„Das verborgene Wort“ – eine Mutter für Farias

Zwei Freunde aus dem SOS-Kinderdorf in Burundi

So können Sie helfen:

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Große Augen, eine Hand auf der Tischplatte: Die Hand ist runzlig, die Haut trocken wie Pergament die Hand eines alten Mannes. „Er brachte keinen Ton heraus, das erschreckte uns am meisten“, erinnert sich SOS-Mitarbeiterin Aline. Obwohl er erst sechseinhalb Monate alt war, wirkte der kleine Farias wie ein Greis. „Wir machten uns ernsthaft Sorgen, dass er es nicht schaffen würde.“

Eine SOS-Überlebensgeschichte

Farias spielt mit Geschwistern und Freunden im Hof des SOS-Kinderdorfs Rutana in Burundi. Bild vergrößern

Immer in Bewegung: Heute lebt Farias mit fünf Schwestern und vier Brüdern in der Familie von SOS-Kinderdorfmutter Agnes.

Heute, fünf Jahre später, ist Farias voller Energie, wenn er mit seinen Geschwistern und Freunden im SOS-Kinderdorf Rutana auf dem Fußballplatz herumtobt. Seine Augen strahlen neugierig. Er redet schnell und liebt es, Geschichten zu erzählen. „Er ist ein kleines Wunder für mich“, lächelt Aline und streicht ihrem Schützling über die kurzgeschorenen Haare. Die 22-Jährige absolviert aktuell ihre Ausbildung zur Erzieherin und will anschließend selbst SOS-Kinderdorfmutter werden. Wie Farias, so weiß sie, ergeht es vielen Kindern des Landes.

Burundi liegt in Zentralafrika, am Taganjikasee, und grenzt an Ruanda, Tansania und die Demokratische Republik Kongo. Der Kleinstaat zählt zu den ärmsten Ländern der Welt: Etwa 35 Prozent aller Kinder sind unterernährt, rund 610.000 Kinder wachsen ohne Eltern auf. Farias hatte Glück: Er war nicht allein, er hatte noch seinen Vater. Als seine Mutter Kathy an Malaria starb, war Farias vier Monate alt. Sein Vater Moise arbeitete auf den Bananen-Plantagen der Umgebung und verdiente doch nie genug, um seine kleine Familie durchzubringen. Dazu kam die Trauer. In seiner Verzweiflung gab er Farias in die Obhut von Josephine, einer Nachbarin, die selbst vier Kinder hatte und den Säugling stillte. Doch ihre Muttermilch reichte nicht aus. Zwei Monate vergingen, in denen Farias zusehends schwächer und schwächer wurde. Ein Arzt? Unbezahlbar! Kurzerhand machte sich Josephine auf die Suche nach Hilfe. Keineswegs ein einfacher Schritt in Afrika …

Straßenkinder: der Kampf ums Überleben

Burundi: Eine Frau füttert ihre Ziegen vor dem Haus. Im Hintergrund stehen ihre sechs Kinder. Bild vergrößern

84 Prozent der Menschen in Burundi sind arm. Sie leben von der Landwirtschaft. Haustiere sind wertvoll, weil sie das Überleben sichern.

Die Menschen in Burundi kämpfen tagtäglich ums Überleben: Nicht selten lassen Mütter und Väter ihre Kinder zurück, weil sie sie nicht mehr ernähren können. Lebensmittel, Anziehsachen, Schulgebühren, Arztbesuche – all das, was uns so alltäglich erscheint, übersteigt die finanziellen Mittel vieler Familien. „Sechs bis elf Kinder pro Familie – das ist hier nichts Ungewöhnliches“, erklärt Aline. „Die Frauen werden häufig schon als Mädchen schwanger.“ Die Folge: Tausende Kinder leben in Burundi auf der Straße, allein oder in Gruppen. Um zu überleben, arbeiten sie als Straßenverkäufer, betteln oder werden zur Prostitution gezwungen. Zur Schule gehen die wenigsten.

„In den afrikanischen Ländern ist die Familie ganz wichtig. Ein Kind ohne Familie ist nichts wert. Gar nichts“, erläutert Aline die Teilnahmslosigkeit der meisten Erwachsenen. „Die Familie ist der Mittelpunkt. Nur sie bietet Schutz und Rückhalt.“ Hunger, verschmutztes Wasser und ein Mangel an ärztlicher Betreuung sind dafür verantwortlich, dass Jahr für Jahr unzählige Kinder an Malaria, Durchfall, Lungenentzündung oder AIDS sterben. Dazu kommt, dass die Eltern traditionell häufig Hilfe bei Medizinmännern suchen und ihren Nachwuchs nicht ins Krankenhaus bringen. Geschätzt eine Million Menschen in Burundi waren noch nie beim Arzt. Neben Malaria ist vor allem HIV ein zentrales Problem, das nicht mit überlieferten Heilmethoden bekämpft werden kann.

Unser gemeinsames Ziel

Kinder in den ärmsten Regionen der Weltdürfen in eine lebenswerte Zukunft starten

Wir helfen Hunderttausenden von Kindern durch Betreuungs-, Bildungs- und Gesundheitsprogramme:

Betreuung: 
Millionen Kinder auf der ganzen Welt leben aus verschiedenen Gründen ohne die liebevolle Fürsorge einer Familie. Ursachen sind unter anderem Armut und ihre Begleiterscheinungen, Krankheiten, häusliche Gewalt, Kriege oder Naturkatastrophen. Wir arbeiten seit über 60 Jahren gemeinsam mit Partnern daran, dass Familien in der Lage sind, sich um ihre Kinder zu kümmern, oder dass es Alternativen wie zum Beispiel eine SOS-Kinderdorf-Familie gibt.

Bildung:
Viele Kinder in armen Ländern brechen die Schule ab, um zu arbeiten und damit die Familie zu unterstützen. SOS-Kinderdorf entwickelt deshalb verschiedene Bildungsangebote und hilft Eltern, ihre Kinder im schulischen Bereich zu unterstützen. Wir stellen Schulen und Kindergärten zur Verfügung, wenn dies den lokalen Behörden nicht möglich ist oder die existierende Infrastruktur unzureichend ist.

Gesundheit:
Unterernährung und die Folgekrankheiten sind in armen Ländern die häufigste Todesursache von Kindern. Mit einer Kombination aus medizinischer Versorgung, Ernährungsprogrammen, Lebensmittelverteilung und Familienfördermaßnahmen konnten wir Kinderleben retten und die Lebensqualität von Zehntausenden von Menschen verbessern. Diese Hilfen stärken Gemeinden langfristig, sodass sie sich wieder selbst versorgen können.

SOS-Kinderdorf: Hilfe in der Not

SOS-medizinisches Zentrum Rutana: Ärzte und Pfleger untersuchen ein kleines Mädchen. Bild vergrößern

Retteten Farias das Leben: Die Mediziner im SOS-medizinischen Zentrum behandeln vor allem HIV-Infizierte und deren Familien.

38 Kilometer lief Josephine zu Fuß, bevor sie im September 2009 das SOS-Kinderdorf erreichte. Farias Gesundheitszustand war alarmierend: Er aß nicht, wog nur noch wenige Kilo und wurde sofort aufgenommen: Die ersten 14 Tage verbrachte das unterernährte Kind im SOS-Medizinischen Zentrum. Nachdem sich sein Zustand stabilisiert hatte, kam Farias in die Familie von SOS-Kinderdorfmutter Agnes.

„Er sah sich nur neugierig um und versuchte herauszufinden, was los ist“, erzählt Aline, die den Winzling vom ersten Moment an ins Herz geschlossen hatte. „Wir versuchten, ihm mit Spielzeug, Lächeln und kleinen Streicheleinheiten Töne zu entlocken. Keine Chance“, erinnert sich die SOS-Mitarbeiterin und für einen Moment huscht ein trauriger Schatten über ihr Gesicht.

14 Familienhäuser: ein neues Zuhause für 140 Kinder

Das SOS-Kinderdorf im Süden von Burundi entstand 2005 in Kooperation mit der Regierung. Waisenkinder aus der vom Bürgerkrieg zwischen den Hutu und der ethnischen Minderheit der Tutsi betroffenen Region finden hier ein neues Zuhause. Dorfmutter Agnes wohnt mit ihren zehn Kindern in Haus 11. Jeden Morgen kümmert sich Aline darum, dass alle rechtzeitig frühstücken, ihre Sachen packen und sich auf den Weg machen. „Unser Tag beginnt um 6 Uhr“, erklärt Aline. „Ich unterstütze Agnes, wo ich nur kann.“

Für die Mädchen und Jungen ist es ein großes Geschenk, zur Schule gehen zu dürfen. Nur so können sie später in der Hauptstadt Bujumbura studieren oder eine gute Arbeit finden, um ihre eigene Existenz aufzubauen. Doch daran denkt Farias jetzt noch nicht. Seit mehr als einem Jahr besucht er den SOS-Kindergarten: „Mir gefällt, dass ich mit anderen Kindern spielen und Lego-Häuser bauen kann“, sagt er vergnügt und kaut auf einem Buntstift. Am Nachmittag macht er sich mit Feuereifer an die Aufgaben für den nächsten Tag. „Morgens kann er es immer kaum erwarten, in den Kindergarten zu gehen“, erzählt Aline. „Er ist ein fröhliches Kind. Man muss ihn einfach liebhaben.“

Farias lernt sprechen

Damals, im Alter von sechs Monaten, sah das noch anders aus: Farias lächelte nicht, gab keinen Ton von sich. Seine Kinderdorfmutter Agnes verbrachte möglichst viel Zeit mit ihm. Im Krankenhaus führten die Ärzte regelmäßig Tests durch. Doch alles schien okay. Farias begann zu essen, seine Haut glättete sich allmählich. Zum Vorschein kam zarte Babyhaut. Mit elf Monaten dann die große Überraschung: „Mama“ und „Dada“. „Die ersten Worte. Es war wie ein Wunder“, sagt Aline, „wir waren überglücklich!“

SOS-Mitarbeiterin Aline hilft dem fünfjährigen Farias bei den Hausaufgaben. Bild vergrößern

Wenn er nicht gerade Hausaufgaben macht, lauscht Farias gerne Geschichten, die in Burundi häufig noch mündlich weitergegeben werden.

Ab diesem Zeitpunkt kamen täglich neue Wörter dazu. Heute hat Farias jede Menge SOS-Geschwister und Freunde. Er singt gerne und lässt sich von Agnes oder Aline Geschichten vorlesen. Wie viele Kinder hat er Spaß daran, sich eigene Geschichten auszudenken. „Am liebsten wäre er ein Superheld, der fliegen kann“, schmunzelt Aline. Farias' Vater kommt regelmäßig zu Besuch. Die beiden verbringen viel Zeit miteinander und stecken die Köpfe zusammen. „Ohne SOS wäre mein Sohn nicht mehr am Leben“, sagt Moise. Besonders freut sich Farias, wenn eine Postkarte aus Hamburg auf dem Küchentisch liegt. Und das passiert nicht nur zu Weihnachten, sondern häufig auch einfach so, zwischendurch. Es bedeutet, dass Anke Schuhmacher (44) ihn nicht vergessen hat.

Die SOS-Patin: eine ganz persönliche Geschichte

Im Gegenteil: „Farias ist mein Patenkind. Ich denke jeden Tag an ihn“, sagt die Junior-Professorin. Die Politikwissenschaftlerin und Historikerin hat sich viele Jahre mit der bewegten Geschichte der zentralafrikanischen Staaten beschäftigt und sich bei einem Kongress mit einer Kollegin von der Universität Burundi in Bujumbara angefreundet. Bis zur Unabhängigkeit 1961 waren Burundi und Ruanda Teil der deutschen Kolonie „Deutsch-Ostafrika“. „Die Menschen sind so herzlich hier. Sie haben mich vom ersten Moment an mit offenen Armen aufgenommen“, erinnert sie sich. „Da wollte ich etwas zurückgeben.“

Vor drei Jahren hat sie deshalb die SOS-Patenschaft für Farias übernommen. „SOS-Kinderdorf tut wirklich was. Und 31 Euro im Monat für Essen, Betreuung und Schulsachen finde ich nicht viel“, sagt sie. „Ich würde mich jedenfalls riesig freuen, wenn Farias später einmal studiert.“ Im September fliegt Anke Schuhmacher nach Burundi. Dann wird sie Farias zum ersten Mal besuchen und sich von ihm persönlich eine Geschichte erzählen lassen – die vom Superhelden, der fliegen kann, vielleicht.

Ein Arzt versorgt ein Baby im Arm seiner Mutter.

Seit 2008 arbeitet Gaudence Ndayishimiye als Kinderdorfmutter im SOS-Kinderdorf in Burundi. Sie erzählt uns, welche Rolle die Mütter in Burundi spielen, und was ihre Arbeit so besonders macht.

Wie wichtig sind Mütter in Burundi?

Sehr wichtig! Die Mütter sind der Grundpfeiler jeder Familie. Ein Zuhause ohne Mutter ist kein Zuhause. Um ein Heim zu gründen, braucht jeder Mann eine Frau. Wir Frauen sind in Burundi für Haus und Haushalt verantwortlich – insbesondere, wenn es um die Erziehung der Kinder geht.

Was macht dir an deiner Arbeit besonders viel Spaß?

Es macht mich glücklich, Waisenkinder zu betreuen. Das wollte ich schon immer. Ich gebe ihnen Liebe und versuche, die Wunden der Vergangenheit zu heilen. Ich ziehe sie auf. Ich bereite sie auf ihr zukünftiges Leben vor. Und ich lasse sie spüren, dass es kein Weltuntergang ist, ein Waisenkind zu sein. Ich selbst habe drei Kinder, drei Mädchen. Die Älteste ist 23 und die Jüngste 16.

Wie unterscheidet sich eine Kinderdorfmutter von anderen Müttern?

Der einzige Unterschied ist, dass du ein Kind aufziehst, das du nicht selbst zur Welt gebracht hast. Wir sind Mutter von Beruf und müssen über alle unsere Kinder Berichte schreiben. Wir tun unser Bestes, um ihre Herzen für uns zu gewinnen. Ich liebe meine Kinder und sie lieben mich. Es dauert ein bisschen, aber nach einer Weile öffnen sie sich und vertrauen dir ihre Geheimnisse, Träume und Ängste an.

Was war dein schönster Moment?

Seitdem ich Kinderdorfmutter geworden bin, gab es viele bewegende Erlebnisse. Der schönste Moment? Das ist wohl der Moment, wenn ein Kind, das ich aufgezogen habe, in die Welt hinauszieht und selbst Kinder bekommt. Wir können die leibliche Mutter zwar nicht ersetzen, aber wir können unseren Kindern Liebe geben, Zuwendung, eine Ausbildung und ihnen den Rücken stärken – ganz so, als ob sie unsere eigenen wären.

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