbeiter. Und die Kinder? Der Fußball liegt noch vor der Hütte der Sulveras, aber Jay Keam und sein Cousin sind nirgends zu sehen.

„Die Jungs sind in der Schule“, sagt Jean und lächelt Edwin zu. Dann deutet sie auf die andere Straßenseite. Direkt gegenüber der Sulveras haben die SOS-Teams einen weiteren kinderfreundlichen Platz aufgebaut. „Wir haben provisorische Klassenräume errichtet. Die können genutzt werden, bis die SOS-Schule wiederaufgebaut ist“, sagt Edwin. Er möchte weitermachen und so vielen Familien wie möglich helfen. Doch um Tacloban wieder aufzubauen sind viel Zeit, Geduld und finanzielle Unterstützung nötig. Dass Jay Keam allerdings nach wenigen Monaten wieder ein halbwegs normales Leben führen kann, „das ist für mich unbezahlbar“, sagt seine Mutter Jean.

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