60 Jahre SOS-Kinderdorf - Drei Generationen an Spendern

Schon Michaela Harfsts Oma spendete für SOS-Kinderdorf

Schon Michaela Harfsts Oma spendete für SOS-Kinderdorf

Gastbeitrag von Michaela Harfst

Über 800.000 Menschen haben 2014 für SOS-Kinderdorf gespendet. Einer dieser Menschen ist meine Großmutter. Jedes Jahr spendet sie für SOS-Kinderdorf, denn sie ist selbst Vollwaise und hat deshalb ein ganz besonderes Verständnis für Kinder, die nicht in der Obhut ihrer leiblichen Eltern aufwachsen können.

Die Familie meiner Großmutter war in der Nähe von Danzig im heutigen Polen zu Hause. Meine Urgroßmutter starb früh, zu früh, als dass sich meine Oma an ihr Gesicht erinnern könnte. Mein Urgroßvater kam aus dem zweiten Weltkrieg nicht mehr nach Hause. Als 1945 der Krieg ein Ende fand und meine Oma sieben Jahre alt war, mussten sie und ihre Geschwister aus Westpreußen fliehen, wurden jedoch bei der Flucht getrennt.

Die Schwester und Brüder meiner Oma sind heute polnische Staatsbürger und sprechen nur ein paar Worte Deutsch, sie selbst hat es nach über einem Jahr Flucht nach Westdeutschland geschafft. Während dieser Zeit hat sie schreckliche Dinge erlebt, doch ihre Tante war währenddessen an ihrer Seite, hat sie beschützt und mit Nahrung versorgt, sie getröstet, wenn sie die Gräuel des Krieges nicht mehr ertragen konnte. Sie war wie eine Mutter für meine Oma und hat sich mit derselben Hingabe und Liebe um sie gekümmert wie um ihre eigenen Kinder.

Das Prinzip von SOS-Kinderdorf ist meiner Oma deshalb sehr wichtig. Die lange Zeit, in der sie während der Flucht in Zugcontainern oder Auffanglagern eingesperrt war, hat sich ihr ins Gedächtnis gebrannt. Bis heute ist sie dankbar, dass sich ihre Tante  ihrer angenommen und sie aufgezogen hat. Eine Familie ist wichtig für ein Kind, vor allem wenn es schlimme Erlebnisse verarbeiten muss.

Der Gründer von SOS-Kinderdorf, Hermann Gmeiner, wollte nach dem Krieg den Waisen mehr geben als nur ein Bett und eine Mahlzeit – er wollte ihnen eine Familie bieten. Deshalb gründete er am 08. Februar 1955 in München den SOS-Kinderdorf e.V., um so Kindern in Not ein Zuhause zu geben. Zwar entstand die Idee vor mittlerweile 60 Jahren, ist aber auch heute immer noch aktuell.

Lange nach dem Krieg hat meine Oma ein SOS-Kinderdorf in Norddeutschland besucht. Schon zuvor war sie Spenderin, doch nach diesem Besuch war sie vollends überzeugt, den kleinen Teil ihrer Rente, den sie entbehren kann, gut angelegt zu haben. Für meine Oma war es nicht nur eine gute Tat, sich für das Fortbestehen dieser Institution einzusetzen. Für sie war es eine Auseinandersetzung mit ihrer eigenen Vergangenheit.

Meine Eltern kennen die Geschichte meiner Großmutter. Und sie vertrauen auf die Arbeit von SOS-Kinderdorf. Deshalb spenden auch sie für die Kinder ohne Eltern, damit sie in Familien aufwachsen können, in denen sie Geborgenheit und Schutz finden.

Michaela Harfst und Ihre Eltern

Die Geschichte meiner Oma hat mich betroffen gemacht, als ich sie zum ersten Mal gehört habe. Als ich sie zum zweiten und dritten Mal gehört habe, als mehr Details dazukamen und kleine Anekdoten aus der Kindheit und Jugend, hat es mich noch trauriger gemacht, aber gleichzeitig bin ich sehr froh, dass meine Oma all das nicht allein durchstehen musste.

Auch heute verlieren viele Kinder auf der ganzen Welt ihre Familien, ihren Halt in der Gesellschaft. Sei es durch Krieg, Krankheiten oder durch soziale Armut, wegen Drogen oder Gewalt. Fakt ist, dass all diese Kinder Schlimmes durchgemacht haben. Ich weiß, dass ich mich glücklich schätzen kann, eine intakte und liebevolle Familie zu haben, die hinter mir steht und für mich sorgt. Das ist nicht selbstverständlich, weder damals noch heute – wir alle kennen Kinder, in deren Familien etwas nicht in Ordnung ist.

Deshalb möchte auch ich meinen sozialen Beitrag in dieser Gesellschaft leisten und zum Wohl derjenigen beitragen, die schutzlos und auf sich allein gestellt sind. Ich bin die dritte Generation in dieser Familie, die an die Arbeit von SOS-Kinderdorf glaubt. Unser Glaube daran ist notwendig, um Kindern eine Familie zu geben, wenn ihnen alles genommen wurde.

Der Krieg mag uns in Deutschland fern erscheinen, doch unsere Verwandten mussten ihn noch am eigenen Leib miterleben. Noch immer ergeht es vielen Menschen auf der ganzen Welt so. Seit 1955 sind in Deutschland 9.998 Kinder in einer SOS-Kinderdorf Familie aufgewachsen - das sind 9.998 Kinder, die nicht allein zurechtkommen mussten.

Nicht jedes Kind, das seine Eltern verliert, hat Familienangehörige, die sich kümmern können – so wie es bei meiner Oma der Fall war. Weltweit gibt es mittlerweile 555 Kinderdörfer, in denen Kindern ein neues Zuhause geboten wird. Leider sind das noch nicht genug, um für alle zu sorgen, die eine Familie brauchen. Deshalb ist SOS-Kinderdorf auf die Spende meiner Großmutter angewiesen, auf die meiner Eltern, auf meine und auch auf eure!

Über die Autorin:
Michaela Harfst ist 28 Jahre alt und veröffentlicht seit 2010 in ihrem Blog http://www.transglobalpanparty.com vegetarische und vegane Rezepte aus aller Welt sowie Reiseberichte von ihren Städtetrips, Wanderausflügen oder Fernreisen. Die studierte Kultur- und Sozialanthropologin engagiert sich beruflich seit einem Jahr bei der Nichtregierungsorganisation WDC (Whale and Dolphin Conservation) im Bereich Presse- und Öffentlichkeitsarbeit sowie Social Media. Aufgrund ihres familiären Bezugs zu SOS-Kinderdorf war es ihr auch ein persönliches Anliegen, diesen Gastbeitrag zu verfassen.