29. 12. 2016

Reden wir über Familie: Interview mit Jörg Maurer

Jörg Maurer liest zugunsten SOS-Kinderdorf

Jörg Maurer, Kabarettist und Krimi-Autor: Aus den grauen Nebeln der Vorväter

Herr Maurer, reden wir über Familie. Sie waren Beamter, Lehrer an einem Münchner Gymnasium, bevor Sie die Künstlerlaufbahn einschlugen. Wie hat Ihre Familie damals reagiert?
Meine Eltern haben natürlich gesagt: Bub, bleib doch in der Schule. Wobei ich kein Beamter war. Ich war Schwangerschaftsvertretung, das zog sich über fünf Jahre, natürlich nicht die ganze Zeit für dieselbe Frau. In der Zeit war es eher brotlos, so im Angestelltenverhältnis, da spart der Staat. Dann wäre es aber an der Zeit gewesen, ins Beamtendasein zu rutschen. Da habe ich mich dann dagegen entschieden, weil ich mir dachte: Wenn Du da mal drin bist, bleibt es dabei. Künstlerisch wird es dann immer auf Nebenbeschäftigungen rauslaufen, da kann man kein größeres Projekt durchziehen.

Ihr Kommissar Jennerwein geht vollständig in seinem Beruf auf. Ein Privatleben braucht der nicht. Gibt es ein Gesetz, dass Kriminalkommissare im Roman Einzelgänger sein müssen? Auch Fernsehkommissare haben meist keine Familie. Und wenn, macht die nur Probleme.
Ein Krimi folgt gewissen Erzählregeln, die denen im Märchen gleichen. Etwas ist in Unordnung gekommen. Im Krimi ist das ein Verbrechen. Nun tritt der Held auf, der die Ordnung wieder herstellt. Das ist der Kommissar. Alles, was sonst noch in der Erzählung passiert, muss ihn bei seiner Aufgabe entweder behindern oder unterstützen. Sonst führe ich den Leser auf Umwege, die ihn ärgern, weil sie erzählerisch keine Funktion haben. Wenn ich also eine Ehefrau hineinbringe, muss sie die Aufklärung dieses Verbrechens entweder behindern - oder voranbringen. Das ist schwierig, wenn ich die Eheleute nicht gleich im Doppel ermitteln lasse. Der Kommissar als Paar…. lieber nicht.

Jennerwein ermittelt in einem nicht näher benannten Kurort in den oberbayerischen Alpen, wo die Einheimischen von früh bis spät drauf aus sind, den Fremden Geld aus der Tasche zu ziehen. Warum der bitterböse Blick auf die bayerische Heimat?

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Ach, Heimat. Meine Heimat ist eine bestimmte Literatur, oder wenn der Vorhang aufgeht. Das kann auch in Hamburg oder in Buxtehude sein. Landschaftlich mag ich das Meer eh lieber als die Berge. Na gut, ich freue mich auch, wenn ich nach langen Reisen mal wieder die Berge sehe. Dass meine Erzählungen am Fuße der Alpen spielen, ist eher zufällig. Hier kenne ich mich aus, woanders hätte ich mehr recherchieren müssen. Entscheidend ist, dass sich alles an einem Kurort ereignet. Das Kulissenhafte der Umgebung ist wichtig. Es ist ein Ort, den die Fremden zerstören und zugleich am Leben erhalten. Die Einheimischen haben diesen vorauseilenden Gehorsam dem Gast gegenüber, weil der Gast das Geld bringt. Aber auch das gibt’s nicht nur in Oberbayern. Venedig hat das gleiche Problem.

Wenn es im Krimi heißt, ein Kollege sei gerade auf dem Seminar „Interkulturelle Kompetenz für die bayerische Polizei“ und ein anderer Polizist sagt „oh, das kann sich ziehen“, juchzt der Leser nördlich des Mains. Geben Sie doch zu, dass Sie den Bayern aufs Dach hauen möchten.
Das darf man auch, denn die Bayern geben so fürchterlich an. Überall wollen sie die Größten und die Besten sein, der FC Bayern München ist ein Symbol dafür und langweilig obendrein, weil der immer gewinnt. Man haut irrsinnig auf die Pauke. Und das geht vielen Leuten außerhalb Bayerns auf die Nerven.

Wollen Sie etwa leugnen, dass Bayern ein beliebtes Bundesland ist?
Was heißt beliebt? Wenn man die Leute außerhalb Bayerns fragt, was sie an Bayern mögen, bleibt außer der viel zitierten Schönheit der Landschaft oft nicht viel übrig. Charakterlich ist es ein eher schwieriges Bundesland.

Dafür zieht es aber viele Touristen an.
Oder sie fahren durch. Was bleibt dem Hamburger, der nach Italien will, anderes übrig?

Nochmal zurück zum Kurort, in dem Jennerwein ermittelt. Dort gibt es fast niemanden, der nicht mit und an den Gästen sein Geld verdient. Warum ist das wichtig?
Hier in Garmisch hat die Hälfte der Bevölkerung einen Job, der mit Tourismus oder Sport zusammenhängt. Alles richtet sich nach dem Fremdenverkehr. Immer geht es darum, den Kurgästen zu gefallen. Das beste Beispiel ist die Landwirtschaft, die schon längst tot wäre, würde man sie nicht mit Subventionen am Leben erhalten. Kühe sehen halt gut aus vor so einer Alpenkulisse. Dieses Kulissenhafte ist grauenhaft und gleichzeitig das Reizvolle. Darin entwickeln sich Geschichten, die komisch sind.

Zum Beispiel?
Zum Beispiel das Schuhplattln. Man möchte glauben, dass in Bayern seit 20.000 Jahren geschuhplatt’lt wird. Tatsache ist, dass es Mitte des 20. Jahrhunderts aus ganz anderen Volkstanz-Traditionen heraus erfunden wurde, um den Fremden etwas vorzuführen. Es wurde etwas Neues erschaffen, was in der Form eben keine Tradition hatte. Warum steht man nicht dazu, dass man es in relativ junger Zeit erfunden hat? Nein, das geht nicht, die bayerische Tradition muss immer irgendwie aus den grauen Nebeln der Vorväter zu uns hinüber wehen.

Ist Familie für Sie als Künstler etwas, wovon man sich besser beizeiten emanzipiert und sich stattdessen Wahlverwandte sucht?
Überhaupt nicht! Wenn ich so dächte, würde ich mich nicht für SOS-Kinderdorf engagieren. Nein, im Gegenteil: Ich sehe das riesige Unglück, wenn eine wichtige Bezugsperson für ein Kind plötzlich wegfällt, aus welchen Gründen auch immer. Weil das ein Drama ist, ist das, was SOS-Kinderdorf tut, so wichtig.

Haben Sie dieses Drama am eigenen Leib erlebt?
Nein, ich hatte eine ziemlich glückliche Kindheit. Ein stabiles Zuhause. Mein Vater war Buchhalter bei der Zugspitzbahn und ist noch einer Reihe anderer Tätigkeiten nachgegangen, meine Mutter ebenso. Beide haben sich in –zig Vereinen engagiert, mein Vater war in der Diaspora in der SPD, war einer von zwei oder drei aktiven Sozis am Ort. Für Künstlerisches hatte man durchaus Sinn, hat es aber als Freizeitbeschäftigung gesehen. Kunst als Beruf? Davon war abzuraten. Leider sind meine Eltern gestorben, bevor der große Erfolg mit den Krimis kam. Das finde ich jammerschade. 

Ihre Eltern haben Ihre Ambitionen als Künstler kritisch gesehen, Sie aber trotzdem unterstützt?
Ja. Es braucht immer jemanden, der ein Talent nicht nur erkennt, sondern es auch fördert. Und zwar ganz handfest, mit Geld. Als ich mich entschlossen habe, den Lehrerberuf an den Nagel zu hängen und stattdessen Kabarett zu machen und in München ein Theater zu leiten, haben meine Eltern hinter mir gestanden und mir Starthilfe gegeben. Nicht über Jahre, das Theater und das Kabarett florierten ja ganz gut, aber dieser Rückenwind meiner Eltern am Anfang war doch entscheidend. Das ist eine feine Sache, die vielen Menschen nicht zuteilwird.

Das war der Grund, sich für SOS-Kinderdorf zu engagieren?
Nein, mein Einstieg bei SOS-Kinderdorf verlief so, dass ich nach dem Tod meines Vaters dessen Unterlagen ordnete und sah, dass er seit vielen Jahren für SOS gespendet hatte. Zunächst habe ich das einfach übernommen. Dann lernte ich eine Mitarbeiterin von SOS-Kinderdorf kennen, die mir das Kinderdorf am Ammersee gezeigt hat. Da wurde mein Bild von SOS-Kinderdorf, das irgendwie in den 60er Jahren festhing und schwarzweiß war, sozusagen mit einem Schlag bunt. Ich finde sehr gut, was SOS-Kinderdorf macht. Und wie es das macht.