24. 06. 2016Quelle: Saarbrücker Zeitung vom 15. Juni, Ausgabe Merzig-Wadern, Autorin: Jasmin Kohl

Wo Kinder wertvolle Hilfe finden

Kindergruppe der Merziger Schalthaussiedlung beim Gemeinwesen-Treffpunkt

Für Kinder der Merziger Schalthaussiedlung ist der Gemeinwesen-Treffpunkt eine wichtige Anlaufstelle.

Der Gemeinwesen-Treffpunkt für die Schalthaussiedlung feiert am 9. Juli 20-jähriges Bestehen

Ferienprogramm, Hilfe beim Ausfüllen von Anträgen, Jugendberufshilfe, Sozialberatung, Schülerhilfe . . . Mit dem Gemeinwesen-Treffpunkt unterstützt das SOS-Kinderdorf Saar die Bewohner der Merziger Schalthaussiedlung im Alltag und steht ihnen zur Seite, wenn es darum geht, schwierige Situationen zu meistern. Dieses Jahr feiert der Treffpunkt sein 20-jähriges Bestehen.

„Mit dem SOS-Kinderdorf hat sich hier viel verbessert“, sagt Adelheid Pauly. Die 78-Jährige muss es wissen: Sie lebt seit über 40 Jahren in der Schalthaussiedlung. Im Jahr 1996 richtete das SOS-Kinderdorf mit dem Gemeinwesen-Treffpunkt eine zentrale Anlaufstelle für die rund 350 sozial benachteiligten Bewohner der Siedlung ein und trägt seither dazu bei, dass ihr Ruf als „sozialer Brennpunkt“ immer mehr verblasst. Zusammen mit vier weiteren Bewohnern ist Pauly in der Bewohnervertretung aktiv. Einmal im Monat findet ein festes Treffen mit den drei Mitarbeitern des Gemeinwesen-Treffpunkts, Sozialarbeiterin Maria Geissel, Sozialarbeiter Timo Wilhelm und Erzieherin Sandra Steffen, statt. Egal ob Ärger über Löcher im Gehweg oder Heizungsprobleme – die Anliegen und Probleme der Bewohner werden dabei thematisiert und man sucht gemeinsam nach Lösungen. Geissel, Wilhelm und Steffen stehen ebenfalls in enger Verbindung mit der Kreisstadt Merzig, die mit der Wohnungssiedlungsgesellschaft die 1928 erbaute Schalthaussiedlung betreibt. Auch die Organisation eines Runden Tischs, der Bewohnervertretung und Vertreter der Stadt zusammenbringt, liegt in ihrem Aufgabenbereich. „Manche Bewohner scheuen den direkten Kontakt zum Vermieter“, sagt Wilhelm. So steht er vielen als erster Ansprechpartner bereit. Es gehe aber auch darum, Missverständnisse zu klären und Aufklärung zu leisten. Denn nicht jede Beschwerde sei berechtigt. „Der Gemeinwesen-Treffpunkt ist in dieser Art einzigartig“, sagt Joachim Selzer, Leiter des SOS-Kinderdorfs Saar. Ähnliche Angebote gebe es zwar auch in anderen SOS-Kinderdörfern, aber eben nicht direkt in einer Wohnhaussiedlung. Das hänge mit der Geschichte der Schalthaussiedlung zusammen: Bevor der Gemeinwesen-Treffpunkt Einzug in die Siedlung fand, wurde bereits ein Gemeinschaftshaus vom Förderverein der Pfarrei St. Josef und der Kreisstadt Merzig sowie dem Landkreis Merzig-Wadern betrieben. Dort arbeitete jedoch nur ein Sozialarbeiter mit einer halben Stelle, der durch Ehrenamtliche verstärkt wurde. Als deutlich wurde, dass der Arbeitsaufwand dieses Format sprengt, kamen Stadt und Landkreis auf das SOS-Kinderdorf zu, das infolge die Trägerschaft übernahm: Der Gemeinwesen-Treffpunkt war geboren – der Start eines Erfolges. Von Montag bis Freitag hat er seither geöffnet. Neben individuellen Beratungen, wie zu den Themen Arbeitslosengeld und Jugendhilfemaßnahmen oder der Hilfestellung beim Ausfüllen von Anträgen, bietet er den Bewohnern bei einem offenen Frühstück die Gelegenheit zum Austausch. Auch Adelheid Pauly nimmt dieses Angebot gerne wahr und hat es vor eineinhalb Jahren sogar erweitert: Neben dem Gemeinschaftsraum im Erdgeschoss des Gemeinwesen-Treffpunkts hat sie eine kleine Tauschbörse für Kleidung, Dekoartikel und Haushaltswaren eingerichtet. „Wer etwas vorbeibringt, bekommt eine Tauschmarke und darf sich etwas aussuchen“, erklärt sie das System. Doch im Stich will Pauly, die von Bürgermeister Marcus Hoffeld gerne als „Bürgermeister der Siedlung“ bezeichnet wird, niemanden lassen. „Wer wirklich nichts hat, darf sich auch so etwas aussuchen“, sagt sie. Dem Steckenpferd des SOS-Kinderdorfs, die Kinder- und Jugendbetreuung, ist der Raum nebenan gewidmet. Montag bis Donnerstagnachmittag findet dort die Schülerhilfe statt. An einem der sechs Tische nehmen auch Chantal und Maurice Reimsbach regelmäßig Platz. „Ich kann mich da viel besser als zuhause konzentrieren“, sagt Maurice, der das Angebot zum Hausaufgabenmachen nutzt. Wenn es trotzdem einmal hakt, steht ihm einer der Treffpunkt-Mitarbeiter zur Seite. Ein weiteres Angebot organisiert der Gemeinwesen-Treffpunkt in der 800 Meter weit entfernten Grundschule St. Josef. Jeden Freitag nach Schulschluss findet dort die „Lernwerkstatt“ statt. Einer Gruppe von maximal acht Zweit- bis Viertklässlern zeigen Sozialarbeiter Wilhelm und Erzieherin Steffen mit verschiedenen Übungen, wie sie sich besser konzentrieren können und strukturiert arbeiten. „Wir stützen uns auf das Marburger Konzentrationstraining“, erklärt Steffen. Die Methode basiere auf Lob und Selbsteinschätzung, für die absolvierten Übungen geben sich die Kinder selbst Punkte, die sie später durch kleine Preise einlösen können. Bevor die Konzentrationsübungen beginnen, stehen aber Sport und Entspannung auf dem Programm. „Das kann Schattenboxen oder eine meditative Entspannungsübung sein“, sagt Sozialarbeiter Wilhelm. Dass die Angebote des Gemeinwesen-Treffpunkts Wirkung zeigen, merkt er übrigens nicht nur durch die positiven Rückmeldungen der Kinder und Familien: „Wir haben einmal einen Hinweis von einem Lehrer bekommen, der uns sagte, dass seit der Eröffnung des Gemeinwesen-Treffpunkts keine Kinder der Schalthaussiedlung mehr auf Förderschulen gehen“, freut sich Sozialarbeiter Wilhelm.

Hintergrund Das 20-jährige Bestehen des Gemeinwesen-Treffpunkts wird am Samstag, 9. Juli, mit einem Sommerfest auf dem Ediplatz in der Schalthaussiedlung in Merzig gefeiert. Von 14 bis 22 Uhr gibt es ein buntes Programm, an dem zahlreiche Initiativen und Vereine mitwirken. Unter anderem ist die Samba- und Tanzgruppe der Lebenshilfe Saar, das Zirkusprojekt LC Rehlingen und der russische Chor „Nadjeska“ dabei. Für Kinder gibt es Bastel-, Schmink- und Spielaktionen und bei einem Schätzspiel ist ein Fresskorb zu gewinnen. Ab 19 Uhr gibt es Tanzmusik mit Leo Bootz. Weitere Informationen unter Tel. (0 68 61) 7 36 96.