10. 06. 2016

Tiere helfen

Auge in Auge mit dem Esel: Luisa füttert

Auge in Auge mit dem Esel: Luisa füttert

Offizielle Eröffnung und Vorstellung des Konzepts der Tiergestützten Pädagogik im SOS-Kinderdorf Saar

„Herzlich willkommen im SOS-Kinderdorf Saar und besonders zur Vorstellung unseres neuen Angebots, der Tiergestützten Pädagogik“, begrüßte Einrichtungsleiter Joachim Selzer die Gäste. Lisa Böhm, Dipl. Sozialpädagogin mit mehrjähriger Berufserfahrung und Zusatzqualifizierung für die tiergestützte Arbeit, informierte anschließend anhand einer Power Point Präsentation über dieses neue Angebot des Kinderdorfs.

Drahtseilakt: beim Balancieren im Wald Bild vergrößern

Drahtseilakt: beim Balancieren im Wald

Seit Herbst 2015 gibt es diesen  von Tieren begleiteten pädagogischen  Förderansatz im SOS-Kinderdorf Saar als ergänzende Methode der sozialpädagogischen Arbeit. Die Förderung der Kinder erfolgt in wöchentlich stattfindenden Einzelmaßnahmen. Die Dauer des Gesamtprozesses ist abhängig von der Erfüllung der vorher erarbeiteten Ziele. An den Einzelsettings nehmen zur Zeit insgesamt sieben Mädchen und drei Jungen teil, im Alter von sechs bis vierzehn Jahren. Zusätzlich zu den Einzelinteraktionen werden in den Ferien  tiergestützte erlebnispädagogische Projekte für Kleingruppen angeboten. Dabei steht die Förderung der sozialen Kompetenzen, im Kontext ganzheitlicher Naturerfahrungen, im Mittelpunkt. Unterstützt wird sie hierbei von einer Mitarbeiterin in Ausbildung zur tiergestützten Fachkraft und einer Pferdefachkraft.

Verantwortung für die Tiere - und für das eigene Selbst

Besonders geeignet ist die Tiergestützte Pädagogik für Kinder, die in der Vergangenheit negative Erfahrungen in der Beziehung zu ihren Bezugspersonen machen mussten und keine sichere Bindung entwickeln konnten. Kinder, denen es schwer fällt, die Grenzen anderer und die eigenen Grenzen wahrzunehmen und zu respektieren, können das im Tierkontakt erlernen. Die Übernahme von Verantwortung, die Empathiefähigkeit und die Nähe-/Distanzregulation wird im Tierkontakt gestärkt. Ziele der Tiergestützten Pädagogik sind dementsprechend sehr mannigfaltig. „Den Kindern und Jugendlichen soll eine positive Wahrnehmung ihrer selbst ermöglicht werden, um so ihr Selbstbewusstsein zu stärken“ erläutert Lisa Böhm voller Begeisterung ihre Arbeit. Und fügt ergänzend hinzu: „Das geschieht im Umgang mit dem Tier und der Arbeit für das Tier. Beim Füttern, Ausmisten und der Beschäftigung des Tieres können die Kinder sich als wirksam und wichtig erleben, die eigenen Fähigkeiten entdecken und so ihr Selbstbewusstsein aufbauen.“ Die Kinder sollen mit dem Tier sichere Beziehungs- und Bindungserfahrungen machen, um so frühere, negative Beziehungs- und Bindungserlebnisse mit den Bezugspersonen zu überwinden. Das gelingt, da negative Erfahrungen  nicht auf Tiere übertragen werden und das Kind daher unvoreingenommen auf das Tier zugehen kann und neue, positive Erfahrungen macht, die auf  neue Bezugspersonen übertragen werden können.   

Trost und Halt

Außerdem sollen die Teilnehmer im Umgang mit dem Tier ihre sozialen Kompetenzen  ausbauen können. Sie lernen Rücksichtnahme, friedliches Durchsetzungsvermögen, die Grenzen anderer wahrzunehmen und  zu respektieren, die Akzeptanz von Regeln, Frustrationstoleranz aufzubauen und Verantwortung zu übernehmen. Die Ziele beruhen auf dem gemeinsamen übergeordneten Ziel, die Kinder zu einer selbstständigen und eigenverantwortlichen Lebensführung zu befähigen.

Tiere zeichnen sich dadurch aus, dass sie unvoreingenommen, wertfrei und ohne ihre Aufmerksamkeit an Bedingungen zu knüpfen, Kontakt zu den Kindern aufnehmen. Negative Beziehungserfahrungen werden nicht auf Tiere projiziert. Die Kinder können eine Bindung und Beziehung zu den Tieren aufnehmen und positive Beziehungserfahrungen machen. In schwierigen Lebensphasen bieten die Tiere Trost und Halt und unterstützen die alterstypische Entwicklung. Neben der beziehungs- und bindungsfördernden Wirkung des Tierkontakts wird durch den kontinuierlichen Umgang mit dem Tier und die sehr unterschiedlichen Anforderungen auch die emotionale, psychische, soziale und körperliche Entwicklung des Kindes angeregt. Durch gezielte Übungen werden Entwicklungsrückstände spielerisch aufgeholt.

„Das gesamte Projekt“ so Einrichtungsleiter Joachim Selzer, „ wird seit der Aufbauphase mit einer großzügigen jährlichen Spende der Martine & Bertram Pohl Foundation in Luxemburg unterstützt. Daneben setzt der Träger Eigenmittel ein und es sollen für den weiteren Ausbau weitere Mittel der öffentlichen Hand generiert werden“. Für den sozialen Einsatz sind nur Tiere geeignet, die artgemäß gehalten und tiergerecht eingesetzt werden. Die Bestimmungen der nationalen Tierschutzgesetze werden strikt eingehalten. Die Tiergestützte Pädagogik im SOS-Kinderdorf Saar arbeitet mit Pferden,  Eseln und Hunden. Die eingesetzten Pferde und Esel leben in Offenstallhaltung auf dem 7 km entfernten Hof der Familie Backes in Büdingen. Die Offenstallhaltung bietet mehr Bewegungs- und Beschäftigungsmöglichkeiten  für die Tiere als die klassische Boxenhaltung. Dadurch sind die Tiere ausgeglichener, zufriedener und weniger schreckhaft als ihre Artgenossen in der Boxenhaltung. Zum Hof gehören mehrere Koppeln und ein Reitplatz, die für die Arbeit in der tiergestützten Pädagogik genutzt werden können. Davon konnten sich die Zuhörer im Anschluss an den Vortrag beim Besuch des Hofes in Büdingen überzeugen. Frau Backes bestätigte die Aussagen von Lisa Böhm und stellte die einzelnen Tiere mit ihrer jeweils eigenen Geschichte vor. Während die Hunde sich im Heu austobten schauten die Esel und Pferde interessiert den Besuchern zu und ließen sich das Fell streicheln.

Hier downloaden: Flyer zur Tiergestützten Pädagogik im SOS-Kinderdorf Saar