19. 01. 2012Quelle: Lisa Steber-Haaf

„Käpt’n, mein Käpt’n“

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Lisa Steber-Haaf, sensorisch-integrative Pädagogin am SOS-Kinderzentrum Garmisch, beschreibt wie spielerisch eine heilpädagogische Förderstunde ablaufen kann.

Jedes Kind will die Welt entdecken, Neues lernen, begreifen, erforschen, aus Niederlagen gestärkt hervorgehen, sich an das scheinbar Unmögliche wagen. Die Wege dorthin sind so vielfältig wie individuell. Kinder lernen gern und aus eigenem Antrieb. Leichter geht es, wenn’s Spaß macht. Im heilpädagogischen Betreuungsprozess kommen diese Erkenntnisse zum Tragen. Wir beginnen mit dem, was das Kind gut kann, mit dem, was es gerne tut. Dies bleibt im gesamten Betreuungsverlauf unsere Basis.

Jakob (Name geändert) kam mit sechs Jahren zu mir in die heilpädagogische Förderung. Er war entwicklungsverzögert. Epileptische Anfälle erschwerten das Lernen. Körperkoordination war eine große Herausforderung für ihn. Gegen Stifte war er allergisch, Scheren waren Monster, zählen war überflüssig, und falten war unter seiner Würde. Und Jakob war ein leidenschaftlicher Pirat. Das Anfangsritual unserer Stunden bestand darin, uns als Piraten zu verkleiden. Er als mein Käpt’n und ich als Steuermann. Unser Piratenschiff war eine große Brettschaukel mit Furcht erregenden Piratenflaggen. Wer noch nie auf See war, kann sich vermutlich schwer vorstellen, wie stürmisch es dort ist und wie schwer, sich überhaupt auf dem Boot zu halten (Lernthema: sensorische Integration: Gleichgewichtsbewahrung).

Zwei aus Papptellern ausgeschnittene Masken Bild vergrößern

Mit dem Scherenmonster gezähmte Masken dienen den wilden Piraten als Verkleidung.

Bald suchten wir ein gutes Versteck für unseren Piratenschatz. Aber oh weh! In der nächsten Woche war der Piratenschatz weg! Vermutlich geklaut von anderen Piraten! Zum Glück fanden wir die Schatzkarte. Sofort machten wir uns daran, die Karte zu entschlüsseln und – fünf Schritte Richtung Fenster, dann links… etc. – unseren Schatz zu suchen (Lernthema: Raumorientierung). Ha!

Prompt fanden wir in der Bohnenkiste unsere Edelsteine. Wir sortierten mit viel Ausdauer die Edelsteine heraus (Lernthema: Visuelle Figur-Grund-Wahrnehmung) und zählten sie mit Hilfe unseres 100er-Bretts (Lernthema: Zählen).
Gott sei Dank – alle 100 Edelsteine waren noch da! Mein Käpt’n und ich waren wild entschlossen – so etwas sollte uns nicht noch mal passieren! Deswegen brauchten wir eine größere Flotte. Es war klar, unsere vorrangige Aufgabe war nun, Material zu beschaffen für ein neues Boot. Erst noch etwas „stümperhaft“, später immer akribischer bereiteten wir unsere Angriffe vor (Lernthema: Handlungsplanung). Bis an die Zähne bewaffnet schlichen wir den Gang entlang zum Büro (Lernthema: Körperkoordination). 1, 2, 3 – Angriff! Unsere Sekretärin wurde in Angst und Schrecken versetzt, „Papier oder Leben“ war die Parole – da rückte sie dann ein Stück Papier heraus und unter Siegesgebrüll rannten wir zurück ins Zimmer und falteten aus dem erbeuteten Papier ein Boot (Lernthema: Feinmotorik etc.).

Sodann versuchten wir eine Seeräuberflagge zu malen. Käpt’n, mein Käpt’n war aber unzufrieden mit dem Ergebnis, also holten wir unser Piratenbuch hervor und begannen Flaggen abzupausen (Lernthema: exakte Linienführung, Stifthaltung, Graphomotorik).
Hinterher wurden sie ausgeschnitten (Lernthema: Scherenmonster zähmen) und am Boot befestigt.

So und ähnlich gestalteten sich unsere wöchentlichen Förderstunden. Ist es nun wahr, was im Zuge der Lernforschung wissenschaftlich festgestellt wurde?
Wollen Kinder gerne Neues lernen und entdecken? Gewinnen sie dabei an Selbstvertrauen und Strategien, um im Leben zurechtzukommen? Wollen sie mit Feuereifer die Welt erobern? Scheuen sie dafür weder Zeit noch Mühe?

Fragen Sie meinen Käpt’n!