Warum Rituale für Kinder wichtig sind

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Liebe, Geborgenheit und funkelnde Kerzen: ein perfekter Weihnachtsabend

Ein Interview mit Matthias Müller-Guth, Erziehungsexperte im SOS-Familienzentrum Berlin

Weihnachten ist die Zeit der Rituale und der Magie, der großen Vorfreude. Jeden Tag darf ein Türchen im Adventskalender geöffnet werden, jeden Sonntag wird eine Kerze auf dem Adventskranz angezündet. Sind diese Rituale heutzutage für Kinder überhaupt noch wichtig?

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Matthias Müller-Guth, Erziehungsexperte aus dem SOS-Familienzentrum Berlin

Oh ja, das sind sie! Besonders kleine Kinder sind oft mit den tagtäglichen Eindrücken überfordert. Sie sehen, hören und erleben jeden Tag neue faszinierende Dinge. Sie müssen die Welt erst verstehen und begreifen lernen. Rituale bringen wichtige Strukturen und eine gewisse Regelmäßigkeit mit sich, die Kindern Halt und Orientierung bieten. Gerade die Weihnachtszeit ist hier prädestiniert, weil es eine sehr sinnliche Zeit ist, in der die Kinder ganzheitliche Erfahrungen machen können. Die Welt riecht und schmeckt auf einmal anders. Es ist eine Zeit, die Menschen verbindet und in der vermeintlich alle an einem Strang ziehen: Vorbereitungen im Kindergarten, Adventsfeiern in der Schule, geschmückte Schaufenster – in der Kultur, in der wir leben, gehört das einfach dazu.

Kleine Kinder erleben diese Magie auf ganz andere Art und Weise: Die Existenz von Weihnachtsmann und Christkind wird gar nicht in Frage gestellt. Was macht den Reiz dieses Glaubens aus?

Gerade Kleinkinder haben noch eine ganz andere Auffassungsgabe als Erwachsene. Das Ursache-Wirkung-Verständnis ist noch nicht vorhanden, Gegenstände können genauso lebendig sein wie Puppen oder Stofftiere. In diesem Alter ist  der Glaube an magische Dinge, an Zauberei und Verwandlung  alltäglich, weil Kinder einen anderen Realitätssinn haben. Sie stellen manche Fragen zwanzig Mal, um sich zu vergewissern, wie die Welt wirklich funktioniert. In ihrer Wahrnehmung ist noch der Tisch „böse“, an dem man sich gestoßen hat. Diese Phase dauert ungefähr bis ins Vorschulalter an.

Ist es wichtig, dass man sich als Eltern auf dieses Spiel einlässt?

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Staunen: War das Christkind schon da?

Das muss im Prinzip jeder für sich entscheiden. Für den einen ist es wichtig, den Kindern diesen Zauber zu erhalten, andere Eltern haben das Gefühl, ihren Kindern damit etwas vorzumachen und verzichten lieber darauf. Kinder haben sehr sensible Antennen – sie spüren, ob  Eltern hinter einer Geschichte und hinter einem Ritual stehen und wirklich authentisch sind.  Oft ist so ein magischer Glaube sehr  ortsabhängig. Auf dem Land  ist es oft selbstverständlicher, diesen Glauben zu leben;  in einer Großstadt erfahren Kinder eher, dass mit Weihnachten sehr unterschiedlich umgegangen werden kann.

Irgendwann ist es soweit: Die Realität hält Einzug. Der Nachbar wird als Nikolaus enttarnt, die Eltern beim Einkauf der Weihnachtsgeschenke beobachtet und das Glöckchen, das den Besuch des Christkinds ankündigt, in der Kellerschublade gefunden. Wie reagiert man als Eltern am besten, wenn für Kinder diese Seifenblase zerplatzt?

Auch hier ist Authentizität der Schlüssel für ein gutes Ende. Eltern sollten sich auf keinen Fall rausmogeln, sondern sich Zeit und die Enttäuschung der Kinder ernst nehmen. Man kann beispielsweise den Zauber noch ein wenig mit Sätzen wie „Einige glauben fest an das Christkind, andere nicht – aber wirklich gesehen hat das Christkind noch niemand“ erhalten und eine gemeinsame Diskussion beginnen. Ein guter Weg ist auch, dem Kind die ursprüngliche Entscheidung zu verdeutlichen:  „Du hat die Geschichten überall mitbekommen und warst so begeistert, dass wir uns dafür entschieden haben, Dir den Zauber der Weihnachtszeit zu lassen“.

Den Schmerz und die Vorwürfe, die eventuell kommen können,  gilt es ganz erwachsen zu ertragen.

So schön die Weihnachtszeit auf der einen Seite ist, für viele Familien bedeutet sie puren Stress. Familienbesuche, Geschenkewahn, Feiern im Kindergarten und Sportverein – da sind Streitereien oft vorprogrammiert. Haben Sie einen Tipp, wie Familien trotzdem einen kühlen Kopf bewahren?

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Schöne Vorfreude: Was sich wohl heute im Adventskalender versteckt?

Zur Weihnachtszeit kollidieren zwei Dinge: Zeit und Ansprüche. Nicht nur eigene Ansprüche, sondern besonders die Ansprüche, die andere haben. Ein gutes Rezept ist: frühzeitig anfangen und Prioritäten setzen.
Wenn man sich frühzeitig einig ist, was in der Weihnachtszeit Platz haben soll und was in den vergangenen Jahren für Stress gesorgt hat, lässt sich vieles vereinfachen. Hierfür gilt es, die eigenen Anforderungen und die eigene Perfektion zu überdenken. Anstatt  fünf Sorten Plätzchen backen reicht vielleicht auch eine – und der Rest darf zugekauft sein.  Anstatt sich den Kopf wegen passender Weihnachtsgeschenke zu zerbrechen, könnte man um konkrete und einfach realisierbare Wünsche bitten. Auch der Koch-Marathon kann entzerrt werden: Warum nicht die Gäste um kulinarische Geschenke für ein Buffet bitten oder die Zubereitung der Menügänge unter den Eingeladenen aufteilen? Das Zauberwort heißt Kommunikation. Wenn man ein „Nein“ offen erklärt und dem anderen vermittelt, dass Besinnlichkeit wichtiger als Weihnachtsstress ist, wird es in den seltensten Fällen Konflikte geben.