20. 08. 2013

Irgendwann bleibt der Kühlschrank leer

Ein Mädchen isst ein Butterbrot.

Als die vierjährige Simone vor einigen Jahren ins SOS-Kinderdorf Ammersee kam, endete ihr erster Gang vor dem Kühlschrank: Sie öffnete die Tür und starrte minutenlang versonnen auf den Inhalt. "Butter, Käse, Wurst, Eier und Gemüse - immer wieder musste sich die Kleine vergewissern, dass die Lebensmittel nicht verschwinden. Denn bevor das kleine Mädchen zu uns kam, musste sie bittere Armut kennen lernen.", erinnert sich ihre SOS-Kinderdorfmutter zurück.

Das kostenlose Mittagessen ist oft die einzige Mahlzeit am Tag

Mittagstisch SOS-Kinderdorf Gera Bild vergrößern

Im Café Krümel im SOS-Kinderdorf Gera bekommen die Kinder ein warmes Mittagessen und lernen gleichzeitig auch mit wenigen Zutaten eine gesunde Mahlzeit zu kochen.

Auch die Mitarbeiter in den SOS-Kinder- und Jugendhilfen und den SOS-Mütterzentren sind täglich mit dem Thema Kinderarmut konfrontiert. Einige Kinder kommen im Winter lediglich mit einem T-Shirt bekleidet in die Einrichtung und suchen Zuflucht an der Heizung, weil ihren Eltern das Geld für warme Winterkleidung fehlt. Oder es gibt Kinder, die beim Mittagessen so viel in sich hineinschlingen, dass die SOS-Mitarbeiter aus Vernunftsgründen eingreifen müssen. "Die Kinder haben Hunger und Angst, dass sie in den nächsten Tagen kein warmes Essen mehr bekommen", weiß Gabriele Friedrich, Leiterin des SOS-Mütterzentrums Zwickau.

Armut ist nicht nur materieller Natur

Das Café Krümel im SOS-Kinderdorf Gera hat sich mittlerweile auf die vielen Familien eingestellt, die von den "Tafeln" Nahrungsmittel beziehen. "Wir zeigen den Familien, wie sie damit trotzdem ein leckeres und gesundes Essen zaubern können. Die zumeist Alleinerziehenden sind dankbar. Allein zu sehen, dass es anderen genauso geht und dass es Einrichtungen gibt, die helfen, bewirkt Vieles und macht sie offen, auch in anderen Bereichen die SOS-Beratungsangebote zu nutzen".

Ein gesundes Selbstwertgefühl hilft

Sozialpädagogin Nicole Janssen aus dem SOS-Familienzentrum Berlin hat die Erfahrung gemacht, dass die materielle Armut nicht immer das Hauptproblem ist. "Es ist vielmehr die soziale und emotionale Armut, die das Leben vieler Familien bestimmt."  Wenn Eltern schon lange ohne Arbeit sind oder besonders viel arbeiten und doch nur gerade das Existenzminimum verdienen, fällt es ihnen oft schwer, ihren Kindern die notwendige Aufmerksamkeit zu schenken."

SOS-Familienzentrum: Unser Secondhand-Shop Bild vergrößern

Günstige Kleidung, jede Menge Spielsachen und auch ein Kinderwagen: der Second-Hand-Shop der SOS-Kinder- und Jugendhilfen Augsburg

Hoffnungslosigkeit und Existenzängste gehören oftmals schon für die Jüngsten zum Alltag. Im SOS-Familienzentrum Berlin finden alle Familienmitglieder Unterstützung – ohne dass die Armut dabei immer im Vordergrund steht. Die Besucher basteln oder töpfern gemeinsam, die Kinder toben in dem großen Garten des SOS-Familienzentrums Berlin und lernen in der Fahrradwerkstatt, wie sie Schäden am Drahtesel selbst beheben können. Fällt den Mitarbeitern auf, dass jemand aus finanziellen Gründen nicht mitmachen kann oder ein Kind beispielsweise im Spätherbst noch immer seine Sommerjacke trägt, helfen sie mit Hilfe von Spenden kurzfristig und unbürokratisch aus. "Wir schaffen so ein Stück Normalität für die Familien und bauen ein Selbstwertgefühl auf", sagt Nicole Janssen. "Unsere Hoffnung ist, dass wir ihnen so langfristig helfen, dass sie ihr Leben selbst in die Hand nehmen und aus der Armut rauskommen."