01. 07. 2012

Drei ungewöhnliche Großfamilien

Haus der SOS-Kinder- und Jugendhilfen Weilheim

In den SOS-Kinder- und Jugendhilfen Weilheim gibt es drei Wohngemeinschaften nur für Jungen. Sie finden hier Geborgenheit, individuelle Förderung und viel kreativen Freiraum

"Für mich ist das hier mein Zuhause, meine Familie“ – das ist für Florian völlig klar. Rund acht Jahre lang hat der heute 21-Jährige in einer der drei heilpädagogischen Wohngemeinschaften der SOS-Einrichtung gewohnt. Volljährig geworden, lebte er danach selbstständig in der Weilheimer Innenstadt und machte seine Ausbildung zum Verkäufer. Dabei ist der Draht zu seiner früheren WG nie abgerissen: „Ich konnte mich immer an die Betreuer wenden, wenn ich Rat oder Hilfe brauchte“, sagt Florian. „Das hat mir auch während meiner Ausbildung sehr geholfen.“

Jungen einer Wohngruppe der SOS-Kinder- und Jugendhilfen Weilheim Bild vergrößern

In den Wohngruppen der SOS-Kinder- und Jugendhilfen Weilheim finden die Jungen ein Zuhause.

Da sein, Halt und Geborgenheit geben, damit belastete junge Menschen die Chance auf ein gelingendes Leben erhalten: Darum geht es in den SOS-Wohngemeinschaften „Kompass“, Wirbelwind“ und „Gipfelstürmer“, die zusammen 30 Jungen Platz bieten. Die Weilheimer Wohngemeinschaften sind eine SOS-Facheinrichtung für jungenspezifische Pädagogik. Die Jungen leben jeweils zu acht in einer Gemeinschaft, betreut und begleitet von ihrem fünfköpfigen pädagogischen Fachteam. „Dabei verstehen wir uns alle, auch die Erwachsenen, als miteinander Lebende. Eben wie in einer Großfamilie“, sagt Bernhard Kuhn, Leiter der Wohngemeinschaften.
Zwar gibt es Dienstpläne, Freizeit und Urlaub, aber niemand kommt „zur Frühschicht“. Hier heißt es ganz familiär: „Wir sehen uns dann zum Frühstück!“ Abends werden die Jüngsten eingekuschelt. Während die Großen sich den Ärger mit der Freundin oder den Knatsch mit dem Ausbilder von der Seele reden können. Und weil in einer Familie jeder seinen Teil tun muss, treffen sich alle einmal pro Woche zur WGRunde. Gemeinsam klären die Jungen, wer zum Beispiel Spül- und Putzdienst hat, ob es irgendwelche Konflikte gibt und was sie am Wochenende unternehmen wollen.

Das eigene Zimmer – Freiraum und Rückzugsbereich

Jeder Junge hat sein eigenes Zimmer. Der jeweils Älteste wechselt dann in ein der WG angegliedertes Appartement, um das selbstständige Wohnen zu üben. Die Zimmer sind  Freiraum und Rückzugsmöglichkeit in einem. „Wenn die Jungen zu uns kommen, haben sie einschneidende Erlebnisse hinter sich“, erklärt Bernhard Kuhn. „Sie müssen im Trubel des WG-Lebens auch mal für sich sein dürfen.“ Um das Erlebte zu verarbeiten, um Ruhe zu finden – und den Mut, über das zu reden, was ihnen widerfahren ist. „Das fällt Jungen oft viel schwerer als Mädchen“, weiß Bernhard Kuhn. Da ist die Angst, als Schwächling gebrandmarkt zu werden. Als einer, der sich halt nicht richtig gewehrt hat und selbst mit schuld ist an dem erlittenen Unrecht, den Übergriffen oder Misshandlungen. Es dauert, bis wieder Vertrauen entsteht.

Pädagogin und Junge am Schreibtisch Bild vergrößern

Jeder Junge bekommt die Hilfe, die er braucht - hier hilft Pädagogin Tanja Kuhn bei den Hausaufgaben.

Bis die Einzelnen sich auf die Hilfeangebote einlassen können, die vor allem ein Ziel haben: jeden der Jungen individuell zu fördern, zu begleiten und fürs Leben stark zu machen. Dazu gehört auch, den Kontakt zu den leiblichen Eltern möglichst zu erhalten. Für weiter weg wohnende Eltern steht ein Gäste-Appartement zur Verfügung. So lässt sich die Begegnung der Familie erst einmal im geschützten Rahmen der SOS-Einrichtung gestalten. Überall in dem drei Wohnhäuser und ein Gemeinschaftsgebäude umfassenden Gebäudetrakt ist die Stimmung offen und positiv. „Alfred, hast du vielleicht noch eine Restplatte?“, fragt eben ein schlaksiger 15-Jähriger in der hauseigenen Schreinerei nach. Alfred Gugger, Schreiner und zugleich Hausmeister, nickt. Er freut sich, wenn die Jungen werkeln. Zum Beispiel bei ihm in der „Holzwerkstatt“, in der Werkstücke vom Frühstücksbrettchen bis zum CD-Halter im Gitarrendesign entstehen. Oder im Kellerraum mit der großen Modelleisenbahn: Die eindrucksvolle Anlage haben einige Jungs in vielen Arbeitsstunden zusammen mit Gugger aufgebaut. Ein paar Schritte weiter ist Pädagogin Tanja Kuhn aktiv: im „Atelier“, einem gemütlichen Raum voller Mal- und Bastelutensilien, zahlreichen fertigen oder auf ihre Vollendung wartenden Werken. Das Atelier steht – gegen einen kleinen Unkostenbeitrag – auch Kindern von außerhalb offen und ist sehr beliebt. Heute allerdings sind außer Sven, der eine Flagge im Miniaturformat malt, nur drei weitere WG-Bewohner da. Sie arbeiten unter lockerem Gewitzel an einem großen Bild in Kreidetechnik. Aus dem Weilheimer Atelier gehen übrigens nicht nur Werke für lokale Ausstellungen hervor. Auch Motive für die SOS-Weihnachtskarten sind hier schon entstanden.

Im Musikraum ist auch Raum für Gefühle

Wer Gefühle und Ideen lieber musikalisch umsetzt, hat dazu gleich neben dem Atelier Gelegenheit: Ob Schlagzeugunterricht oder Musikproduktion – im Musikraum ist vieles möglich. Mit Hilfe eines Profis haben die Jungen sogar ein komplettes Musikvideo erstellt. Es widmet sich dem Schicksal von Kindern und Kindersoldaten in den Kriegszonen dieser Erde („Wenn die Erde brennt“, zu sehen auf YouTube). Den Schlagzeugunterricht gibt ein Berufsmusiker. „Es ist toll, was es hier alles an Möglichkeiten gibt“, meint Florian. Der frühere WG-Bewohner gewinnt aktuell einen ganz neuen Blick auf das Leben in den SOS-Wohngemeinschaften: Er zählt nun zum Mitarbeiterteam, denn seit dem 1. Dezember 2011 macht er ein Jahr lang Bundesfreiwilligendienst in der Einrichtung. Eine gute Gelegenheit, meint er, um zu überlegen, wie es für ihn beruflich weitergehen soll. Und um selbst durch soziales Engagement „ein wenig zurückzugeben“.

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