27. 02. 2014Quelle: Ulrike Hagemann

Mein Leben als SOS-Kinderdorfmutter

Mädchen in Hängesessel

Geborgenheit weitergeben

25 Jahre lang arbeitet Ulrike Hagemann bei SOS-Kinderdorf -  davon 23 Jahre als SOS-Kinderdorfmutter. Gerne erinnert Sie sich an die Anfänge zurück und erzählt aus Ihrem bewegten Alltag.

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SOS-Kinderdorfmutter Ulrike Hagemann

Mein Leben als Kinderdorfmutter hat natürlich ganz viel mit Kindern zu tun. Zu meiner Kinderdorffamilie gehören insgesamt neun Kinder, zwei davon leben noch mit mir in unserem Haus. Meine Ausbildung zur Kinderdorfmutter begann ich nach elf Jahren Tätigkeit im Buchhandel. In meiner Kindheit habe ich viel Geborgenheit erfahren – das wollte ich gerne an Kinder, die dies nicht so selbstverständlich erleben durften, weitergeben. Hermann Gmeiner und die SOS-Kinderdörfer waren mir durch Erzählungen meiner Großeltern seit meinen Kindertagen ein Begriff. Als ich sah, dass es ein Kinderdorf fast in Hamburg, der schönsten Stadt der Welt, gibt, stand mein Entschluss fest: Harksheide sollte meine neue Heimat werden. Zum Glück war Herr Pütt, unser damaliger Dorfleiter, der gleichen Meinung. Am 1. April 1988 (nein, kein April-Scherz!) begann mein neuer Lebensabschnitt mit einem Umzug vom Kohlenpott nach Schleswig-Holstein.

1990: die eigene SOS-Kinderdorffamilie

Ein Jahr lang lernte ich den Alltag in verschiedenen Kinderdorffamilien kennen, unterstützte die Kinderdorfmütter und vertrat sie an ihren freien Tagen. In dieser Zeit verfestigte sich bei mir der Wunsch, Kinderdorfmutter zu werden und genau in diesem Dorf zu bleiben, in dem ich mich einfach nur wohl fühlte. Im zweiten Jahr besuchte ich die vereinseigene Mütterschule Mörlbach in der Nähe des Starnberger Sees – eine mittlerweile historische Ausbildung, denn Mörlbach gibt es schon lange nicht mehr. Im März 1990 war es dann endlich soweit – „mein“ Haus 15 war fertig eingerichtet, vier Geschwister im Alter von neun, fünf, drei und eineinhalb Jahren zogen ein und stellten als erstes alles auf den Kopf, was ich mir so nett für unseren Anfang ausgedacht hatte! Ich erinnere mich noch lebhaft, wie ich durchs Haus stürmte, um alle Schrankschlüssel in Sicherheit zu bringen.

Oma und Opa gehörten dazu

Esstisch im SOS-Kinderdorf Harksheide Bild vergrößern

Bereit für den Ansturm: Als SOS-Kinderdorfmutter hat man bei den Mahlzeiten immer volles Haus.

In den ersten Wochen und Monaten mussten wir erst mal Strukturen ins Chaos bringen, angefangen von festen Essenszeiten bis hin zu der Tatsache, dass die Nacht zum Schlafen da ist. Und ganz wichtig: Streiten bedeutet nicht, dass man sich nicht mehr lieb hat. So nach und nach wuchsen wir zusammen und lebten in Vielem einen ganz normalen Alltag wie andere Familien auch. In der Woche bestimmten u.a. Schule, Kindergarten, Haushalt, Nachmittagstermine und das leidige Aufräumen den Tagesablauf. An den Wochenenden genossen wir es, Ausflüge an die Alster oder an die Nordsee zu machen und viel draußen zu sein. Zur Selbstverständlichkeit wurde ebenso der sonntägliche Kirchgang und ist es noch heute. Meinen mittlerweile verstorbenen Eltern lagen ihre Kinderdorfenkel genauso am Herzen wie die Kinder meiner vier Geschwister, sie machten da keinerlei Unterschied. Besuche bei Oma und Opa waren trotz der langen Fahrt ins Ruhrgebiet immer wieder ein Highlight. Auch meine Geschwister wurden zu wichtigen Personen und jedes Baby, das dort ankam, wurde mit Spannung als Cousin oder Cousine erwartet. Opa Hagemann wurde nicht nur von meinen Jungs zu Silvester sehnlichst im Kinderdorf erwartet. Die anderen genossen es ebenso, wenn er mit ihnen „richtige Raketen“ knallen ließ und sich nicht wie die ängstlichen Kinderdorfmütter nur auf Kinderknaller beschränkte.

Ein Pullover als Pfand bei Reisen

Aber natürlich ist nicht alles Friede, Freude, Eierkuchen bei uns und natürlich ist auch nicht alles „normale Familie“. Die Kinder bringen viele Verletzungen, Ängste und Unsicherheiten mit. Auch haben sie oft noch gar keine oder nur wenig Struktur und Verlässlichkeit in ihrem Leben gehabt. Ihnen Sicherheit zu geben, das Gefühl zu vermitteln „Du bist Du, und Du bist so wie Du bist okay“, eine verlässliche Alltagsstruktur zu leben, sind oft erst einmal wichtigere Ziele als die deutsche Rechtschreibung und das kleine Einmaleins. Ebenso ist es für sie wichtig zu begreifen, dass ich sie nicht alleine lasse, dass ich tatsächlich wiederkomme, wenn ich meinen freien Tag habe und mein Kollege mich vertritt. Lange brauchten einige der Kinder ein Tuch oder einen Pullover als eine Art Pfand von mir, wenn ich verreiste.

Beide Mamas haben ihren Platz

„Andere Kinder haben zwei Väter – ihr habt eben zwei Mütter“, mit diesem Satz konnte die leibliche Mutter nach langem Hin- und Hergerissen-Sein ihrer Tochter erlauben, sich in ihrer Kinderdorffamilie endlich daheim zu fühlen. Beide Mamas durften ihren Platz haben. Vor diesem Satz habe ich heute noch Hochachtung. Er hat auch mir bei meiner Haltung den leiblichen Eltern gegenüber sehr geholfen. Nicht immer ist die Arbeit mit den Herkunftsfamilien einfach. Umso dankbarer bin ich, dass uns das in unserer Familie größtenteils gut gelingt. Wenn die Kinder groß sind und „aus dem Haus gehen“, wird die Arbeit nicht weniger, denn neue Kinder folgen. Dann ändert sich die Hackordnung, Kleine werden plötzlich zu Großen. Bis das neue Miteinander klappt, vergeht einige Zeit. Manche Rituale bleiben, manche ändern sich. Die „Ehemaligen“ gibt es natürlich weiterhin, sie rufen an und kommen zu Besuch – das ist dann wieder wie „normale Familie“!

Oasen außerhalb des Dorfs

Pinnwand im SOS-Kinderdorf Harksheide Bild vergrößern

Den Überblick bejhalten: Gute Organisation ist für eine SOS-Kinderdorfmutter unerlässlich.

Mein Leben als Kinderdorfmutter ist nicht einfach nur ein Job. Rund um die Uhr bin ich da, meine Arbeit und mein Privatleben sind eng miteinander verbunden und oftmals schwer oder gar nicht zu trennen. Es gibt Zeiten, in denen das Leben im Kinderdorf einfach nur wunderschön ist, und es gibt Zeiten, in denen ich ganz arg an meine Grenzen gerate. Als Kinderdorfmutter hat frau besondere Stahlnerven, die jedoch auch gepflegt werden müssen. Ganz wichtig sind mir meine „Tankstellen“ und Oasen außerhalb des Dorfs, kleine Auszeiten, mein wöchentlicher freier Tag und mein Urlaub. Meine Schwester, meine Freundinnen und einige Menschen, die mir ans Herz gewachsen sind, sind Wegbegleiter, auf die ich nicht verzichten möchte. Die Nordsee, mein Lieblingsplatz auf der Welt, ist erfreulicherweise nicht so weit weg. Den steten Wechsel der Gezeiten zu beobachten, hat bei mir schon so manches Problem klarer werden lassen und der Wind so manchen Ärger weggepustet.

Dieses Jahr geht meine aktive Zeit hier zu Ende, die letzten zwei Kinder und ich werden die Ära der Familie Hagemann in Haus 15 beenden. „Mama“ bleibe ich weiterhin…