14. 06. 2012Quelle: Von Ella Schindler / Nürnberger Zeitung

Jede Pflegefamilie hat ihre eigene Geschichte

Familie tobt im Bett / Clipart

Auf dem Weg zur glücklichen Kindheit

Was bringt eine Familie dazu, ein Pflegekind aufzunehmen? Eine einheitliche Antwort gibt es darauf nicht. Jede Familie hat dafür ihre eigenen Gründe, wie sie auch ihren eigenen Weg hat, dem Pflegekind Geborgenheit, Liebe und Sicherheit zu geben. Das bestätigen folgende drei Geschichten.

Schlaflose Nächte, wenn Niklas (alle Namen geändert, Anm. d. Red.) zahnte, Freude und Stolz, als er die ersten Schritte machte: Mit Niklas ist für Sigrid Meier fast alles so, wie es auch mit ihren Kindern Mia und Dominik war. Fast. Denn der Zweijährige ist ihr Pflegekind. Der Unterschied existiert für die Nürnbergerin nur auf dem Papier: „Für mich ist er wie ein leibliches Kind. Nur dass die Schwangerschaft nicht da war.“ Und überhaupt, „irgendwann mal spricht keiner mehr darüber, dass Niklas unser Pflegekind ist.“ Sie und ihr Mann hatten sich schon lange überlegt, ein Pflegekind bei sich aufzunehmen. Als das jüngste leibliche Kind aus dem Gröbsten heraus war, war die Zeit dafür reif. Niklas kam mit zwei Wochen aus der Bereitschaftspflege zu Familie Meier in die Dauerpflege. Sigrid Meier meistert ihren Alltag mit drei Kindern mit Begeisterung: „Mit Niklas haben wir keine Schwierigkeiten, die andere Kinder nicht auch haben. Er ist sehr weit für sein Alter und orientiert sich sehr stark an seinen Geschwistern.“

"Niklas wird mit zwei Mamas aufwachsen"

Eine Familie tobt am Strand Bild vergrößern

Zu ihrem Alltag gehören aber auch Gespräche mit den Sozialpädagogen des SOS-Kinderdorfs in Nürnberg, regelmäßige Supervisionen dort und die Kontakte zur leiblichen Mutter von Niklas. Ein Problem damit hat Sigrid Meier nicht. Für Niklas gibt es eben Mama und „Mama Natalie“, wie er seine leibliche Mutter nennt. „Sie ist nett und akzeptiert, dass Niklas bei uns ist“, sagt die 41-Jährige und fügt mit einer großen Portion Selbstverständlichkeit in ihrer Stimme hinzu: „Er wird mit zwei Mamas aufwachsen.“ Aus der Umgebung – von Verwandten, Freunden, Nachbarn – gibt es viel Anerkennung, berichtet Sigrid Meier: „Sie sagen, sie finden es toll, dass wir es machen.“ Es komme aber auch immerwieder die Frage, ob die Familie nicht Angst hat, dass Niklas wieder zu seinen leiblichen Eltern muss. Doch diese Frage verneint die Pflegemutter: „Das ist absolut unwahrscheinlich.“

Ansprechpartner für Pflegeeltern: Christine Sommer und ihre Kollegin Eva Schuh Bild vergrößern

Kompetente Ansprechpartner für Pflegeeltern: Christine Sommer und ihre Kollegin Eva Schuh

Bettina Heinrich wäre glücklich, wenn sie das auch sagen könnte. Sie bangt nun seit knapp zwei Jahren darum, ob sie und ihr Mann den kleinen Peter behalten dürfen. Zeigten die leiblichen Eltern am Anfang kein Interesse am Kontakt zum Jungen, wollen sie nun den Dreijährigen wieder zurück. Dabei ging mit Peter für die Familie Heinrich ein Traum in Erfüllung. „Zehn Jahre lang haben wir uns um ein leibliches Kind bemüht, ohne Erfolg. Wir wollten dann ein Kind adoptieren, vier Jahre lang hat sich da nichts bewegt“, erinnert sich die 37-Jährige. Dann schlug ihr Mann vor, Pflegeeltern zu werden. „Ich wollte es am Anfang nicht. Denn das Kind gehört dir da nicht ganz. Aber nach einem Jahr war ich dann soweit.“ Etwa sechs Monate dauerte die Eignungsprüfung. Es war der vierte Vorschlag, bei dem die Heinrichs ihre Chance sahen. „Als ich Peter zum ersten Mal sah, dachte ich, er ist irgendwie komisch. Aber nach einer Stunde war alles anders. Ich dachte mir: Er ist meins. Ich konnte sofort Gefühle für ihn aufbauen“, sagt Bettina Heinrich.
Für die Pflegefamilie begann das Leben, das sie sich schon so lange gewünscht hatte. „Auch meine Mutter war im siebten Himmel, und mein Vater, der inzwischen schon verstorben ist, rief jeden Tag an und erkundigte sich nach Peter.“ Der Junge ist ein fröhliches, aufgewecktes Kind. „Er stellt viele Fragen und kocht gerne mit.“ Die Familie war fest davon überzeugt, dass der Junge bei ihr für immer in der Dauerpflege bleibt. Der rechtliche Streit um das Kind, der am Anfang nicht absehbar war, überschattet aber nun ihr Leben. Die zweiwöchigen Kontakte zu den leiblichen Eltern gestalten sich schwierig, sagt die Pflegemutter: „Peter kann nicht zur Ruhe kommen.“ Die Pflegeeltern auch nicht. „Es ist eine Ausnahmesituation. Wir müssen endlich wissen, was Sache ist“, sagt die 37-Jährige.

Die Geschichte von Martina Zoll ist eine andere. Sie ist 50 Jahre alt und ihre drei leiblichen Kinder sind längst aus dem Haus: „Da fragte ich mich mit meinem Mann, ob wir alleine bleiben wollen.“ Das wollten sie nicht. Mit Pflegekindern haben sie schon Erfahrung gehabt, nachdem zwei Kinder bei ihnen in der Kurzpflege lebten. Und so kam ihr Pflegekind Manuel vor zwei Jahren zu ihnen. Seine Mutter ist drogenabhängig und konnte sich deswegen nicht um den Kleinen kümmern. Der Junge mit seinen drei Jahren hat bereits viele Beziehungsabbrüche und unterschiedliche Lebensorte hinter sich: Er war in der Bereitschaftspflege, kehrte zurück zur Mutter, kam wieder in eine Kindernotwohnung. Seine Erfahrungen hinterließen Spuren.

Unterstützung vom SOS-Kinderdorf Nürnberg

„Die erste Zeit war hart. Die ersten zwei Wochen hat Manuel fast minütlich ,fuck you‘ gesagt. Das Kind war durcheinander“, erzählt seine Pflegemutter. „Ich habe versucht, das Kind zu verstehen, um sein Verhalten besser zu verkraften.“ Auch der Wunsch, ihr altes Leben wieder zu haben, sei immer wieder da gewesen, gibt sie zu. Doch sie gab nicht auf. Sie und ihr Mann boten dem Jungen einen klaren Rahmen. „Es war ein langsamer Vorwärtsprozess. Nach etwa zwei Wochen konnte ich mich wieder öffnen und Mama für Manuel sein und er öffnete sich auch.“ Die Pflegeeltern haben ein gutes Unterstützungsnetz. Neben fachlicher Betreuung und Supervision gehört dazu auch eine Pflegeeltern-Gruppe.

Inzwischen hat sich der heute Fünfjährige gut entwickelt. Manuel besucht einen integrativen Kindergarten und seit kurzem auch eine Spieltherapie. Er werkelt ganz gerne mit seinem Pflegevater in der Werkstatt und liebt es, in der Natur zu sein. „Im Wald erkennt er seine Seele“, sagt die 50-Jährige. Trotzdem: Es gibt immer wieder Momente, in denen Manuel stärker als andere wissen will, wie weit er gehen kann. Seine Pflegeeltern setzen auf Konsequenz, erklärt Martina Zoll: „Wir dürfen nicht von unserem Standpunkt abrücken.“ Manuel ist mit einer Rückkehroption in der Pflege der Familie Zoll. Das beunruhigt seine Pflegemutter nicht. Falls Manuels Mutter tatsächlich wieder in der Lage sein würde, für ihn zu sorgen, wäre es für Martina Zoll auch in Ordnung, wenn er eines Tages zu ihr zurückkehrt. „Ich hoffe, dass die Verantwortlichen die Entscheidung treffen, die für ihn das Beste ist.“

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