28. 01. 2013

Großer Schritt in die Selbstständigkeit

Umstellung von Großfamilie im SOS-Kinderdorf fällt schwer

Das „Hotel Mama“ ist in Deutschland sehr beliebt. Junge Frauen ziehen im Schnitt erst mit 23,9, Männer gar erst mit 25,1 Jahren von zu Hause aus. Etwas anders sieht es da im SOS-Kinderdorf aus. In der Regel werden die jungen Erwachsenen mit Erreichen der Volljährigkeit flügge, weil dann auch ihre Jugendhilfemaßnahme endet. Von ihren SOS-Kinderdorfmüttern werden sie gut auf die Selbstständigkeit vorbereitet. Doch die Situation in der eigenen Wohnung ist dann doch oft ganz anders als gedacht, weiß Ann-Kathrin nun aus eigener Erfahrung.

Der Anfang war hart

Mit Erreichen der Volljährigkeit ist Ann-Kathrin aus dem SOS-Kinderdorf ausgezogen Bild vergrößern

Mit Erreichen der Volljährigkeit ist Ann-Kathrin aus dem SOS-Kinderdorf ausgezogen

Mit der Hausarbeit hatte Ann-Kathrin zwar keine Probleme, denn putzen, waschen, bügeln und kochen hatte sie bei ihrer SOS-Kinderdorfmutter Ute Starck gut gelernt. Doch die Umstellung von einer lebhaften fünfköpfigen Familie in die Abgeschiedenheit der eigenen vier Wände fiel ihr sehr schwer, zumal sie ein Mensch ist, „der unbedingt jemand um mich rum“ braucht.
Zwar bewohnt Ann-Kathrin die kleine Wohnung in Dießen zusammen mit einer ebenfalls im August volljährig gewordenen Freundin aus dem SOS-Kinderdorf. Doch die beiden jungen Frauen sehen sich kaum: „Wenn ich gegen sechs Uhr um zum Zug muss, schläft Petra noch und wenn sie abends so um 21 Uhr von ihrer Arbeit im Supermarkt nach Hause kommt, gehe ich schon bald ins Bett“, erzählt sie. Gemeinsam gekocht und gegessen haben sie in den vier Monaten seit ihrem Auszug nur ein einziges Mal, zum Ratschen bleibt pro Tag meist nur eine gute Stunde. „Das ist fast wie alleine wohnen“, sagt Ann-Kathrin.

Ute Starck liest den Kindern in der Vorweihnachtszeit vor. Bild vergrößern

Ein Bild von früher: SOS-Kinderdorfmutter Ute Starck liest den Kindern vor. 

In ihrer SOS-Kinderdorffamilie dagegen war ständig jemand da – und sei es nur die Katze, die Ann-Kathrin ebenfalls sehr vermisst. Die junge Frau war oft Ratgeber und Tröster für ihre jüngeren Kin-derdorfgeschwister. Und die rufen sie auch heute noch an, wenn sie Anliegen oder Fragen haben.

"Ich habe anfangs jedes Auto gehört"

Ann-Kathrins Besuche im SOS-Kinderdorf sind dagegen seltener geworden. Etwa alle zwei bis drei Wochen geht die gelernte Kinderpflegerin zum Vogelherd. Ansonsten ist sie ohnehin sehr beschäftigt mit Fahrstunden, Sport und ihren Freundinnen aus der Erzieherschule in Starnberg, die „echt heftig“ ist: „Wir hatten drei Wochen nur Schulaufgaben“, erzählt Ann-Kathrin, die oft den ganzen Abend und auch das Wochenende durch lernt.

Auf gute Nachbarschaft!

Wenigstens kann sie jetzt wieder schlafen. Anfangs lag sie nachts oft stundenlang wach, weil sie nach der Ruhe im SOS-Kinderdorf den Lärm im Ort nicht gewohnt war: „Das war der Wahnsinn. Ein, zwei Monate lang hab ich jedes Auto und jeden Zug gehört“, erinnert sie sich. Und oft auch die Nachbarn, wenn die Früh zur Arbeit gingen. Mit diesen kommen die beiden jungen Frauen übrigens „super klar“ – und nicht nur seit sie jedem eine Tüte voll selbst gebackener Plätzchen verehrt haben. Ein älteres Ehepaar hat ihnen sogar angeboten, dass sie mit Problemen und Fragen jederzeit zu ihnen kommen können, freut sich Ann-Kathrin.
Auch das SOS-Kinderdorf unterstützt die beiden Frauen weiterhin über eine stundenweise Betreu-ung. Die Fachkraft hilft zum Beispiel bei offiziellen Schreiben von Krankenkasse, Bank und anderen Institutionen, mit denen Ann-Kathrin nach vor so ihre Probleme hat. Ansonsten ist sie inzwischen ganz froh über ihre Selbstständigkeit, weil es „eine ganz neue Erfahrung“ ist. Und zurück kann sie ohnehin nicht. Denn anders als im „Hotel Mama“ ist ihr altes Zimmer bereits renoviert und wartet auf ein weiteres Kind, das voraussichtlich bis zur Verselbstständigung im SOS-Kinderdorf bleibt.